zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 16. November 2005

EBM-Leitlinien für die Hausarzt-Praxis

Zunehmender ökonomischer Druck und steigende Patientenerwartungen machen es immer wichtiger, ärztliches Handeln auf eine rationale Basis zu stellen. Evidenz-basierte Leitlinien können die Ärzte dabei unterstützen.

Die Informationsflut überschwemmt die Ärzte. In mehr als 20.000 biomedizinischen Zeitschriften werden jährlich weltweit mehr als eine Million wissenschaftliche Artikel veröffentlicht. Leitlinien sollen den Ärzten wissenschaftlich fundierte Entscheidungshilfen für Diagnose und Therapie bieten. Im Gegensatz zu verbindlichen Richtlinien – die im Englischen ebenfalls Guidelines genannt werden – kann bzw. muss jedoch in begründeten Fällen von den Leitlinien abgewichen werden.
Im Auftrag der ÖGAM (Österreichische Gesellschaft für Allgemeinmedizin) und der Österreichischen Ärztekammer (Sektion Allgemeinmedizin) erarbeitet derzeit eine Gruppe von etwa 35 Allgemeinmedizinern eine österreichische Version allgemeinmedizinischer Evidenz-basierter Leitlinien aus Finnland. Im Herbst soll die Arbeit abgeschlossen sein und ein Paket mit Buch, CD und elektronischer Version auf den Markt kommen. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit Dr. Susanne Rabady, Allgemeinmedizinerin in Windigsteig (NÖ) und ÖGAM-Vizepräsidentin, über das Projekt.

Manche Kollegen befürchten durch die Leitlinien eine Beschneidung ihrer ärztlichen Behandlungsfreiheit.
Sind diese Sorgen begründet?

Rabady: Leitlinien sind rasch auffindbares, Evidenz-basiertes Wissen auf dem neuesten Stand und bieten die Möglichkeit, sich einen zuverlässigen fachlichen Überblick zu verschaffen. Sie sind aber natürlich nur ein Pfeiler in der ärztlichen Entscheidungsfindung. Daneben müssen auch die individuelle Situation des Patienten, seine Wünsche und Möglichkeiten sowie die lokalen Gegebenheiten und psychosozialen Umstände berücksichtigt werden. Ganz wichtig: Leitlinien sind keine Richtlinien. Denn dann wären sie verbindlich, was in dieser Situation überhaupt nicht sinnvoll sein kann. Wenn man sich entschließt, den Leitlinien nicht zu folgen, ist das ein normaler Vorgang, aber es ist gut, wenn er dann begründet werden kann. In einer Situation zunehmenden ökonomischen Drucks auf der einen Seite und steigender Patientenerwartungen auf der anderen wird es besonders wichtig, für Entscheidungen eine rationale Basis zu haben – auf beiden Seiten, und vor allem für uns selbst.

Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit den Leitlinien gemacht?
Rabady: Ich habe die Leitlinien anfangs vor allem in selteneren Fragestellungen eingesetzt, wo ich mich nicht mehr sattelfest gefühlt habe. Inzwischen benütze ich die Leitlinien auch in Fragestellungen, bei denen ich sonst geglaubt habe, dass ich ohnedies alles weiß. Einfach weil ich gelernt habe, wie schnell man sich informieren kann und wie häufig die „Aha-Erlebnisse“ sind.
Die Auslöser für die Befragung können ganz unterschiedlich sein. Die finnischen Leitlinien orientieren sich nicht nur an Krankheits-, sondern auch an Beschwerdebildern. Damit sind sie auch eine gute Unterstützung bei der differenzialdiagnostischen Abklärung und sagen mir auch, auf welche weiterführenden Untersuchungen ich gut verzichten kann, ohne mich unsicher fühlen zu müssen. Sie geben aber natürlich auch Auskunft über die sinnvolle Therapie und in welchen Situationen und mit welcher Dringlichkeit Patienten weiterzuverweisen sind.

Warum hat man ausgerechnet die finnischen Leitlinien genommen?
Rabady: Diese Leitlinien sind seit Mitte der 80er-Jahre in Finnland im Dauergebrauch und unterliegen dort und auch international einem laufenden Feedback-Prozess. Sie sind ja seit Jahren in mehrere Sprachen, vor allem auch ins Englische übersetzt. Sie werden in nahezu 100 Prozent aller finnischen allgemeinmedizinischen Praxen genutzt und haben hohe Abfragequoten.
Zweitens erfüllen sie ein für uns sehr wesentliches Kriterium: Es gibt fast keine allgemeinmedizinische Fragestellung, die sich nicht darin finden lässt. Zudem liegen die finnischen Leitlinien nicht nur in einer Buchversion vor, sondern auch auf CD, im Internet und in diversen Hand-held-Versionen und sind somit auch während einer Konsultation ganz leicht und rasch auffindbar.

 

„Es geht um Konzepte und Vorschläge“

Dr. Jörg Pruckner, Obmann der Kurie niedergelassene Ärzte in der österreichischen Ärztekammer

Uns war besonders wichtig, dass diese Leitlinien nicht zu fachspezifisch sind, sondern aus der Allgemeinmedizin kommende Guidelines für die Allgemeinmedizin werden. Es sind aber keine Guidelines im Sinne von Richtlinien, sondern Therapie- und Diagnosekonzepte und -vorschläge. Denn Richtlinien würden in jedem Fall zu einer starren Medizin führen, die sehr teuer ist und auch – wie man aus der Erfahrung weiß – dem Patienten weniger bringt.
Ich verstehe dabei durchaus die Angst mancher Kollegen vor einer Einschränkung der Handlungsfreiheit. Ich würde mich aber am meisten fürchten, wenn ich die Krankenkassen wäre. Jeden unkomplizierten Harnwegseffekt nach Guidelines abzuarbeiten, kostet ein Vielfaches.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 27/2004

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben