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Allgemeinmedizin 16. November 2005

Sommer-Aufruhr in den Schigebieten

In den Tourismusregionen befürchten die Ärzte den Verlust von Privathonoraren und warnen vor dem Zusammenbruch der Versorgung der einheimischen Bevölkerung.

Normalerweise ist es zur Sommers-zeit in den Arztpraxen der österreichischen Schigebiete eher ruhig. Nicht so in diesem Jahr. Seit in der EU relativ überfallsartig im Juni die neue Europäische Krankenversicherungskarte (EKVK) eingeführt wurde, jagt eine Bezirksärztesitzung die andere und die Briefkästen quellen vor Rundschreiben über.

Neuregelung in Windeseile

Nachdem Verhandlungen zu diesem Thema auf Bundesebene zwischen Österreichischer Ärztekammer und Hauptverband der Sozialversicherungsträger im Frühsommer endgültig geplatzt waren, musste die neue Regelung in Windeseile auf Länderebene umgesetzt werden. Mehr als zehn Seiten war das Rundschreiben lang, in dem beispielsweise die Salzburger Gebietskrankenkasse ihren Vertragsärzten die Abwicklung dieser neuen Karte erklärte. Ausfüllhilfen in 15 EU-Sprachen befanden sich im Anhang.

Die Sorgen der Betroffenen

Doch die niedergelassenen Ärzte in den Tourismusregionen fürchten nicht nur den zusätzlichen administrativen Aufwand. Sie erwarten vor allem in der Wintersaison empfindliche Umsatzrückgänge. Denn bisher wurden die Gipshaxen der Urlauber in den allermeisten Fällen als Privatleistung angefertigt. Kaum ein Tourist nahm die Mühe auf sich, seinen Urlaubskrankenschein, das Formular E 111, bei der Kasse umzutauschen und reichte seine (in Einzelfällen wohl auch überhöhte) Privatrechnung lieber daheim bei der (Privat-)Versicherung ein. Nun reicht das Vorlegen der EU-Card, die zumeist auf der Rückseite der nationalen Krankenversicherungskarte angebracht ist, bzw. des E-111-Formulars, um eine Behandlung als Sachleistung zu bekommen. Doch die gesamte medizinische Infrastruktur in den Schigebieten ist nicht auf reine Kassenhonorare ausgerichtet. Ärztevertreter warnen nun, dass auch die Versorgung der einheimischen Kassenpatienten nicht mehr gesichert sein könnte. Laut Dr. Artur Wechselberger, Präsident der Ärztekammer für Tirol, werde von Kolleginnen und Kollegen „auch über eine gesteigerte Begehrlichkeit der ausländischen Patienten berichtet, die sich im Sachleistungssystem begründet“. Alles in allem gebe es leider die Entwicklung, die von Seiten der Ärzteschaft schon vor Einführung der Europäischen Krankenversicherungskarte befürchtet worden war.

Mag. Andrea Fried

„Hauptverband zeigte kein Verständnis“

Standpunkt von Dr. Walter Arnberger, Stellvertretender Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte in der ÖÄK, Vizepräsident der Ärztekammer für Salzburg.

Die European Health Insurance Card (EHIC) hat ganz erhebliche Auswirkungen auf die Versorgung in Tourismusregionen, insbesondere in den Schigebieten. Das hat die Ärztekammer auch versucht in einer Arbeitsgruppe dem Hauptverband zu erklären. Dort gab es dafür aber überhaupt kein Verständnis. Unser Problem ist, dass die Infrastruktur in den Schifahrtälern so aufgebaut ist, dass die wenigen einheimischen GKK-Patienten mit der Masse der Touristen mitlaufen. Die Gipsbeine versorgen in erster Linie die Allgemeinmediziner, die top ausgebaute Ordinationen mit allen technischen Raffinessen haben. Die privaten Krankenanstalten können der EU-Versicherungskarte hingegen gelassen entgegensehen, weil sie gar keine Kassenverträge haben und die Touristen jedenfalls Privathonorare zahlen müssen. Aber die niedergelassenen Vertragsärzte, deren GKK-Patienten von der guten Ausstattung mitprofitieren, zahlen natürlich extrem drauf. Bisher hat bei einem Unfall so gut wie niemand sein Formular E 111 bei der Gebietskrankenkasse eingetauscht, und die Privathonorare unterscheiden sich erheblich von den Kassentarifen. Jetzt kommen alle in die Situation, zu extrem niedrigen Tarifen behandeln zu müssen, bei denen sie die ganze Struktur nicht mehr vorhalten können. Noch dazu werden Verwaltungsaufgaben, wie beispielsweise die Prüfung auf eine gültige Anspruchsberechtigung, einfach auf den Vertragsarzt überwälzt. In der Kammer haben wir alle Hebel in Bewegung gesetzt, aber da konnte man wenig machen, denn das wurde uns von der EU aufs Aug gedrückt. Der Aufruhr in der Kollegenschaft ist meiner Ansicht nach berechtigt, weil hier seitens der EU sehr diktatorisch vorgegangen wurde.

AF

„Es wird finanzielle Einbußen geben“

Standpunkt von Mag. Manfred Moosleitner, Direktor der Gebietskrankenkasse.

Die Europäische Krankenversicherungskarte ist EU-Recht und demnach besteht eine Behandlungspflicht für unsere Vertragspartner. Natürlich wird das auch zu finanziellen Einbußen bei den betroffenen Ärzten führen, weil hier die Privatleistungen zurückgehen werden. In welcher Höhe sich das bewegen wird, ist derzeit aber noch Spekulation. Wir können jetzt im Vorfeld schwer abschätzen, ob die Touristen nicht auch weiterhin privat zahlen werden. Ich verstehe aber die Sorgen der Ärzte, die hier sehr viel in die technische Ausstattung investiert haben. Seitens der Kasse sind wir jedenfalls froh, dass es diese gute Versorgung in den Schigebieten gibt. Man muss das auch volkswirtschaftlich sehen. Es geht auch darum, dass hier die Gäste eine umfassende Betreuung vor Ort bekommen. Dafür ist ein medizinisches Netzwerk wichtig. Bezüglich der formalen Abrechnung wäre es uns natürlich lieber gewesen, wenn sie bundesweit durch eine Regelung zwischen Hauptverband und Ärztekammer außer Streit gestellt worden wäre. Bei der Verrechnung mit den ausländischen Versicherungen hat es bisher jedoch keine Probleme gegeben. Die erwarten wir auch in Zukunft nicht.

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