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Allgemeinmedizin 24. August 2005

Jungärzte als Schreibknechte verheizt

Seit Jahren ist bekannt, dass die Ausbildung der Turnusärzte in den Spitälern ziemlich im Argen liegt. Das bestätigt unter anderem eine aktuelle Umfrage der Ärztekammer. Daneben werden auch die Lehrpraxen weiter finanziell ausgehungert. Die Politik sieht tatenlos zu.

Die Turnusärzte leiden. „Ihre Motivation für den Arztberuf sinkt während des Turnus dramatisch“, sagt Dr. Imma Palme vom IFES-Meinungsforschungsinstitut. Dieses hat im Auftrag der Österreichischen Ärztekammer Mitte Dezember des Vorjahres 300 Turnusärzte nach ihren Ausbildungsbedingungen gefragt. Das Ergebnis ist alarmierend: 56 Prozent sagten, dass es an ihrer Abteilung kein Ausbildungskonzept gäbe, 31 Prozent haben keinen fixen Ansprechpartner. 56 Prozent gaben an, dass sie häufig Tätigkeiten des Pflegepersonals übernehmen, wie EKG durchführen, Blutdruck messen oder subkutane Spritzen setzen. Auch mit Schreibarbeiten und Dokumentationsaufgaben werden sie überschüttet. Besonders schlimm präsentiert sich die Situation bei den Turnusärzten in Ausbildung zum Allgemeinmediziner. Bei ihnen umfassen nichtärztliche Tätigkeiten bereits die Hälfte der Arbeitszeit. Palme: „Sie sind Burschen und Mädchen für alles.“

Brettenthaler: „Skandalöse Zustände“

Der Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), Dr. Reiner Brettenthaler, spricht von „skandalösen Zuständen“. Er sieht die Qualität der ärztlichen Versorgung in Österreich gefährdet: „Es muss ein Interesse der Gesundheitspolitik sein, dass die basisversorgenden Kolleginnen gut ausgebildet sind.“ Seine Forderung: Das Tätigkeitsprofil der Turnusärzte müsse von den Krankenanstaltenträgern umgehend umgesetzt werden. Der Obmann der Bundessektion Turnusärzte in der ÖÄK, Dr. Miroslav Lenhardt, fordert ferner eine Ausweitung der Ausbildungsplätze. Die Überprüfung der Ausbildungsstätten (Visitationen) durch die Ärztekammern hätte bereits zu einigen sichtbaren Verbesserungen geführt, sagt er. Seit 2002 seien 114 Spitalsabteilungen österreichweit visitiert worden. Wie nachhaltig die Veränderungen jedoch seien, könne man derzeit noch nicht sagen, so Lenhardt.

Lehrpraxis-Frust

Frustration herrscht auch nach wie vor in den Lehrpraxen. Die Fördermittel des Ministeriums sind extrem beschränkt, der Vergabemodus für viele nicht nachvollziehbar. Laut Brettenthaler gäbe es derzeit österreichweit 1.742 registrierte Lehrpraxen, von denen 110 mit monatlich 1.100 Euro gefördert werden.„Diese Zahlen bestehen nur auf dem Papier“, sagt der Grazer Allgemeinmediziner Dr. Michael Wendler, der seit 15 Jahren Lehrpraktikanten ausbildet. In den 300 gemeldeten Lehrpraxen in der Steiermark würden jährlich nur etwa rund 30 Jungärzte ausgebildet, wobei nur 18 Förderungen bekommen. „Die anderen müssen wir aus unseren eigenen Taschen bezahlen“, so Wendler. Seine Kritik: Die Ärztekammer tut zu wenig, um die Lehrpraxen zu fördern. Ein Umdenken tut Not. Sollte sich nicht bald etwas ändern, droht der Standard der heimischen allgemeinmedizinischen Ausbildung im europäischen Vergleich noch weiter abzusinken. Schon jetzt haben österreichische Ärzte bei Bewerbungen im Ausland nicht gerade die besten Karten. In Teilen Großbritanniens hätten sie, so berichtete kürzlich die Zeitung der Ärztekammer für Wien, bereits keine Chance. „Sorry, no Austrian doctors in the UK!“ heißt es. Den Briten ist deren Ausbildung nicht gut genug.

 

Mediendebatte führt zu Nachspiel in der Kammer

Vizepräsidentin der Wiener Ärztekammer droht ein Misstrauensantrag nach einer Debatte im „Standard“.

Wieder einmal hat die Wiener Landtagsabgeordnete und Gesundheitssprecherin der Wiener Grünen, Dr. Sigrid Pilz, ihre Finger auf eine eitrige Wunde im Gesundheitswesen gelegt. Wie zuletzt schon bei der Aufdeckung der Pflegemissstände im Geriatriezentrum am Wienerwald (Lainz), hat sie auch diesmal die Tageszeitung „Der Standard“ gewählt, um auf die unerträgliche Situation der Turnusärzte in den Spitälern hinzuweisen. Anschaulich beschrieb Pilz, wie die Ausbildungsverpflichtung von den Institutionen und erfahreneren Kollegen ignoriert und die jungen Mediziner mit ihrer Verantwortung allein gelassen werden. Die Turnusärzte würden dadurch verheizt und die Patienten gefährdet, prangert Pilz an. Schuld daran seien die Spitäler, die sich über alle Vorschriften hinwegsetzten. Zahlreiche Krankenhäuser des Wiener Krankenanstaltenverbundes würden nicht einmal über eine gültige Ausbildungsberechtigung verfügen, kritisierte die Politikerin.
Die Vizepräsidentin der Wiener Ärztekammer und Oberärztin an der Wiener Rudolfstiftung, Dr. Gabriele Kogelbauer, reagierte verärgert: Sie verstehe nicht, warum Pilz derart „reißerisch“ und mit falschen Fakten an die Medien gehe, sagte sie gegenüber dem „Standard“. Sie warnte davor, neue Strukturen einführen zu wollen. Diese sowie neue Ausbildungssysteme gäbe es schon, sie würden leider „nur schleppend umgesetzt“ und „vor allem fehle die Zeit“, argumentierte sie. In einem Leserbrief nahm sie dann das Führungsteam des Wiener Krankenanstaltenverbundes in Schutz, dem ihr ehemaliger Chef an der Rudolfstiftung, Dr. Wilhelm Marhold, seit kurzem vorsteht. Sie traue der neuen Führung zu, die „Ausbildungsoffensive“ nun endlich umzusetzen, schrieb sie. Die Kogelbauerschen Kalmierungsversuche schlugen wiederum den Turnusärzten auf den Magen. Die Sektionsvorsitzende in der Wiener Ärztekammer, Dr. Martina Platzer, konterte – ebenfalls per „Standard“-Leserbrief: Die Situation in den Spitälern sei genauso, wie von Pilz geschildert, „wer diese Fakten leugnet, weiß entweder zu wenig Bescheid oder handelt wider besseres Wissen“. Schützenhilfe erhielt sie vom Präsidenten der Wiener Ärztekammer, MR Dr. Walter Dorner, und anderen Kammer-Funktionären. „Wir halten die erste Stellungnahme der Frau Vizepräsidentin für kontraproduktiv“, meint Dr. Jörg Hofmann von der Vereinigung Österreichischer Ärzte. Er kündigte an, dass diese in den Medien ausgetragene Debatte noch ein Nachspiel haben werde. Bei der nächsten Vollversammlung der Wiener Ärztekammer am 2. März soll ein Misstrauensantrag gegen Kogelbauer eingebracht werden.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 5/2005

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