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Allgemeinmedizin 11. Oktober 2006

Das Internet kann süchtig machen

Kann behauptet werden, ein Mensch, der ständig wie getrieben im Internet hängt, zeige addiktives Verhalten? Wo die Grenzen zwischen angepasstem Gebrauch des Mediums und Suchtverhalten liegen, beschäftigt Spezialisten, seien es Psychiater, Neurologen oder Soziologen. Erkenntnisse aus Forschungsprojekten und theoretischer Behandlung des Themas können von Fortbildungswilligen aus der "Suchtquelle" Internet selbst bezogen werden. Wissenschaftliche Berichte und Forschungsergebnisse über Online-Sucht gibt es naturgemäß erst seit Mitte der 90er-Jahren. Ivan Goldberg, Psychiater in New York, hat den Begriff Internetsucht quasi erfunden und dabei auch einige Symptome mitgeliefert, die er der Diagnostik der Spielsucht ("pathologisches Spielen") entnommen hatte.

Typische Merkmale

Ausgehend von Goldberg definiert die Forschergruppe des Lehrstuhls für Pädagogische Psychologie und Gesundheitspsychologie an der Humboldt-Universität in Berlin fünf Merkmale:

  • Nahezu das ganze Tageszeitbudget wird mit internetbezogenen Aktivitäten verbracht,

  • Versuche, Internetaktivitäten einzuschränken, scheitern,

  • die Internetaktivitäten steigen stetig,

  • es kommt zu psychischen Entzugserscheinungen und

  • negativen Konsequenzen im sozialen Bereich.

Die Wissenschaftler des Forschungslabors PSILab veröffentlichten 2001 eine Untersuchungsreihe zum Phänomen Internetsucht auf www.internetsucht.de (Humboldt-Universität, Berlin). Kurzberichte, Vorträge und Publikationen zu den Ergebnissen der Studie können auf dieser Webseite nachgelesen werden. Wissenschaftler beantworten häufig gestellte Fragen. Zusätzlich wird auf Online-Publikationen zur Internetsucht hingewiesen.

Gefährdete Persönlichkeitsstrukturen

Gefährdet sind laut Prim. Dr. Hans Zimmerl, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie in Wien, "Alleinstehende und Arbeitslose sowie Personen mit einer unsicher-unreif-gehemmten Persönlichkeitsstruktur sowie andererseits selbstverliebte Individuen mit sadistischen Impulsen". Zimmerl verfasste die erste deutschsprachige Studie, http://gin.uibk.ac.at/thema/internetsucht/internetsucht.html, und verwies darauf, dass zwei Drittel aller Internetsüchtigen im Kommunikationsbereich, vor allem in Chatrooms, und knapp ein Drittel im Bereich Online-Spiele zu finden sind. Nur zirka sieben Prozent sind durch das WWW gefährdet.
Wer sich einen Überblick über weitere Forschungsberichte verschaffen möchte, sollte auf www.onlinesucht.de/diplom.html gehen. Hier sind sämtliche Diplomarbeiten des deutschen Sprachraumes zum Thema Internetsucht zu finden. Weitere Berichte einer Fachtagung gibt es auf der Schweizer Webseite www.offenetuer-zh.ch/fachtagung.html. Publikationen für Psychotherapeuten sind auf www.christianeeichenberg.de/wien2.html zu finden.

Behandlung durch Spezialisten

Die Behandlung für Internetsüchtige wird sich am Einzelfall zu orientieren haben, schreibt Zimmerl. "Sie wird Sozialtherapie ebenso wie Psychotherapie und eventuell auch Selbsthilfearbeit umfassen." Dr. Kimberly Young, University of Pittsburg, hat sich nicht nur in der Forschung einen Namen gemacht. Bekannt wurde sie auch aufgrund ihrer Online-Beratungsstelle COLA für Betroffene. Die lebhafte Seite mit einer Fülle von Informationen ist auf www.netaddiction.com zu finden. Sie bietet laut eigener Beschreibung "the most comprehensive educational resources on e-behavior including a bibliography of references, bookstore, massage boards, research articles, referral links, an array of self-tests, the Cyberwidows Help Center, and a monthly e-newsletter".
Auf www.online-sucht.de wird aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass eine vernünftige Behandlung von Suchterkrankung nur durch entsprechend ausgebildete Ärzte vorgenommen werden kann und darf. In diesem Selbsthilfe-Forum für Süchtige und deren Angehörige sind interessante Infos, Statistiken rund um das Internet, User-Gewohnheiten, Tipps von Betroffenen und die Möglichkeit des anonymen Austauschs zu finden. Zusätzlich gibt es auch eine gute Linkseite mit diversen Studien.

Prävention durch Aufklärung

Interessant sind auch einige private Ärzte-Seiten zum Thema Internet-Sucht. Dr. Hubert Poppe, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie in Wien, plädiert auf seiner Seite www.psychiatrie.co.at dafür, dass Anbieter von Chat-Rooms und Online-Spielen über die mögliche Gefahr einer Abhängigkeit hinweisen sollten. In Betriebsvereinbarungen sollte festgehalten werden, dass Arbeitgeber allfällig betroffenen Mitarbeitern professionelle Hilfe im Sinne der Sekundärprävention anbieten sollten.

Anm. d. Red.: Voriges Jahr wurde das Buch "Die Internet-Süchtigen" (ISBN 3-87468-181-5) von Oliver Seemann, Leiter des Münchner Therapiezentrums für Internet-Abhängige, vorgestellt. Der Autor gilt als der deutschsprachige Spezialist auf dem Gebiet.

Cornelia Mayr, Ärzte Woche 13/2003

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