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Allgemeinmedizin 16. November 2005

Die neue Vorsorge ist mehr als nur Körpersäfte messen

Liebe, Wonne, Waschtrog: Harmonie war angesagt, als Ärztekammer, Sozialversicherung und Gesundheitsministerin am vergangenen Mittwoch die neue Vorsorgeuntersuchung präsentierten. Der Weg dahin war jedoch hart und konfliktreich.

Nach 30 Jahren gibt es nun ein neues Vorsorgeuntersuchungs(VU)-Programm, das vor allem von Public Health Experten hochgelobt wird. „Es ist mehr als Körpersäfte messen und auch mehr als gut zureden“, stellte der Sozialmediziner Prof. Dr. Michael Kunze fest. „Sie basiert auf dem Prinzip der Lebensstilmedizin, und das ist heute das absolut Modernste.“ Der Prozess bis zur Einigung war jedoch alles andere als einfach. Fast zwei Jahre lang waren Vertreter der Sozialversicherung und der Ärztekammern in einer Arbeitsgruppe damit beschäftigt, das alte VU-Programm zu entrümpeln. Dabei wurde streng wissenschaftlich nach Kriterien der Evidence-based Medicine (EBM) und internationalen Vorbildern (USA, Kanada, GB) vorgegangen. Was danach übrig blieb, war fast ausschließlich Lebensstilberatung. Vor allem die Wiener Ärzte waren damit nicht einverstanden. Sie vertraten den Standpunkt, dass das den Patienten nicht zu „verkaufen“ sei und daher die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen zurückgehen werde. Vor allem, da auch geplant war, die VU nicht mehr jährlich anzubieten. Unter dem Druck der Gesundheitsministerin wurde weiterverhandelt. Und man fand sich zu einem Kompromiss, „mit dem alle ganz gut leben können“, wie Dr. Nobert Jachimowicz von der Ärztekammer für Wien bei der Präsentation betonte.

Das neue Programm im Detail

Und so sieht das neue Programm aus: Das jährliche Intervall wurde beibehalten und wird durch ein Call/Recallsystem, das die Österreicherinnen und Österreicher alle 2 (über 40-Jährige) bis 3 Jahre (unter 40-Jährige) an die VU erinnern soll, ergänzt. Die Laborparameter Blutzucker, Gesamtcholesterin und HDL-Cholesterin sind fix im Programm. Die Parameter Gamma-GT, Triglyzeride, Rotes Blutbild für Frauen und der Harnstreifentest (Leukozyten, Eiweiß, Glukose, Nitrit, Urobilinogen, Blut) wurden bis Ende 2006 befristet aufgenommen. Danach sollen sie wegfallen, es sei denn, neue wissenschaftliche Studien beweisen ihre Sinnhaftigkeit. Die Aussagekraft des Gamma-GT will man extra evaluieren. Ebenfalls nach langen Verhandlungen erhalten blieb die klinische Untersuchung, die auch die Melanomvorsorge beinhalten soll. Neu ist die Inspektion der Mundhöhle (Paradontitis), die Bestimmung des BMI (Body Mass Index) sowie die Überprüfung des Hör- und Sehvermögens bei älteren Probanden. Ersatzlos gestrichen wurden Teile der Harnuntersuchung (pH-Wert, Keton, Bilirubin), Blutsenkung und Hanrnsäure-Bestimmung. Als extra honorierte Maßnahmen kamen PAP-Abstrich (kann auch vom Arzt für AM gemacht werden), zytologische Untersuchung, Mammographie (alle 2 Jahre ab 40. Lebensjahr), Hämocculttest, Koloskopie (alle 10 Jahre ab 50. Lebensjahr) und urologische Untersuchung hinzu. Ein PSA-Screening ist nicht vorgesehen, aber auf Wunsch des Patienten möglich. Der Arzt soll ihn jedoch zuvor kritisch und umfassend über die Schaden-Nutzen-Relation aufklären.

„Njet“ zu Spirometrie und EKG

Nicht aufgenommen wurden die von den Ärztekammern schon seit langem geforderte Spirometrie, das (Belastungs-)EKG und eine Schilddrüsenuntersuchung. Das „Njet“ zum Lungenfunktionstest begründet der beratende Arzt des Hauptverbandes, Prof. Dr. Klaus Klaushofer, folgend: „Die einzig sinnvolle Maßnahme gegen COPD ist es, das Rauchen zurückzudrängen. Der Lungenfunktionstest führt nicht zu einem vermehrten Aufhörwillen. Im Gegenteil: Oft haben Raucher in der Frühphase eine bessere Lungenfunktion als Nichtraucher.“ Die Lebensstilberatung bezüglich Rauchen, Bewegung, Ernährung und Alkohol zählt künftig zu den Schwerpunkten der neuen VU. Die Ärzte sollen hier ihre Funktion als „Gesundheitscoach“ noch stärker wahrnehmen. Ein umfassendes Handbuch wird sie dabei unterstützen. Am Ende der VU sollen die Probanden ein individuelles Risikoprofil in die Hand bekommen. Der Tarif für die Vorsorgeuntersuchung wurde von 72,67 Euro (Honorar seit 1.7. 1999) auf 75 Euro angehoben. Rund 80 Millionen Euro, so schätzt man im Hauptverband, wird die VU künftig inklusive Recall-System, Dokumentation und Evaluation kosten. Vorausgesetzt, die Inanspruchnahme steigt tatsächlich. Und das wird in erster Linie davon abhängen, ob die Ärztinnen und Ärzte das neue Konzept mittragen werden.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 40/2004

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