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Allgemeinmedizin 16. November 2005

Qualitätsschub für Ärzteausbildung

Nach langer Wartezeit wird noch im Jänner eine Novelle der Ausbildungsordnung für Ärzte in das Begutachtungsverfahren gehen. Diese könnte einen Quantensprung in der Ausbildungsqualität bringen.

Die aktuelle Ausbildungsordnung ist zehn Jahre alt. Trotz zahlreicher Anläufe schien es zuletzt so, als würden noch einige Monate, wenn nicht Jahre dazu kommen. Die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) hat auf über 250 Seiten für alle Sonderfächer Rasterzeugnisse erarbeitet, die dem aktuellen State oft the Art in medizinischer Hinsicht und der Art der Vermittlung entsprechen. Aber auch danach vergingen vier Monate ohne Entscheidung des zuständigen Ministeriums. Die Rasterzeugnisse waren somit nicht umsetzbar und letztlich nicht mehr wert als das Papier, auf dem sie stehen. In einem offenen Brief an Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat kündigte die ÖÄK im November 2004 an, mit ihrem Anliegen nach einer Ausbildungsnovelle massiv an die Öffentlichkeit zu gehen. Der kontinuierliche Druck scheint sich ausgezahlt zu haben, denn in den nächsten Tagen wird die Novelle zur Begutachtung ausgesandt werden. „Diese kann einen Quantensprung in der Qualität der ärztlichen Ausbildung bringen“, meint Dr. Thomas Holzgruber, Jurist bei der ÖÄK, der auch eine zentrale Rolle in den langwierigen Verhandlungen mit dem Ministerium innehatte.
Im Begutachtungsentwurf wird auf zahlreiche langjährige Forderungen der Ärzteschaft eingegangen. So wird das schon vielfach eingemahnte Sonderfach für Kinder- und Jungendpsychiatrie endlich Realität. Auch in der Kinder- und Jugendheilkunde soll es künftig mehrere Spezialfächer geben, wobei die tatsächlich nötige Zahl – vorgesehen sind momentan 12 – durch die Rückmeldungen auf den Entwurf nochmals evaluiert werden soll. „Als neue Spezialfächer werden die Herz- und die Thoraxchirurgie dazu kommen“, freut sich auch Dr. Terje Hovdar, Leiter der Ausbildungskommission der ÖÄK.

Kommunikation mit Patienten als fixer Ausbildungteil

Als fixer Teil der Ausbildung werden regelmäßige Gespräche zwischen Auszubildenden und den Verantwortlichen der jeweiligen Stationen bzw. Lehrpraxen verankert. „Der genaue Ablauf und die Strukturierung der Ausbildung wird sich auch durch die nun endlich mögliche Umsetzung der Rasterzeugnisse verändern und damit die Qualität steigen“, meint Holzgruber. Für operative Fächer wird etwa eine bestimmte Zahl verschiedener Operationen empfohlen. Auch für die Facharztausbildung gibt es künftig eine Art Logbuch mit allen operativen Tätigkeiten. Als fixe Inhalte werden weiters Bereiche wie Palliativmedizin bzw. Kommunikation mit den Patienten festgelegt. Ebenso enthält der Entwurf die Möglichkeit, die Lehrpraxis in Gruppenpraxen zu absolvieren. Fehlen wird noch der Facharzt für Allgemeinmedizin, „denn dafür ist eine Novelle des Ärztegesetzes Voraussetzung“, so Holzgruber. „Das wird aber einer der nächsten Schritte sein, den wir so rasch wie möglich umgesetzt sehen möchten.“ So sehr er sich darüber freut, dass die Ausbildungsnovelle nun endlich in die Begutachtung gehen kann, betont Holzgruber einschränkend: „Qualität in der Ausbildung lässt sich nur zu einem gewissen Ausmaß verordnen oder mit gesetzlichen Regelungen steuern. Ausschlaggebend ist letztlich die konkrete Umsetzung in den Ländern durch die Spitalsträger sowie im konkreten Alltag der Ausbildung.“ Dazu Hovdar: „Das regelmäßige Gespräch mit Turnusärzten war eigentlich schon immer ein Teil der Ausbildung.“

Hohe Belastungen im Umfeld

Auch Dr. Stefan Kastner, Vorsitzender der Ausbildungskommission der Tiroler Ärztekammer, freut sich über die kommende Novelle, meint aber ebenso, dass sich damit nicht alles sofort zum Besseren wenden wird: „Kostenexplosion im Spitalsbereich, steigende Patientenzahlen mit kürzerer Aufenthaltsdauer, übermäßige Bürokratie mit Kodierung und täglich neuen Formularen, verstärkter Druck durch Anwälte und Verwaltung. Diese Liste der Belastungen für Spitalsärzte und damit auch die Ausbildner und Auszubildenden lässt sich noch lange fortsetzen.“ Hovdar verweist in diesem Zusammenhang auf die vielen nicht ärztlichen und bürokratischen Tätigkeiten, zu denen Turnusärzte nach wie vor in teils sehr großem Ausmaß herangezogen werden. Dies alles wirke sich direkt auf den Verlauf der ärztlichen Ausbildung aus. „Die Ausbildung ist vielerorts zum lästigen Übel verkommen, daran werden noch so viele Novellen wenig ändern“, merkt Kastner an. Aus seiner Sicht steht zudem vielfach theoretisches Wissen und nicht so sehr die Fitness im Alltag in der Klinik oder der Ordination im Vordergrund. Auch die abschließende Prüfung sei zu stark theorielastig. Über die Qualität und den konkreten Verlauf der Ausbildung würde ein solcher Abschluss nur wenig aussagen.

Befragungen statt Visitation

Einig sind sich Kastner und Holzgruber hinsichtlich der Bedeutung der vor etwa zwei Jahren eingeführten Visitation von Ausbildungsstätten: „Aufgrund des großen Aufwands der Durchführung – ein Fachgutachter, mehrere Kommissionsmitglieder usw. – kommt es oft zu einer Fokussierung auf die schwierigsten Fälle und damit auf eine Momentaufnahme.“ Kastner wünscht sich eine kontinuierliche Evaluierung. Wichtige Themen sollten regelmäßig mittels Frage-bogen abgetestet und durch die Landeskammern ausgewertet werden. Eventuelle Mängel, Probleme und Missverständnisse ließen sich so rascher aufdecken. Zur Frage, ob das System der Gegenfächer noch zeitgemäß sei, meint Kastner: „In vielen Fachrichtungen wird über ein Drittel der Zeit dafür aufgewendet!“ Er sieht das Konzept des Facharztes für Allgemeinmedizin bzw. den in der Ausbildung vorgesehenen „Common Trunk“ als möglichen Ausgangspunkt für Verbesserungen, z.B. ein Jahr in chirurgischen und konservativen Fächern kombiniert mit einer Notarztausbildung. „Diese Basis könnte die Gegenfächer ersetzen, und es bliebe mehr Zeit für die Ausbildung im Hauptfach“, ist sich Kastner sicher. Als wichtiges Element für die Qualität der Ausbildung wie auch die kontinuierliche Fortbildung wertete Kastner Fortbildungsangebote in Spitälern, „bei denen viel intensiver mit niedergelassenen Ärzten kooperiert werden könnte“. In den neuen Rasterzeugnissen seien solche zwar teilweise vorgesehen, deren Umsetzung hänge aber vom Engagement der Ärzte ab, was unter anderem stark von den Rahmenbedingungen an der jeweiligen Abteilung beeinflusst werde.

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