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Allgemeinmedizin 24. August 2005

Additivfächer versus Spezialisierungen

Bei der Vollversammlung im Juni hat die Ärztekammer eine Spezialisierungsordnung verabschiedet. Diese muss noch vom Ministerium genehmigt werden, doch auch innerhalb der Ärzteschaft ist die Diskussion alles andere als abgeschlossen.

Eine Reform der ärztlichen Ausbildungsordnung ist überfällig. Seit Februar 2003 liegt ein Entwurf der Österreichischen Ärztekammer „schubladisiert im Ministerium“, kritisierte Dr. Terje Hovdar, Vorsitzender des Bildungsausschusses der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) bereits im Frühjahr. „Von Untätigkeit kann keine Rede sein. Es gibt laufend Gespräche zum Inhalt der neuen Ausbildungsordnung“, konterte damals Dr. Hubert Hrabcik, Generaldirektor für öffentliche Gesundheit im Ministerium. Die Regelungen seien jedoch mit der gesamten Gesundheitsreform abzugleichen. Als einen Grund für die Verzögerungen nannte das Ministerium die hohe Zahl der Sonderfächer, die sich die ÖÄK wünsche.
Um künftig autonomer und flexibler entscheiden zu können, hat die Ärztekammer bei der Vollversammlung im Juni eine neue Spezialisierungsordnung beschlossen. Sie soll der Kammer künftig erlauben, Spezialausbildungen (bisher Additivfächer) selbst zu regeln. „Wenn man bisher etwas ändern oder ergänzen wollte, ging das nur über das Ministerium. Wir bemühen uns seit zehn Jahren um eine Änderung der Ausbildungsordnung. Aber da steht immer noch alles. Das halten wir für nicht zumutbar“, betont Hovdar. Aber auch die Spezialisierungsordnung ist Teil der Ausbildungsordnung und muss daher noch von der Ministerin genehmigt werden. Bisher gab es dazu noch keine Reaktion. Selbst kammerintern ist die Sache noch nicht ganz gegessen. Vor allem die Pädiater wünschen sich eine ganze Reihe neuer Additivfächer und sind damit auch schon seit längerem bei Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat vorstellig. Diese hat die Kindergesundheit zur Chefsache erklärt. Vor einigen Wochen verkündete sie stolz, dass nun ein neuer Kindergesundheitsplan so gut wie fertig sei, der auch neue Additivfächer vorsehe.

Zwölf neue Spezialgebiete

Laut Fachgruppenobmann Dr. Dietmar Baumgartner soll es künftig zwölf neue Spezialgebiete in der Pädiatrie geben. Hovdar, selbst Kinderarzt, versteht den Standpunkt seiner Fachgruppe nicht: „Die Kinder- und Jungendheilkunde hat massiv Lobbying im Ministerium betrieben. Hier gibt es eine Unmenge angedachter Additivfächer, und die Richtung ist vor allem auf Universitätsniveau sehr aufgesplittet. Ich habe die Widerstände gegen die Spezialisierungsordnung eigentlich nicht verstanden, vielleicht hat man hier die Vorteile nicht erkannt.“ Zwölf neue Additivfächer für die Kinderheilkunde hält Hovdar „für sehr mühsam“. Die müsste man mit allen entsprechenden Fachgruppen koordinieren. Für die Kammer wäre es aber kein Problem, aus den alten Additivfächern Spezialisierungen zu machen. „Doch das ist eine Entscheidung des Ministeriums“, betont der Vorsitzende des Bildungsausschusses. „Sie wird sicherlich davon abhängen, wie sich die Innere Medizin weiterentwickeln und vom Facharzt für Allgemeinmedizin abgrenzen wird. EU-weit ist das sehr schwer vergleichbar. In den meisten Ländern gibt es keine Additivfächer, sondern Schwerpunkte und Spezialisierungen.“

Was die Internisten bewegt

Aber auch die Internisten, denen bisher die meisten Additivfächer gehörten, machen sich so ihre Gedanken. Die beschlossene Facharztausbildung für Allgemeinmediziner fordert von ihnen eine Neupositionierung. „Auch die Ausbildungsinhalte der Spezialitäten werden sich ausdehnen und über verpflichtende Rotationen zu deutlich umfassenderen Qualitäten der Internisten führen“, meint Dr. Günther Waw-rowsky, Bundesfachgruppenobmann Innere Medizin. Die neue Spezialisierungsordnung werde vor allem den zukünftigen Fachärzten für Allgemeinmedizin zu Gute kommen, meint Prof. Dr. Alfred Gangl, Vorstand der Univ.-Klinik für Innere Medizin IV und fügt hinzu: „Aber die neuen Spezialisierungen und die Additivfächer tun sich gegenseitig weh. Wenn in Zukunft jeder mit einem Kurs zum Spezialisten wird und das in der Praxis anbieten und abrechnen kann, wird das schmerzlich.“ Die neue Ausbildungsregeln seien daher auch in Zusammenhang mit den Sozialversicherungen zu diskutieren. Man sieht: Gesprächsstoff ist vorhanden. Man wird bei der Diskussion aber auch etwas mehr in die anderen EU-Länder blicken müssen: Denn die ärztliche Ausbildung ist schon lange keine rein nationale Frage mehr.

 

„Leidvolle Erfahrungen mit Lobbydenken“

Standpunkt von Dr. Dietmar Baum-gartner, Bundesfachgruppenobmann Kinder- und Jugendheilkunde

Es kann nicht sein, dass die Innere Medizin die Additivfächer behält und alle neuen Sonderfächer Spezialisierungen werden. Wir Pädiater haben in der Ärztekammer sehr leidvolle Erfahrungen mit dem Lobbydenken anderer Fachgruppen gemacht. Es gibt sehr viele Interessenskollisionen. Der Wind bläst uns von allen Seiten entgegen. Oft wird noch die Meinung vertreten, dass Kinder kleine Erwachsene sind. Das führt dazu, dass 3- bis 4-Jährige auf normalen Stationen untergebracht sind und keine kindgerechte Betreuung und Pflege erhalten.

 

„Nationaler Gesundheitsplan“

Standpunkt von Prof. Dr. Wilhelm Müller, Vorstand der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Leiter der Klinischen Abteilung für Neonatologie und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde

Neben dem zahlenmäßigen Anstieg der Patientenfrequenz hat auch die Komplexität pädiatrischer Krankheitsbilder zugenommen. Beispiel dafür sind die Zunahme der Frühgeburten, chronische Erkrankungen, Diabetes, Asthma, Allergien und psychosomatische Erkrankungen. In Österreich laufen daher schon seit vielen Jahren Bestre-bungen, Spezialgebiete dafür innerhalb der Pädiatrie auch formell zu verankern. Das Verständnis und die Sachkompetenz von Ministerin Maria Rauch-Kallat, die Sorgen und Anliegen der Kinder- und Jugendmediziner betreffend, haben dazu geführt, dass im Bundesministerium für Gesundheit und Frauen an einem nationalen Gesundheitsplan für Kinder und Jugendliche in Österreich gearbeitet wird. Ein Kernstück dieses Gesundheitsplans ist die Etablierung von Zusatzausbildungen in der Kinder- und Jugendheilkunde analog den Zusatzfächern der Inneren Medizin. Es ist nicht begründbar, dass Kindern und Jugendlichen ein ähnlich spezialisiertes medizinisches Angebot wie für Erwachsene vorenthalten wird. Das Präsidium und der Vorstand der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde begrüßen diese positive Entwicklung und freuen sich, in der Gesundheitsministerin eine sachkundige Ansprechpartnerin gefunden zu haben.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 36/2004

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