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Allgemeinmedizin 16. November 2005

Freie Facharzt-Wahl vor dem Aus?

Die Anzeichen verdichten sich, dass der einzelne Facharzt mit eigener Praxis ein Berufsbild mit Ablaufdatum ist. Neben den „Gesundheitsagenturen“ ist die „integrierte Versorgung“ ein häufig genanntes Schlagwort der bevorstehenden Gesundheitsreform. Als Gegengewicht zu den politischen Intentionen bemühen sich einzelne Ärztekammern um Alternativvorschläge.

Im Entwurf des „Österreichischen Strukturplanes 2005“ (ÖSG), den das ÖBIG (Österreichisches Bundesinstitut für Gesundheitswesen) im Auftrag der Gesundheitsministerin erstellt hat, wird unmissverständlich festgehalten: Ziel ist die „Bündelung der ambulanten fachärztlichen Leistungserbringung in fachärztlichen Behandlungszentren an geeigneten Standorten (innerhalb und außerhalb der Akut-KA) unter Gewährleistung eines ausgeglichenen fachärztlichen Versorgungsniveaus im ambulanten Bereich in allen Versorgungsregionen bei gleichzeitiger flächendeckender und dezentraler Versorgung mit Allgemeinmedizinern“. Dieser ÖSG-Entwurf wird derzeit im Rahmen der so genannten Art.-15a-Vereinbarung zwischen Bund und Ländern verhandelt.

Drei Szenarien

Im Wesentlichen werden aktuell drei Modelle für die Zusammenlegung von Ambulanzen und Fachärzten diskutiert:

  • Ein neues Gesundheitszentrum (GZ) ist statt der alten Ambulanz direkt im Spital angesiedelt.
  • Ein GZ wird in unmittelbarer Nähe der Klinik unter Auslagerung der Ambulanz errichtet.
  • Mehrere Fachärzte schließen sich zu einem Zentrum zusammen.

Breite Unterstützung für diese Pläne bekommt die Ministerin von ihren Parteikollegen in einigen Ländern. Der niederösterreichische Finanzlandesrat Mag. Wolfgang Sobotka beispielsweise gilt als großer Verfechter der Landesgesundheitsagenturen. Sein Reformvorschlag sieht so aus: Krankenhäuser und Fachärzte planen künftig gemeinsam (in der Gesundheitsagentur?) den Bedarf an Gesundheitsleistungen im Bezirk. Ärzte sollen andere Ärzte anstellen können, die Patienten würden durch größere Praxen und flexiblere Angebote profitieren. Alle Ärzte hätten die Möglichkeit, ihre Dienste (Privatpatienten?) anzubieten. Das würde zu mehr Facharztpraxen führen, argumentiert Sobotka. Weil niedergelassene Ärzte auch die Ambulanzen in Kranken-häusern führen könnten, würden die Spitalsärzte entlastet. Alles in allem, so der Landesrat, würde die Versorgung effizienter werden.

„Vernichtung der niedergelassenen Fachärzte“

In der Ärztekammer ist man von diesen Vorschlägen wenig begeistert. Dr. Lothar Fiedler, Präsident der Ärztekammer für NÖ und selbst niedergelassener Facharzt, wählte im Interview mit der Zeitschrift „Format“ drastische Worte: „Die Politik droht mit der Vernichtung der niedergelassenen Fachärzte. Es gibt Bestrebungen, sie in die Krankenhäuser zu verfrachten oder sie auf subtile Art umzubringen.“ Etwas weniger dramatisch scheinen das seine Kammerkollegen in der Steiermark zu sehen. In einem jüngst erstellten Papier „Gesundheitspolitische Positionen“ heißt es: Die Spitalsambulanzen sollen aus der Krankenhausstruktur organisatorisch herausgelöst und als unabhängige Ärztezentren von niedergelassenen und Spitalsärzten gemeinsam geführt werden. Das Gleiche soll auch mit den bisherigen Kassenambulatorien geschehen. Für die Patienten werde das mehr Qualität und eine Erweiterung der freien Arztwahl bringen, meinen die ärztlichen Standesvertreter (siehe ÄRZTE WOCHE Nr. 31 vom 15.9.).
Auch die Wiener Ärztekammer plädiert für eine Ausgliederung der Spitalsambulanzen. „Wir sprechen uns grundsätzlich für Synergien zwischen dem niedergelassenen und dem ambulanten Bereich aus. Eine Loslösung der Spitalsambulanzen hätte sowohl für die Ärzteschaft als auch für die Patienten viele Vorteile“, meint der Vizepräsident der Ärztekammer für Wien, Dr. Johannes Steinhart. Auch er geht davon aus, dass die Facharztzentren in Spitälern das System nur ergänzen und den wohnortnahen Facharzt nicht ersetzen werden. In (Spar-) Zeiten wie diesen scheint das aber lediglich ein frommer Wunsch der ärztlichen Standesvertreter zu sein.
Zweifelsohne würde die verstärkte Kooperation zwischen einzelnen Ärzten und den Spitälern zu einer höheren Behandlungsqualität führen. Es besteht jedoch die Gefahr, dass die individuelle Betreuung der Patienten darunter leiden und die Kommunikation zwischen Hausarzt und Spezialisten noch mangelhafter werden könnte. Das könnte unter Umständen durch Verbesserungen im Schnittstellenmanagement, Stich-wort: elektronische Patientenakte, verhindert werden. Es sollte aber auch allen Reformern klar gemacht werden, dass das persönliche Vertrauensverhältnis im Beziehungsdreieck „Patient, Haus- und Facharzt“ nur sehr schwer ersetzt werden kann.v

 

„Patienten schätzen Kontinuität in der Betreuung“

Standpunkt von Dr. Susanne Rabady, Allgemeinmedizinerin in Windigsteig (NÖ) und Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM).

Als zuweisende Hausärztin bin ich über die Existenz etlicher Spezial-ambulanzen sehr froh; allerdings schätze ich vor allem die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Fachärzten. Besonders im überschaubaren ländlichen Rahmen, in dem ich arbeite, ist es möglich, dringende Termine bei praktisch allen Kollegen zu bekommen. Auch die meisten städtischen Kollegen verfügen über ein Netz von Spezialisten, mit denen sie zusam-menarbeiten. Es lässt sich dadurch auch der Informationsfluss leichter und vollständiger aufrecht erhalten. Das bringt eine Kontinuität, die auch die Patienten aus guten Gründen schätzen und die sich in Spitals-ambulanzen nur selten aufrecht erhalten lässt. Ein bekannter, klar definierter Ansprechpartner ist eine wesentliche Voraussetzung für eine funktionierende interprofessionelle Kommunikation, die die Betreuung vor allem chronisch Kranker im Team möglich, effizient und befriedigend macht. Das zeigen Erfahrungen aus etlichen regionalen Projekten.
Die meisten niedergelassenen Spe-zialisten haben auch nachmittags und abends Termine zu bieten, Spitalsambulanzen hingegen praktisch nie. Ich bin aber überzeugt, dass selbst bei „kundenfreundlicheren“ Öffnungszeiten von Ambulanzen der Großteil der Patienten die Kontinuität der Betreuung bei einem von ihnen frei gewählten Arzt vorziehen würde, von dem sie zudem wissen, dass er mit ihrem Hausarzt gut zusammenarbeitet. Spezialambulanzen sind vor allem dort notwendig, wo hochspezialisiertes Fachwissen und aufwändige Technologie rasch verfügbar sein muss, um Patienten nach dem Stand der Wissenschaft betreuen zu können. Unbestritten ist, dass in der Kommunikation und Kooperation von Hausärzten mit niedergelassenen Spezialisten vielerorts noch einiges aufzuholen ist. Dazu sind einige Initiativen im Gange, weitere werden noch folgen und sind es wert, unterstützt zu werden.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 32/2004

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