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Allgemeinmedizin 14. November 2016

Die Sage vom belebten Wasser

„Ich kenn mich nicht aus.“ Diese Ausrede gilt nicht mehr. Wer nicht weiß, ob Low Carb gut ist, ob es belebtesWasser gibt, der muss halt nachschlagen, etwa im neuen VKI-Ratgeber.

Lasst uns wenigstens die Hühnersuppe! Auf die – scheinbare – No-Na-Frage „Hilft Hühnersuppe bei Erkältung“ hat das Team um Prof. Dr. Gerald Gartlehner folgende Antwort gegeben: „Studien über eine Wirksamkeit am Menschen fehlen bisher. Daher kann nicht beurteilt werden, ob Hühnersuppe bei Erkältung hilfreich ist.“

Und so geht es munter weiter. Lieb gewonnene Hausmittel, Superfoods, Nahrungsergänzungsmittel, Geheimtipps aller Art – sie alle werden, auf Anfrage, einer genauen Prüfung unterzogen. Die Studienlage wird gewertet, und die einzelnen Studien werden aufgrund ihrer methodischen Güte gewichtet. Am Ende kommt ein Urteil heraus. In der Folge finden Sie eine Auswahl solcher evidenzbasierter Befunde, die dem neuen VKI-Buch „100 Ernährungs-Mythen“ entnommen sind:

- Low-Carb-Diäten: Viele bauen beim Abspecken auf Diäten mit reduziertem Anteil an Kohlenhydraten. Kohlenhydrat ist dabei ein Sammelbegriff für Stärke, Traubenzucker oder Rübenzucker, demnach fallen nicht nur Mehlspeisen unter „carb“, sondern auch Nudeln, Brot, Reis und Erdäpfel. Laut dem aktuellen Wissensstand führen kohlenhydratarme Diäten wahrscheinlich zu einer vergleichbaren Gewichtsabnahme wie fettreduzierte Diäten oder Abnehmprogramme mit ausgeglichener Ernährung. Es gebe keinen Hinweis, dass sie besser wirken.

- Granderwasser: Der 2012 verstorbene Tiroler Johann Grander hat angeblich eine Methode gefunden, „belebtes Wasser“ herzustellen. Was genau das sein soll, ist unklar. Auf der Website des Unternehmens wird dem Wasser bescheinigt, das Wohlbefinden zu unterstützen. Konkrete Aussagen zur Gesundheit werden nicht gemacht. Studien zu gesundheitlichen Auswirkungen von Granderwasser sind nicht auffindbar.

- Kaktusfeige: Tipps gegen den Kater nach Silvester gibt es viele. Neuerdings hoch im Kurs stehen Getränke, die Extrakte der roten Kaktusfeige enthalten. Die Früchte der mexikanischen Kaktusart sollen müde Partytiger wieder munter machen. Die Säfte enthalten neben dem Extrakt der Kaktusfeige weitere Inhaltsstoffe, vor allem Zucker. Bislang gibt es kaum Studien, die eine Wirksamkeit nach exzessivem Alkoholkonsum untersucht haben. Daher ist auch offen, ob die längerfristige Einnahme von Kaktusfeigenextrakt der Gesundheit überhaupt zuträglich ist.

- Grüner Tee:Gerüchteweise soll sich Grüner Tee zur gezielten Bekämpfung von Tumoren eignen. Ein schottisches Wissenschaftler-Team behauptet das und beruft sich auf eine Verbindung zwischen dem aus Grüntee-Extrakt gewonnnen Wirkstoff Epigallocatechingallat mit einem bestimmten Eiweißmolekül. Im Experiment zeigte der Stoff bei Mäusen mit einer Tumorerkrankung sowie an Krebszellen im Reagenzglas Wirkung. Allerdings lassen derartige Experimente noch keine Rückschlüsse auf eine mögliche Wirksamkeit beim Menschen zu. Die Antwort auf die Frage „Kann Grüner Tee Krebs vorbeugen?“ muss daher lauten: „möglicherweise nein“. Nicht zuletzt weil das Bild aus vergleichbaren Studien verwirrend und widersprüchlich ist.

Literaturempfehlung

Verein für Konsumenteninformation (Hrsg.): 100 Ernährungs-Mythen. Alkohol, ChiaSamen, Energydrinks, Fasten, Fisch, Granderwasser, Grüner Tee, Ingwer, Milch, Probiotika, Rotwein, Salz, Stevia, Vollkorn, Weizen, Zucker u. v. a. VKI 2016, Softcover, 19,90 Euro, ISBN 978-3-99013-060-5

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 46/2016

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