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Allgemeinmedizin 17. November 2005

Neue Vorsorgeuntersuchung: Weniger Parameter, aber mehr Beratung

Das Konzept für die neue Vorsorge-untersuchung liegt auf dem Tisch. Inhaltlich gibt es so gut wie keine Kritik, doch an der Praxistauglichkeit zweifeln viele. Nun wird eifrig um Kompromisse gerungen.

Nach 30 Jahren wurde die Vorsorgeuntersuchung erstmals überarbeitet, und zwar radikal. Statt 150 Parameter sollen künftig 15 Gesundheitsziele abgecheckt und die Untersuchungsintervalle auf zwei bis vier Jahre verlängert werden. So sieht es ein Konzept vor, das gemeinsam von Ärztekammer und Hauptverband der Sozialversicherungen erstellt wurde. Harnuntersuchungen soll es in Zukunft nicht mehr geben und die Laborparameter will man auf Gesamt- und HDL-Cholesterin sowie Blutzucker – und das auch nur bei Risikopersonen – reduzieren. Stattdessen soll der Arzt für jeden Probanden ein individuelles Risikoprofil erstellen und eine Beratung zu den Lebensstilfragen Rauchen, Alkohol und Bewegung anbieten.
Die Reaktion der Ärzte ist höchst gespalten: Während sich die einen über die Aufwertung des ärztlichen Gesprächs freuen, kritisieren die anderen die Reduktion der Parameter. Ihr Argument: Die Patienten wünschen sich Befunde, und diese seien auch eine wichtige Basis für die Beratung. Die „Erfinder“ der neuen Vorsorgeuntersuchung betonen jedoch, dass sich das Konzept streng an den Grundlagen Evidenz-basierter Medizin und internationalen Standards orientiere. Alle Parameter, die aus der alten VU entsorgt wurden bzw. zusätzlich hineinreklamiert werden, seien unnötig oder sogar schädlich. Der Oberste Sanitätsrat bestätigt in einem „Policy Paper“ das neue VU-Programm als „sorgfältig und wissenschaftlich fundiert“. Er empfiehlt jedoch, die Aufnahme weiterer Parameter wie Lungenfunktion, EKG, Blutbild, Triglyzeride, Harnbefund, Blutsenkung und Gamma-GT zu diskutieren. Diese hätten zwar nach EBM in Screenings nichts verloren, seien aber möglicherweise wichtig für die Attraktivität der VU bei den Patienten.

Im Jänner 2005, so wünscht es sich Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat, soll die Gesundenuntersuchung bereits nach neuem Plan erfolgen. Mehr als ein Jahr lang hat eine Arbeitsgruppe mit Teilnehmern aus dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger und der Österreichischen Ärztekammer nun an einem neuen Programm gearbeitet, das zu Jahresbeginn auch dem Obersten Sanitätsrat zur Begutachtung vorgelegt wurde. Ziel war es, die seit 1974 nahezu unveränderte Gesundenuntersuchung mit ihren rund 150 Parametern auf den neuesten Stand der Wissenschaft zu bringen. Dazu, so hatte man sich geeinigt, sollten strenge wissenschaftliche Kriterien nach Evidence-based Medicine (EBM) und internationale Standards herangezogen werden. Unter diesem Aspekt sei das Konzept sehr gelungen, lautete der Tenor, als das Konzept in der vergangenen Woche erstmals offiziell präsentiert wurde. Von einigen Seiten wurden jedoch Zweifel an der Umsetzbarkeit laut. Die Sozialmedizinerin Prof. Dr. Anita Rieder formulierte es als Vertreterin des Obersten Sanitätsrates vorsichtig: „Die Evidence-based Medicine nimmt uns die Entscheidung nicht ab. Die müssen wir treffen, und die werden auch die Patienten treffen.“
Die bange Frage, um die sich nun alles dreht: Wie verkauft man das neue Programm den Patienten? Das ambitionierte Ziel der Gesundheitsministerin ist es, bis 2005 doppelt so viele Österreicherinnen und Österreicher als bisher zur Vorsorgeuntersuchung (VU) zu motivieren. Das werde mit der neuen VU nicht gelingen, meinen manche Ärzte. Sie sind überzeugt: Die Patienten wollen mehr Parameter und nicht weniger. Auch der Oberste Sanitätsrat hat in seinem „Policy Paper“ auf diesen Umstand hingewiesen. Was die Patienten jedoch wirklich wollen, hat bisher niemand erhoben. Konkret lautet das Ziel des neuen VU-Konzeptes: Weniger Untersuchungen, mehr Lebensstilberatung. Als Laborbefunde sind nur noch Gesamt- und HDL-Cholesterin sowie Blutzucker vorgesehen. Harnuntersuchungen wurden gänzlich gestrichen. Im Mittelpunkt der neuen VU soll „die differenzierte Beratung in Lebensstilfragen“ stehen, betont der Vorarlberger Ärztekammerpräsident Dr. Peter Wöß, der an der Ausarbeitung des neuen Programms maßgeblich beteiligt ist. Er räumt jedoch ein, dass dies ein gewisses Umdenken bei den Ärzten erfordere.

Individuelles Risikoprofil

Am Ende der VU soll jeder Klient ein individuelles Risikoprofil in die Hand bekommen, das ihm die Wahrscheinlichkeiten zeigt, beispielsweise in den nächsten fünf bzw. zehn Jahren einen Herzinfarkt zu erleiden oder an Diabetes zu erkranken. „Ärztliche Tätigkeit ist Beratung und Coaching“, betont Wöß. In einem Handbuch (Manual) sollen den Ärztinnen und Ärzten dazu verhaltensorientierte Beratungskonzepte zur Raucherentwöhnung und Gewichtsreduktion zur Verfügung gestellt werden. Ebenfalls nicht mehr vorgesehen ist in dem neuen VU-Konzept die klinische Untersuchung, inklusive der bisher verpflichtenden digital-rektalen Untersuchung. Dafür soll künftig gezielt nach Parodontalerkrankungen und Glaukom und bei über 60-Jährigen auch nach Hörminderungen und Sehschwächen gesucht werden. Ebenso ist nach dem 50. Lebensjahr ein jährlicher Hämoccult-Test vorgesehen und alle fünf bis zehn Jahre eine Sigmoido- bzw. Kolonoskopie. Die ursprünglich geplante Abklärung der Depression findet sich im aktuellen VU-Entwurf nicht mehr. Sie ist vermutlich dem Sparstift und den mangelhaften Behandlungsmöglichkeiten zum Opfer gefallen.

Nicht mehr jedes Jahr

Heftige Diskussionen wird vor allem auch noch die Frage bringen, in welchen Zeitabständen die VU angeboten wird. Ein jährlicher Check-up ist nicht mehr geplant. „Mit einem guten Recall-System werden wir versuchen, zu einem sinnvollen Intervall zu kommen, das alters- und geschlechtsspezifisch differenziert“, sagte Rauch-Kallat, die sich eine „tabulose Diskussion“ darüber wünscht. Aber auch sonst ist die Sache noch alles andere als unter Dach und Fach. „Die Knochenarbeit beginnt erst“, sagt Wöß, der weiß, dass manche Kollegen eine Ausweitung des Untersuchungsspektrums fordern. „In diesem Dilemma stehen wir. Da ist noch einiges zu diskutieren“, betont er. Auch um das Honorar muss mit dem Hauptverband noch verhandelt werden. Man habe sich zu Beginn des Projektes darauf verständigt, das Honorar für die VU in Summe etwa gleich zu lassen, aber das Gespräch besser zu bezahlen, sagt Mag. Christoph Hörhan vom Kabinett der Gesundheitsministerin. Hier scheint es auch klar zu sein, dass man die Ärzte als Verbündete braucht, um die VU zu einem Erfolg zu machen.
Darum will man sich auch noch ganz genau anschauen, welche zusätzlichen Untersuchungen in das Programm aufgenommen werden sollen, um sowohl Ärzte als auch Patienten glücklich zu machen. Dr. Jörg Pruckner, Obmann der Kurie der niedergelassenen Ärzte in der Ärztekammer, geht davon aus, dass noch einige Leistungen dazu kommen werden. Diese könnten auch – wie bereits jetzt in einigen Bundesländern geübte Praxis – als zusätzliches Privatpaket angeboten werden. Eine Option, die auch im Gesundheitsministerium nicht ausgeschlossen wird.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 25/2004

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