zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 16. November 2005

Patientenverfügung für ein Sterben in Würde

Immer mehr Menschen wünschen sich am Ende ihres Lebens keine endlosen künstlichen Verlängerungen. Die Ärzte stellt das vor schwierige Entscheidungen. Ein neues Gesetz über Patientenverfügungen soll ihnen dabei mehr Rückhalt geben.

In der niederösterreichischen Patientenanwaltschaft laufen die Telefone heiß. Seit die „Ganze Woche“ kurz vor Allerheiligen ihre Covergeschichte dem Thema „Selbstbestimmtes Sterben in Würde“ gewidmet hat, ist die Nachfrage nach Broschüren über die Patientenverfügung kaum noch zu bewältigen. „Besonders Menschen, die den qual-vollen Tod eines Verwandten mit-erlebt haben, wünschen sich, die Umstände ihres eigenen Sterbens mitbestimmen zu können“, sagt Patientenanwalt Dr. Gerald Bachinger. Schon bisher war es möglich, Patientenverfügungen (oft auch Patiententestament genannt) zu verfassen. Doch sie befanden sich in einer rechtlichen Grauzone. Nun ist ein Entwurf für ein Patienten-/ Patientinnenverfügungsgesetz in Begutachtung, das demnächst beschlossen werden soll. Darin werden Formvorschriften und Bindungswirkung geregelt. Bachinger meint, dass das neue Gesetz auch eine große Unterstützung für die Ärzte in diesen schwierigen Situationen bringen werde. Denn schon jetzt steht für Juristen fest, dass das Selbstbestimmungsrecht der Patienten bis zuletzt zu wahren ist, auch wenn diese nicht mehr einsichts-, urteils- oder kommunikationsfähig sind.Ärzte müssen akzeptieren, dass Patienten auch medizinisch sinnvolle Behandlungen ablehnen können. „Die eigenmächtige Heilbehandlung gegen den Willen des Patienten, auch wenn sie medizinisch indiziert ist, ist strafbar“, stellt Bachinger fest. Doch wie den Willen eines Menschen ergründen, der im Koma liegt? Bisher waren Patientenverfügungen eher selten vorzufinden. Wenn, dann im Krankenhaus, wo es eine Verpflichtung zur Dokumentation gab.

Das neue Gesetz will nun auch den Einsatz außerhalb der Spitalswände klarer regeln. „Der Hausarzt sollte als Gesundheitscoach seine Patienten dabei unterstützen“, sagt Bachinger. Die Patientenverfügung ist rechtlich bindend, wenn zuvor ein ärztliches Aufklärungsgespräch stattgefunden hat und dies auch vom Arzt mit Unterschrift bestätigt wurde. Sie muss auch sehr konkret die Krankheitssituation und die medizinischen Maßnahmen beschreiben, die getroffen bzw. unterlassen werden sollen. Alle drei Jahre ist eine Erneuerung notwendig. „Sollten diese formalen Kriterien nicht erfüllt sein, so dient die Patientenverfügung trotzdem als Orientierungshilfe bei der Ermittlung des mutmaßlichen Patientenwillens“, sagt Bachinger.

Erfahrung mit Patientinnen

Die Wiener Allgemeinmedizinerin Dr. Susanne Maria Schwarz bezweifelt, dass viele Kranke das Bedürfnis haben, die Umstände ihres Sterbens zu regeln. „Viele Menschen können es einfach nicht wahrhaben, dass sie unheilbar krank sind. Sie machen den Arzt dafür verantwortlich.“ Sie selbst hat nur zwei Patientinnen, die festgehalten haben, dass sie keine lebensverlängernden Maßnahmen wollen. Beide hatten schon einmal Schwerkranken beim Sterben zugesehen. Die anderen Patienten wollen sich lieber nicht mit dem Ende ihres Lebens auseinan-dersetzen. „Ich würde mich auch weigern, sie als Ärztin zu einer Patientenverfügung zu überreden. Die Menschen glauben, sie unterschreiben ihr Todesurteil“, sagt Schwarz. Der gesellschaftliche Trend gehe dahin, dass alles, was medizinisch möglich ist, auch gemacht werden soll. „Für die Patienten ist das eine sinnlose Quälerei“, meint Schwarz und macht dafür ein gesellschaftliches Manko verantwortlich. „Es gibt keine Sterberituale mehr. Was die Menschen am Ende ihres Lebens brauchen, sind Schmerzbekämpfung, Pflege, Flüssigkeit, Wärme und Zuneigung.“ Doch dazu sei kaum mehr jemand bereit.

Kein Konsens unter Ärzten

„Es fehlt ein Konsens des Ärztestandes, dass der Mensch auch ein Recht auf ein würdevolles Sterben hat. Es ist Aufgabe der Ärzte, dafür Sorge zu tragen“, meint auch der Allgemeinmediziner Dr. Hans-Joachim Fuchs. „Hier muss die Reflexivität gesteigert werden.“ Die Patientenverfügung könnte dazu ein guter Anlass sein. Für ihn stehe aber auch fest, dass Ärzte nicht bei der Sterbehilfe attestieren dürfen.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 39/2004

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben