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Allgemeinmedizin 24. August 2005

Chefarztchaos: Ministerin verteilt Beruhigungspillen

Es bedurfte keiner großen Propheten, um vorauszusehen, dass nach den Weihnachtsfeiertagen das Chaos in Österreichs Arztpraxen ausbrechen würde. Der Dilettantismus in der Vorbereitung war offenkundig. Unter Druck geraten, sagte die Gesundheitsministerin den Ärzten nunmehr einige Verbesserungen zu. Die Kernprobleme bleiben aber bestehen.

Alarmstufe Rot herrschte vergangene Woche im Gesundheitsministerium: Die Emotionen in den Arztpraxen waren hoch gegangen. Da stieg die Gesundheitsministerin auf die Notbremse. In einem Gespräch mit Vertretern der Ärztekammer stellte sie eine Linderung der Situation in Aussicht. „Der Hauptverband hat in der organisatorischen Umsetzung der Chefarztpflicht neu offensichtlich weit über das Ziel geschossen und die versprochene Akkordierung mit der Ärztekammer nicht eingehalten“, meinte Maria Rauch-Kallat nach einer Unterredung mit Ärztekammerpräsident Dr. Reiner Brettenthaler. Dieser hatte vor allem gefordert, dass der Erstattungskodex in eine lesbare Form gebracht werde.„Wegen der Dokumentationspflicht, und die haben wir nie bestritten, wollen wir, dass in dem Kodex unter jedem ‚gelben’ Arzneimittel auch Preisangaben, Packungsgrößen und zumindest ein Wirkstoff-gleiches Präparat angeführt werden“, sagte Brettenthaler. Bis zum 1. Juli soll der Hauptverband das Heilmittelverzeichnis verbessern. Die Ministerin versicherte auch, dass es im ersten Quartal 2005 zu keinerlei Sanktionen wegen unzureichender Dokumentation kommen werde.

Umstrittene IND-Regelungen

Doch diese „Beruhigungspillen“ lösen die grundsätzlichen Probleme der Ärzte mit der Chefarztpflicht nicht wirklich. Denn dabei geht es nicht nur um umständliche Faxereien und unübersichtliche Codices. Es geht vor allem auch um die schon bisher höchst umstrittene Exekution der IND-Regelungen. „Diese sind voll von medizinischen Fehlern“, kritisiert der Wiener Allgemeinmediziner Dr. Hans Joachim Fuchs. Sie würden ihn dazu zwingen, seine Patienten nicht lege artis zu behandeln. „Das ist nicht zumutbar. Unsere Patienten vertrauen uns.“ Auch Dr. Christian Euler, Präsident des Österreichischen Hausärzteverbandes, sieht das Problem ähnlich: „Wir hätten schon bei der ersten IND-Regelung aufschreien und unseren Patienten erklären müssen, dass sie künftig sagen müssen, dass ihre Versicherung nicht mehr in jedem Fall bereit ist, das für sie Beste zu bezahlen.“ Als Beispiel werden in diesem Zusammenhang oft die restriktiven Verschreibungsregeln bei Statinen gebracht.

Verzweifelte Ärzte und Patienten

Auch die Behandlung von Schwerstkranken in den eigenen vier Wänden sei noch schwerer geworden, klagen Mediziner. Ein Hausarzt aus Niederösterreich brachte seine Verzweiflung in einem Brief an die Ministerin zum Ausdruck. „Mein Patient, der durch eine Krebserkrankung im Sterben liegt, nichts mehr essen und kaum etwas trinken kann, wartet seit vier Tagen auf die Bewilligung der lebensnotwendigen Infusionen per Fax“, schrieb Dr. Josef Zehetgruber vergangene Woche an Maria Rauch-Kallat, nachdem bei seinem Anruf in deren Büro brüsk aufgelegt worden war. Eine deutliche Verschlechterung für die Patienten bewirkt die neue Regelung vor allem dort, wo bisher die Apotheken die chefärztlichen Bewilligungen eingeholt haben. Das ist nun nicht mehr möglich. Sorge bereitet den Ärzten auch die neue „Negativliste“ auf Seite 10 des Erstattungskodex. Darin sind taxativ alle Arzneimittelkategorien aufgezählt, die von der Sozialversicherung prinzipiell nicht erstattet werden. Dazu zählen gleich an erster Stelle Medikamente, „die überwiegend zur Behandlung in Krankenanstalten und/oder unter ständiger Beobachtung verwendbar sind“. Diese Diktion ist neu und sehr unpräzise. Das kritisiert auch der Internist und Onkologe Dr. Wolfgang Halbritter aus Bad Vöslau: „Ob eine Therapie im Krankenhaus oder extramural zweckmäßiger ist, hängt doch nicht ausschließlich vom verabreichten Heilmittel ab, sondern ist eine individuelle Entscheidung, die immer noch der behandelnde Arzt gemeinsam mit dem Patienten zu treffen hat.“

Palliativbetreuung gefährdet

Neben vielen Zytostatika würden im neuen Erstattungskodex auch 1000 ml-Infusionen, parenterale Antiemetika, Nährlösungen, Antibiotika und vieles mehr fehlen, kritisiert der Facharzt. Bisher hätten sich die Kontrollärzte der meisten Kassen zwar kooperativ und bewilligungsfreudig gezeigt, der bürokratische Aufwand sei aber jedenfalls enorm gestiegen. Deutliche Einschränkungen gebe es seit Jahresbeginn bei sämtlichen „komplementären“ Mitteln, worunter vor allem Krebspatienten sehr leiden würden. Es ist anzunehmen, dass diese Regelungen der Negativliste bald ein Fall für die Gerichte werden. In Anbetracht der Leistungseinschränkungen sind die von der Ministerin in Aussicht gestellten Erleichterungen kein wirklicher Trost. Selbst wenn die e-card-Technologie irgendwann die Faxerei ersetzen sollte, ändert dies nichts daran, dass die von vielen Ärzten als Schikane empfundene Chefarztpflicht bestehen bleibt und zu einer bürokratischen Mehrbelastung in den Ordinationen geworden ist.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 3/2005

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