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Allgemeinmedizin 16. November 2005

Arztberuf: Eine Frage der Ehre

Brauchen Ärzte neben gesetzlichen Regelungen auch ein festgeschriebenes Standesethos? Ethiker meinen ja. Doch kaum eine Kammer konnte sich bisher dazu aufraffen.

Hippokrates ist tot. Das gilt auch für seinen Eid. Kein Jungmediziner schwört mehr auf ihn. Er wird nur noch dann aus der Lade gezogen, wenn jemand glaubt, damit die Qualität und moralische Integrität ärztlichen Handelns außer Streit stellen zu wollen. Doch ganz ohne Standesethos geht es nicht. Promotionserklärungen und auch die Genfer Deklaration der World Medical Association (http://www.wma.net) führen die Tradition des Hippokratischen Eides weiter. Ein ärztliches Berufsethos scheint auch notwendiger denn je zu sein: Veränderungen der Gesundheitssysteme und der Arbeitsbedingungen führen derzeit in fast allen Ländern zu Frustration und Unsicherheit bei den Ärzten. Orientierungshilfen sind gefragt. Das sehen auch einzelne Standesvertretungen so.

Klares Bekenntnis zur„bio-psycho-sozialen“ Medizin

Die Ärztekammer für Steiermark hat soeben eine völlig überarbeitete Standesordnung präsentiert. Sie soll „das Ärztegesetz ergänzen und auf Aspekte der Ethik und des Verhaltens, der Pflichten und auch der Rechte eingehen, die über juristische Vorschriften hinausgehen“, heißt es darin. Ganz voran stehen das Bekenntnis zu einer gesamt-menschlichen „bio-psycho-sozialen“ Ausrichtung der Medizin sowie die Betonung der Wichtigkeit des ärztlichen Gesprächs. In der Folge geht es vor allem um drei Bereiche: Erstens um das höfliche und kollegiale Verhältnis zwischen Ärztinnen und Ärzten untereinander. So zum Beispiel, dass überwiesene Patienten mitsamt ihrer Befunde wieder rück­überwiesen werden oder dass Ärzte sich gegenseitig kostenlos behandeln sollen. An zweiter Stelle steht die Beziehung zu den Patient/innen. „Jede ärztliche Behandlung hat unter Wahrung der Menschenwürde und Achtung der Persönlichkeit, des Willens und der Rechte zu erfolgen“, so der Wortlaut der Standesordnung. Und weiter: „Ohne patientengerechte Sprache ist die für Diagnose und Therapie entscheidende Kommunikation mit Patienten und Angehörigen unmöglich.“

Arzt-Patientenbeziehung als öffentliche Angelegenheit

Der dritte Bereich behandelt das Verhältnis der Ärzt/innen zu den anderen Partnern im Gesundheitswesen. „Im Laufe der Zeit ist aus der sehr exklusiven Zweierbeziehung zwischen Arzt und Patient eine öffentliche Angelegenheit geworden“, sagt der Wiener Theologe, Jurist und Ethiker Dr. Jürgen Wallner. „Durch das Arbeiten in Institutionen sind der Bezugsrahmen und damit auch der Rechtfertigungsbedarf viel weiter geworden.“ Ein Kernproblem ärztlicher Ethik sieht Wallner in der Diskrepanz zwischen „Diagnostizierbarem“ und „Therapierbarem“, die zu einer extrem hohen Erwartungshaltung sowohl bei Patienten als auch Ärzten führe. „Die Nicht-Akzeptanz von Krankheit und Sterben führt zur Überforderung oder zur Überschätzung der eigenen Fähigkeiten.“

Standesordnung ist nicht in Stein gemeißelt

Neben einigen ehernen Grundsätzen, wie zum Beispiel dem Grundsatz des „Nil Nocere“ ist die steirische Standesordnung aber „nicht in Stein gemeißelt“, wie ihr „Herausgeber“ Prof. Dr. Thomas Kenner, langjähriger Dekan der medizinischen Fakultät in Graz und Vorsitzender der Ethikkommission, betont. Sie ist offen für neue Themen. „Denn Ethik heißt nicht, vorgefertigte Antworten zu bekommen, sondern die Fragen richtig zu stellen“, sagt Kenner. Dr. Jürgen Wallner hätte dazu bereits eine Anregung: Ihm fehlt der Bereich „Gender medicine“, der derzeit international in der medizin­ethischen Diskussion eine wichtige Rolle spiele. Auch die Frage des Umganges mit knappen Ressourcen wird nicht gestellt. Eigentlich ein Versäumnis, da doch der ökonomische Druck von vielen Ärzten vor Ort schon seit längerem wahrgenommen werde, sie aber keine ethische Orientierungshilfe im Konflikt zwischen ärztlichem Ethos und Ökonomiegebot erhalten, meint Wallner.

Steiermark österreichweit in der Vorreiterrolle

Die steirische Ärztekammer nimmt mit der Neuauflage ihrer Standesordnung österreichweit eine Vorreiterrolle ein. In Oberösterreich wird derzeit ebenfalls gerade an einem Standeskodex gearbeitet. Einige Versuche sind in der Vergangenheit abgebrochen worden, weil dafür in den Gremien keine Mehrheiten gefunden worden waren. Diesmal will man es unbedingt packen. Von den übrigen Landesärztekammern wurden keine diesbezüglichen Aktivitäten gemeldet. Auch in der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) plant man derzeit nicht, eine bundesweit einheitliche Standesordnung zu schaffen. Auch wenn das durchaus wichtig wäre, wie Kammeramtsdirektor Dr. Karlheinz Kux betont. Aber die Länderkammern würden sich diese Kompetenz gerne behalten und hätten daher die ÖÄK noch nicht damit beauftragt.

Buchtipps: Peintinger, M.: „Therapeutische Partnerschaft, Aufklärung zwischen Patientenautonomie und ärztlicher Selbstbestimmung“, 2003, Springer-Verlag,
ca. 350 Seiten, brosch., 39,80 Euro. ISBN 3-211-83792-2
Wallner, J.: „Ethik im Gesundheitssystem“, 2004, UTB/Facultas,
ca. 300 Seiten, 20,50 Euro, ISBN 3-8252-2612-3

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 7/2005

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