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Allgemeinmedizin 24. August 2005

Empörung über neuen Rettungsnotruf

In Niederösterreich herrscht Aufregung um den neu organisierten Rettungsnotruf. In der Ärztekammer türmen sich die Beschwerdebriefe von besorgten Ärzten, die von gravierenden Mängeln bei der Abwicklung der Notversorgung berichten.

Vor rund zwei Jahren wurde die gemeinnützige Gesellschaft LEBIG (Leitstellen-, Entwicklungs-, Betriebs- und Integrationsgesellschaft m.b.H. ) gegründet, um das Rettungsnotrufsystem in Niederösterreich zu modernisieren und zu zentralisieren. Auftrag war, die Zahl der Leistellen von 73 auf vorerst neun (langfristig auf zwei) zu reduzieren. Eigentümer der LEBIG sind das Rote Kreuz NÖ, der Arbeitersamariterbund NÖ und der Christophorus Flugrettungsverein des ÖAMTC. Zwischen LEBIG und dem Roten Kreuz bestehen enge personelle Verflechtungen. Die Ärztekammer für Niederösterreich hatte ursprünglich vorgehabt, sich an der LEBIG mit zwei Prozent zu beteiligen, diesen Plan bei der letzten Vollversammlung aber offiziell begraben. „Eine Zentralisierung des Rettungsnotrufes ist sicherlich sinnvoll. Aber die Systemänderung ist zu schnell gegangen und war nicht entsprechend vorbereitet. Das System ist einfach nicht ausgereift“, kritisiert Dr. Karl Ischovitsch, Facharzt für Anästhesie im Weinviertelklinikum, Vizepräsident der Ärztekammer für Niederösterreich und selbst seit vielen Jahren als Notarzt tätig. Die LEBIG hat in den vergangenen eineinhalb Jahren eine Leitstelle nach der anderen aufgelöst. Viele sehr erfahrene Mitarbeiter des Roten Kreuzes wurden nicht übernommen bzw. haben aus eigenen Stücken den Dienstort gewechselt. Damit sind viel Erfahrung und regionales Wissen verschwunden. „Viele der neuen Disponenten sind zu wenig qualifiziert für diesen schwierigen Job. Dafür muss man medizinisches Know-how haben. Da wird nach amerikanischem Vorbild ein standardisierter Fragebogen abgefragt, und die Mitarbeiter haben kaum Möglichkeiten zur Rückfrage“, sagt Ischovitsch. Ein Vorwurf, der von Ing. Christof Constantin Chwojka bestritten wird (siehe Interview auf dieser Seite).
Ein Umstand, der die niedergelassenen Ärzte besonders empört, ist, dass bei Notfällen immer gleich Hubschrauber und Rettungswagen alarmiert werden – und das in Einzelfällen in mehrfacher Zahl und sogar bei Insektenstichen. „Es ist eine Tatsache, dass jetzt niedergelassene Ärzte seltener zu Notfällen gerufen werden. Früher wurden die lokalen Praktiker automatisch verständigt“, bestätigt Ischovitsch. Eine Information am Rande: Die LEBIG erhält pro verrechenbarem Transport 6,60 Euro von den Dienststellen. Die Alarmierung von Ärzten bringt ihr kein Geld. Dass Organisationsfehler fatale Folgen haben können, zeigt ein dramatischer Fall aus der Wachau Mitte September. Zwei(!) Rettungswagen wurden zu einer epileptischen Attacke entsendet, der Notarzt nach deren Eintreffen sofort nachgefordert, und der kam erst 35 Minuten später. Bis dahin wurde der Mann frustran basal durch Herzmassage und automatischen Defibrillator reanimiert, doch der Tod konnte nicht verhindert werden. Im Umkreis von zwei Kilometern wohnen zwei Ärzte: der Hausarzt des Patienten und ein Wahlarzt mit Notarztausbildung; beide waren nicht verständigt worden. Der Fall wurde dem Patientenanwalt übergeben und außergerichtlich gelöst. Sowohl bei LEBIG als auch im Land bestreitet man nicht, dass es Probleme gab. „Wie bei jeder Systemumstellung in dieser Größenordnung hat es leider zahlreiche Anfangsschwierigkeiten gegeben“, bestätigt auch der NÖ-Gesundheitslandesrat Emil Schabl. In zahlreichen Gesprächen habe man aber die Koordination verbessern und Schwachstellen weitgehend ausräumen können.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 43/2004

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