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Allgemeinmedizin 24. August 2005

Schmerz kennt keine Dienstzeiten

Wie umfassend und gründlich die Behandlung von Patienten mit akuten oder chronischen Schmerzen erfolgt, ist nach wie vor oft eine Frage des Zufalls. Anlässlich der 4. Österreichischen Schmerzwoche wurde einmal mehr auf die Defizite in diesem Bereich hingewiesen und Lösungen wurden eingefordert.

„Jeder fünfte Österreicher, also etwa 1,5 Millionen Menschen, leidet im Durchschnitt 5,8 Jahre seines Lebens an chronischem Schmerz, vor-rangig an Rücken-, Kopf- und Knieschmerzen“, berichtet der Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG), Prof. Dr. Eckhard Beubler. Individuelles und interdisziplinäres Schmerzmanagement könnte aber in bis zu 95 Prozent aller Fälle „eine Schmerzlinderung bis hin zur völligen Schmerzfreiheit bringen“. Ein Problembereich aus Sicht der ÖSG ist das prä- und postoperative Schmerzmanagement. In einer aktuellen IMAS-Studie geben 67 Prozent der Befragten an, dass sie nach einer Operation Schmerzen haben. Nur jeder Zweite erhält anlässlich einer Operation schmerzmedizinische Beratung, ebenso werden nur jedem Zweiten vorbeugend geeignete Schmerzmedikamente empfohlen.„Postoperativen Schmerzen kann aber sehr einfach vorgebeugt werden“, betont Beubler. Besonders kritisiert wird dabei die unterschiedliche Vorgangsweise in Österreich. Offensichtlich ist es eine Frage des Wohnorts, wo umfassendes Schmerzmanagement umgesetzt wird: In Oberösterreich beispielsweise geschieht dies vergleichsweise deutlich intensiver als in Wien.

Frauen leiden anders

Zu wenig beachtet werden auch geschlechtsspezifische Unterschiede. „Frauen leiden häufiger unter Schmerzen als Männer und haben öfter starke und chronische Schmer-zen“, unterstreicht Prof. Dr. Hans-Georg Kress, Leiter eines international anerkannten Schmerzzentrums am AKH Wien. Sie suchen aber früher aktiv Unterstützung im Umgang mit Schmerzen, was ihnen laut Kress oft den Vorwurf der Wehleidigkeit einbringt; zudem würden sie weniger vehement neuere Behandlungsmethoden einfordern. „Ärzte nehmen eher die Schmerzen von Männern ernst und denken zu wenig daran, dass Frauen höhere Schmerz-mitteldosen als Männer brauchen, um schmerzfrei zu sein“, zitiert Kress aktuelle Untersuchungen. „Schmerz hat viele Gesichter, jeder Fall ist eine neue Herausforderung“, meint Dr. Johann Baumgartner, Vorstandsmitglied von „Hospiz Österreich“ und Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft. „Zu wenig beachtet wird neben der körperlichen Ebene die psychosoziale und spirituelle Dimension von Schmerz.“

Hürden für Hausärzte

Als gravierendes Problem in der Versorgung sieht auch die ÖSG, dass viele Schmerzpatienten wahre Odysseen von Arzt zu Arzt und in weiterer Folge zu alternativen Heilmethoden machen, weil sie nicht zum Schmerzspezialisten kommen. „Natürlich ist der Hausarzt eine erste wichtige Anlaufstelle und sollte über entsprechendes Wissen verfügen“, betont Kress. Oft würden bei Überweisungen die Möglichkeiten der modernen Schmerzdiagnostik und -therapie aber zu wenig berücksichtigt bzw. „gibt es die Angst, Patienten zu verlieren“. Das liegt aus der Sicht von Kress zum Teil auch daran, dass hinter der „Fassade des Begriffs Schmerzambulanz“ oft nicht jene Form von spezialisierter Betreuung zu finden ist, die der Name an sich verspricht. Genau genommen gehe es dabei um eine zeitlich eingeschränkte, am-bulante und hochprofessionelle Betreuung sowie die nachfolgende Information bzw. Rücküberweisung an den Hausarzt. „Wir sind im Sinne der Patienten an einer möglichst intensiven Kooperation sehr interessiert“, betont Kress.

Allgemeinmediziner ziehen mit

Der Wunsch nach intensiverer Zusammenarbeit kommt dabei eben-so von den Ärzten für Allgemeinmedizin. „Es ist wichtig, dass wir die Schmerzen des Patienten wahrnehmen und ernst nehmen. In vielen Fällen suchen wir auch bewusst die Zusammenarbeit mit den Fachärzten“, meint Dr. Erwin Rebhandl, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin. Auch Baumgartner hält professionelles Schmerzmanagement nur in der intensiven Kooperation aller Bereiche im Gesundheits- und Sozialwesen für umsetzbar. Nach wie vor gibt es in Österreich keine lückenlose flächendeckende Versorgung mit hochwertigen schmerzmedizinischen Angeboten, auch einheitliche Qualitätsstandards fehlen. „Wir fordern daher seit langem die Implementierung eines Spezialfaches ‚Schmerzmedizin“, betont Kress. Unnötig hoch seien auch die Barrieren, wenn es um die Verschreibung von Opiaten geht, und die gewählte Nomenklatur sei nach wie vor diskriminierend. „Im Spitalsbereich wären eine klare Organisationsstruktur und Hauptverantwortlichkeit für postoperatives Schmerzmanagement sowie interdisziplinäre 24-Stunden-Schmerzdienste nötig“, fordert Kress, denn „Schmerz hält sich an keine Dienstzeiten“.

Mag. Ch.F. Freisleben-Teutscher

 

„Kooperation ist Trumpf“

Standpunkt von Dr. Erwin Rebhandl, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM)

Auch ich sehe den Allgemeinmediziner als erste Anlaufstelle bei Schmerzen, sehe aber auch die Notwendigkeit der engen Kooperation mit Spezialisten. In der gesamten Ausbildung kam das Thema Schmerz bislang sicher zu kurz, in den neuen Lehrplänen ist es stärker enthalten und Veränderungen beginnen auch in der Turnusausbildung zu greifen. Eine Änderung der „Suchtgiftverordnung“ fordert auch die ÖGAM. Allein der Name lässt viele Barrieren entstehen und wirkt sich negativ auf die Compliance der Patienten aus. Dahinter steht oft die Angst, auf Schmerzmittel „süchtig“ zu werden. Schmerzbehandlung muss in Zukunft noch viel stärker multi- und interdisziplinär erfolgen. Es geht nicht nur um gutes Schnittstellenmanagement zwischen Spital, Ambulanzen und niedergelassenem Bereich, sondern auch um Kooperation zwischen Haus- und Fachärzten mit Berufsgruppen wie Physio- und Ergotherapeuten.

 

„Mobile Palliativteams sind wertvoll“

Standpunkt von Dr. Johann Baumgartner, Vorstandsmitglied von „Hospiz Österreich“ und Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft

Das Bewusstsein für Schmerzmedizin ist in der Ärzteschaft in den letzten Jahren sicher besser geworden. Das zeigt sich unter anderem im Fortbildungsangebot und der steigenden Zahl von Publikationen und Projekten zu diesem Themenbereich. Im medizinischen Alltag vor Ort sehe aber auch ich noch viele Mankos, die nicht nötig wären. Dies liegt unter anderem an den Lücken in der flächendeckenden schmerzmedizinischen Betreuung auf entsprechendem Niveau. 80 Prozent der Patienten haben in den letzten Lebensjahren Probleme mit Schmerzen. Obwohl sich in der Versorgung schon einiges gebessert hat, erwarten vor allem Angehörige von den Hausärzten, die Schmerzen „völlig weg zu zaubern“. Gute Erfahrungen gibt es inzwischen mit mobilen Palliativteams, die Allgemeinmedizinern, Angehörigen und Patienten unterstützend zur Seite stehen. Dennoch ist viel zu tun, um erfolgreiche Pilotprojekte flächendeckend in den Alltag der Versorgung vor Ort überzuführen. Spezialisten für Palliativmedizin müssen sowohl im Spital als auch in Alters- und Pflegeheimen und in der mobilen Betreuung vor Ort überall erreichbar sein.

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