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Allgemeinmedizin 17. November 2005

"Russisches Roulette" in der künstlichen Befruchtung?

Bis zu 50 Prozent erfolgreiche Schwangerschaften konnten bisher in Österreich mit dem so genannten Blastozysten-Verfahren in der In-vitro-Fertilisation erreicht werden. Tritt die geplante Gesetzesnovelle in Kraft, muss auf ältere, weit weniger erfolgreiche Verfahren zurückgegriffen werden. Ein Rückschritt, gegen den Reproduktionsmediziner Anfang Juli ihre Argumente vorbrachten.

Petra M. strahlt. Sie hat gerade ein gesundes Baby auf die Welt gebracht. Und das ist in ihrem Fall etwas ganz Besonderes. Denn Petra M., 35 Jahre alt, hatte sich jahrelang vergeblich ein Kind gewünscht. Erst auf dem Weg der In-vitro-Fertilisation (IVF) war die Erfüllung ihres Kinderwunsches möglich gewesen. Mit der in Österreich seit mehreren Jahren erfolgreich angewandten Methode der Blastozysten-Transferierung klappte die Schwangerschaft beim zweiten Versuch. Dabei war das Risiko einer Mehrlingsschwangerschaft gering (siehe Kasten Blastozysten-Verfahren).„Entscheidend bei dieser IVF-Methode ist, dass nach der künstlichen Befruchtung der Eizelle fünf Tage gewartet wird, bis der Embryo das Blastozystenstadium erreicht hat“, erklärte Prof. Dr. Herbert Zech, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie (ÖGRM) anlässlich einer Pressekonferenz in Wien. „Das bewirkt nach dem Embryo-Transfer in den Uterus eine verbesserte Synchronisation. Wir konnten damit bereits eine Erfolgsrate von 50 Prozent erreichen.“
Geht es allerdings nach dem Willen des Gesetzgebers, steht diese IVF-Methode in Österreich vor dem Ende. Im Entwurf zur Novellierung des Fortpflanzungsmedizingesetzes wird die Blastozystenmethode verboten. „Das heißt, wir müssten – so wie derzeit mit niedrigen Erfolgsraten in Deutschland angewendet – zur so genannten ‚Dreierregel’ zurückkehren“, sagte Prof. Dr. Wilfried Feichtinger von der Univ.-Frauenklinik der Medizinischen Universität Wien.

Die Einschränkungen in der Gesetzesnovelle

Die Gesetzesnovelle besagt, dass nur noch genau so viele Zellen entnommen werden dürfen, wie für einen erfolgreichen Versuch notwendig sind: das sind drei. Diese Zellen müssten befruchtet und nach maximal drei Tagen alle in den Uterus transferiert werden. „Wir können zu einem so frühen Zeitpunkt aber keine Beurteilung einer möglichen Lebensfähigkeit abgeben“, erläuterte Feichtinger. „Dies ist eben oft erst im Blastozystenstadium möglich.“ In Deutschland liegt die Rate an erfolgreichen Schwangerschaften mit IVF bei rund 23 Prozent. Das Risiko von Mehrlingsschwangerschaften ist bei der „Dreierregel“ sehr groß, da alle befruchteten Eizellen, die sich nach drei Tagen über das Vorkernstadium hinaus entwickeln, der Mutter transferiert werden müssen.

Überforderung für Eltern

Dies kann vor allem dann, wenn die werdenden Eltern sich von einer Mehrlingsgeburt überfordert fühlen, zum einem Paradoxon führen. Es darf zwar vorab keine Embryonenauswahl getroffen werden, allerdings danach sehr wohl eines oder mehrere der sich entwickelnden Embryos im Mutterleib abgetötet werden, um eine belastende Mehrlingsgeburt zu verhindern. „Diese Methode hat gleich mehrere Nachteile“, kritisiert Zech. „Zum einen ist die Rate der erfolgreichen Schwangerschaften erheblich niedriger, was bedeutet, dass die betroffenen Frauen mehrere Versuche über sich ergehen lassen müssen. Die dafür notwendige hormonelle Stimulation der Frau ist sowohl physisch als auch psychisch belastend. Zum anderen bedeutet auch eine potenzielle Mehrlingsgeburt eine hohe Belastung für die Frau bzw. das Paar mit Kinderwunsch.“

Recht auf Familie verletzt

Die Rückkehr zur Dreierregel, wie sie die Novelle zum Fortpflanzungsmedizingesetz vorsieht, hält der Anwalt der ÖGRM, Dr. Hubert F. Kinz, aus mehreren Gründen für verfassungswidrig: „Zum einen beschränkt sie Artikel 8 des Europäischen Menschenrechtsgesetzes, der das Recht auf Familie regelt. Sie verletzt dazu Art 17 des Staatsgrundgesetzes, weil damit die notwendige Weiterentwicklung medizinischer Kenntnisse und Eingriffstechniken verhindert wird.“ In die gleiche Kerbe schlägt auch Feichtinger: „Die Novelle bedeutet einen Rückschritt. Sie versucht, bereits existierende medizinische Standards zurückzudrängen.“

Lobbying gegen IVF?

Die Experten halten eine Novellierung des Fortpflanzungsmedizingesetzes in diese Richtung nicht für notwendig. Sie fordern eine breite öffentliche Diskussion zum Thema. „Es gibt zwar Druck aus einer bestimmten Richtung, das Fortpflanzungsmedizingesetz zu verschärfen“, erklärt Zech. „Eine öffentliche Diskussion darüber ist aber bisher eher vermieden worden.“ So sollen laut Zech und Kinz sowohl der katholische Familienverband als auch die österreichische Bischofskonferenz und die Aktion Leben massiv auf eine Novellierung des Fortpflanzungsmedizingesetzes in Richtung Verbot der Blastozystenmethode gedrängt haben. Die evangelische Kirche hingegen fordert ebenso wie die Bioethikkommission eine breitere öffentliche Diskussion zu diesem Thema und kritisiert, dass die Novellierung zu rasch abgeschlossen wurde.
Dabei sehen die ExpertInnen durchaus nicht jeden Punkt der Gesetzesnovelle negativ. So sieht diese eine Verlängerung der Aufbewahrung von Eizellen, Spermien und entwicklungsfähigen Zellen bis zum 50. Lebensjahr der SpenderInnen vor (bisher ein Jahr). Sie bietet die Möglichkeit der langjährigen Aufbewahrung von Embryos, um sie später bei einem erneuten Kinderwunsch einzusetzen.„Die Bestimmungen zur Verlängerung der Kryokonservierung von Embryonen wäre im Prinzip durchaus positiv zu sehen“, erklärte Feichtinger. „Sie wird allerdings dadurch ad absurdum geführt, dass wir, wenn wir in Zukunft nach der ‚Dreierregel’ vorgehen müssen, keine Embryonen zur Kryokonservierung haben werden.“

Novelle vorläufig verschoben

Die Novelle zum Fortpflanzungsgesetz sollte im Herbst beschlossen werden, wurde allerdings, laut Auskunft aus dem Justizministerium, auf unbestimmte Zeit verschoben. Sollte es doch zu einem Beschluss kommen, will die ÖGRM dagegen Ver-fassungsbeschwerde einlegen. „Es ist nicht notwendig, die Fortpflanzungsmediziner wegen einer erfolgreichen und schonenden IVF- Methode zu kriminalisieren und zu pönalisieren“, betonte Feichtinger. Die Novelle zum Fortpflanzungsmedizingesetz sieht Strafen bis zu 36.000 Euro oder ersatzweise 14 Tage Haft bei Verstoß gegen die „Dreierregel“ vor.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 26/2004

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