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Allgemeinmedizin 16. November 2005

Krankschreiben ist keine Gefälligkeit

In einzelnen Bereichen der ärztlichen Tätigkeit treffen gesetzliche Auflagen,ärztliche Ethik und Begehrlichkeit von Patienten aufeinander. Die Feststellung, ob jemand arbeitsfähig ist oder nicht, ist ein Beispiel dafür.

„Zentrale Grundlage der Feststellung der Arbeitsfähigkeit ist die persönliche Untersuchung“, unterstreicht Dr. Rudolf Hainz, Allgemein- und Arbeitsmediziner in Wien. Er bedauert, dass Krankmeldungen mitunter von der Ordinationshilfe ausgestellt werden oder manchmal ein Anruf reicht. „Es geht hier nicht nur um die Verantwortung gegenüber der Kasse, sondern die generelle Glaubwürdigkeit als Arzt“, betont Hainz. Wenn ein Arbeitnehmer krank ist, muss er nicht automatisch arbeitsunfähig sein. Arbeitet jemand nur im Büro, muss beispielsweise eine banale Erkältung kein Grund sein, unbedingt zu Hause zu bleiben. Für einen Bauarbeiter, der im Freien harte Arbeit verrichtet, gilt aber Anderes. „Generell sollte die Arbeitsanamnese ein Bestandteil des Gesprächs mit dem Patienten sein“, betont Hainz, der auch als Vortragender beim Seminar der Akademie für Arbeitsmedizin „Krank durch den Beruf, gesund im Beruf“ tätig ist (siehe Kasten). Neben der Frage nach der genauen Art der Arbeitsleistung und deren Rahmenbedingungen sowie der Anamnese der körperlichen Verfassung müsste die auch psychomentale Komponente Beachtung finden. „Immer mehr Patienten wenden sich an uns mit psychischen und psychosozialen Problemen“, berichtet Hainz, „auch diese können eine Arbeitsunfähigkeit begründen.“

Arbeitsunwillig oder tatsächlich krank?

Der Chirurg und Arbeitsmediziner Dr. Hannes Winkler ist in der Wiener Gebietskrankenkasse als Gutachter und Betriebsarzt tätig. Er bringt zunächst ein extremes, negatives Beispiel: Eine Telefonistin ist seit Wochen von ihrem Hausarzt krankgeschrieben, sie wird vorgeladen, von drei Fachärzten untersucht und als „wieder arbeitsfähig“ eingestuft. Unmittelbar danach schreibt sie ihr Arzt mit Rückenschmerzen wieder krank. Inzwischen ist in diesem Fall ein Verfahren beim Arbeitsgericht anhängig und die Kommunikation mit dem Hausarzt gestaltet sich weiter sehr schwierig.„Grundsätzlich gehen Hausärzte mit dem Instrument Arbeitsunfähigkeit aber relativ sorgsam um“, relativiert Winkler dieses Beispiel. Im Rahmen des „Folgekostendialogs“ von Ärztekammer und Gebietskrankenkasse in Oberösterreich wurde unter anderem festgestellt, dass in einzelnen Regionen überdurchschnittlich viele Personen als „arbeitsunfähig“ eingestuft werden.„Der Druck auf den Arzt ist hoch“, gibt Winkler zu. „Es geht um das Vertrauensverhältnis zum Patienten, um die gute Beziehung und nicht zuletzt um den nächsten Krankenschein.“ Dazu Hainz: „Grundsätzlich bringe ich den Patienten und seinen Aussagen Vertrauen entgegen. Ich bin aber auch aufgerufen, sehr genau zu prüfen, ob wirklich ein Grund für eine Arbeitsunfähigkeit vorliegt oder nicht.“ Andererseits müssten Menschen mit starken Beschwerden zum Krankenstand richtiggehend motiviert werden. Mitte der 90-er Jahre lag die durchschnittliche Zahl der Krankenstandstage pro Beschäftigtem im Jahr bei ca. 15 Tagen. Inzwischen ist sie auf etwa 12 Tage gesunken. Hainz und Winkler sind sich einig, dass diese Entwicklung viel mit der Situation am Arbeitsmarkt und der Angst vor Arbeitslosigkeit zu tun hat.

Wenig Verständnis am Arbeitsplatz

„In vielen Betrieben fehlt eine Kultur, die auf den Menschen, seine Bedürfnisse und Grenzen achtet“, analysiert Mag. Karl Wörister von der Abteilung Sozialpolitik der Arbeiterkammer. Er verweist auf den starken Anstieg an psychosozialen und psychischen Problemen, die oft mit der Situation am Arbeitsplatz eng zusammenhängen. Im Durchschnitt sind wegen psychiatrischer Erkrankungen 540 Krankenstandstage pro 1.000 Beschäftigten zu verzeichnen. Aus Wöristers Sicht gäbe es viele Möglichkeiten, Belastungssituationen im Betrieb im gewissen Ausmaß zu vermeiden bzw. akute Spitzen rechtzeitig zu erkennen und den Betreffenden entsprechend zu entlasten. Eine wichtige Rolle komme dabei dem Betriebsarzt zu. Dieser Ansicht pflichtet Winkler bei: „Der Betriebsarzt kann noch viel intensiver Mittler zwischen Beschäftigten und Arbeitgeber sein, sich generell stärker einbringen.“ Denn beim Thema Gesundheit würde es auch um die Produktivität des Betriebes und um das Arbeitsklima gehen. „Einigen Arbeitsmedizinern fehlen die juristischen Hintergründe zum Thema Arbeitsunfähigkeit und auch die Kommunikation mit Allgemeinmedizinern könnte deutlich intensiver sein“, ergänzt Hainz. Der Hausarzt sollte im Gegenzug mehr auf das Thema Arbeitsplatz achten und auch selbst den Kontakt zum Betriebsarzt suchen. Winkler und Hainz plädieren dafür, in Österreich den Begriff der „Teilarbeitsfähigkeit“ einzuführen. Winkler verweist diesbezüglich auf ein Beispiel aus Deutschland, wo ein großes Unternehmen mit der regionalen Krankenkasse vereinbart hat, dass ein langsamer Einstieg nach einem Unfall oder einem längeren Krankenstand möglich ist. „Jemand, der einen Gipsfuß hat, kann nach einiger Zeit durchaus wieder arbeiten und will es oft auch“, konkretisiert Hainz.

Teilarbeitsfähigkeit fehlt

Teilarbeitsfähigkeit wäre auch ein sinnvolles Instrument für Menschen mit psychosozialen oder psychischen Problemen. Auch Menschen mit organischen Krankheiten hätten oft ein starkes Interesse wieder zu arbeiten, aber eben nicht die üblichen 40 Stunden und mit reduzierter Belastung. Kreativität und mehr Flexibilität wären hier auch von Seiten der Unternehmen gefordert. Diesem Ansatz steht Wörister eher skeptisch gegenüber: „Gerade für ältere Menschen ist es heute schwierig, ihren Arbeitsplatz zu behalten, und auch sonst arbeiten viele, solange es irgendwie geht, um ihren Arbeitsplatz nicht zu gefährden.“ Durch neue Bestimmungen dürfe es jedoch nicht zu einem noch stärkeren Druck auf Arbeitnehmer kommen. Wenn es darüber eine Diskussion geben sollte, fordert Wörister auch das Thema Invalidität und mögliche Abstufungen ein.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 6/2005

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