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Textanzeige 5. September 2016

Die Angst macht die Symptome

Elektromagnetische Hypersensibilität: Menschen, die in Umgebung eines Computerbildschirms, Handys oder Smartphones spezifische Beschwerden aufweisen, müssen ernst genommen werden.

Im Februar wurden unter anderem Dr. Gerald Grundschober und auch das Forum Mobilkommunikation zur Filmpremiere von „Was wir nicht sehen“ im Wiener Metro-Kino geladen. Der Streifen thematisierte das Phänomen elektromagnetische Hypersensitivität (EHS) und wie Menschen damit umgehen, die sich betroffen fühlen. In der darauf folgenden Podiumsdiskussion wurden die scheinbare Gefahr, ihre tatsächliche Ursache und wie man unbegründeten Ängsten begegnen kann, besprochen.

Mit dem Begriff der „elektromagnetischen Hypersensitivität“ (EHS) wird eine sogenannte Elektrosensitivität gegenüber elektromagnetischen Feldern (EMF) bezeichnet. Der Begriff schwirrt oft und gerne durch die Medien. Häufig geben Menschen dann an, in Umgebung eines Computerbildschirms, Handys oder Smartphones ein Auftreten unspezifischer Symptome zu beobachten, die durch ärztliche Untersuchungen keiner konkreten Ursache zugeordnet werden können: Rötungen und Kribbeln der Haut, Nervenzucken oder vegetative Symptome wie Ermattung, Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten. In vielen Fällen sollen diese Reaktionen nur leicht sein, und der Betroffene versucht, diesen Quellen so weit wie möglich fern zu bleiben. „In manchen Fällen geht es auch soweit, dass Betroffene aus ihrer Sicht „strahlenbelastete“ Umgebungen meiden, in die Isolation gehen, zum Beispiel in entfernte Gegenden, ihre Wohnungen mit Folien abschirmen sowie teilweise sogar Kleidung aus Strahlenschutzmaterial im Alltag tragen“, berichtet Dr. Gerald Grundschober, Oberarzt an der Klinischen Abteilung für Erwachsenenpsychiatrie am Universitätsklinikum Tulln.

Fehlende Diagnosekriterien

Das Problem: Laut Aussage der WHO sowie der Europäischen Kommision ist die EHS keine medizinische Diagnose, und es gibt weder klare Diagnosekriterien noch eine wissenschaftliche Basis für die Vermutung, dass EHS-Symptome mit EMF-Exposition in Zusammenhang stehen.

Im Gegenteil: In ihrem Factsheet Nr. 296 berichtet die WHO von einer Reihe von Studien, in denen EHS-Betroffene genau jenen EMF ausgesetzt wurden, die sie als Ursache ihrer Symptome beschrieben hatten. Doch in den allermeisten Fällen konnten die EHS-Betroffenen die Einwirkung von EMF nicht zuverlässiger bestimmen als nicht betroffene Personen. Weitere laut WHO gut kontrollierte und durchgeführte Doppelblindstudien konnten ebenfalls keinen Zusammenhang zwischen Symptomen und Einwirkung von EMF nachweisen.

Nocebo-Effekt

Laut WHO ließen sich diese Studienergebnisse möglicherweise damit erklären, dass die geschilderten Symptome von anderen Umweltbedingungen verursacht werden, etwa das „Flimmern“ fluoreszierenden Lichts oder andere Probleme mit Bildschirmen; zu den weiteren möglichen auslösenden Faktoren zählten demnach auch Stress am Arbeitsplatz oder im Lebensumfeld. Darüber hinaus gibt es Hinweise, so das Factsheet weiter, dass die Symptome durch bestehende psychiatrische Bedingungen sowie Stressreaktionen aufgrund von Ängsten vor Gesundheitsfolgen durch EMF begründet sein dürften, eher als durch die EMF-Einwirkung selbst.

Dieser mögliche Nocebo-Effekt wird auch in einer österreichischen Studie aus 2015 als mögliche Ursache für die EHS-Symptomatik hervorgehoben1. In dieser Metaanalyse analysierten Psychologen, Mediziner und Statistiker 17 internationale Studien, die den Einfluss von EMF auf das Wohlbefinden Erwachsener (Kopfschmerzen, Müdigkeit) untersuchten (schwere Erkrankungen wie Krebs waren ausgeschlossen, da sich hier Ursachen in Experimenten oder Befragungen nicht beweisen lassen). Die Ergebnisse: Während doppelblinde Studien keine Auswirkung auf das Wohlbefinden fanden, zeigten sich diese sehr wohl in nicht-verblindeten Studien. Laut Aussage der Autoren ist dies ein Nachweis dafür, dass „zumindest einige der Auswirkungen auf einen Nocebo-Effekt zurückzuführen sind“.

Betroffene ernst nehmen

Wie geht man also mit den Betroffenen am besten um? Laut Grundschober sei es wichtig, dass Menschen, die unter elektromagnetischer Hypersensitivität leiden, ernst genommen werden. Sie fühlen sich überfordert und oft alleine gelassen. Im Vordergrund stehe zuerst die körperliche Abklärung, dann die Geschichte anhören. Primär solle man, wenn möglich, keine Medikamente anbieten, sondern erst dann, wenn sich eine therapeutische Beziehung darstellt – eine Adhärenz sei sonst nämlich „nur sehr eingeschränkt“ möglich.

Referenz: 1 Klaps A. et al. Mobile phone base stations and well-being – A meta-analysis. Science of the Total Environment 2015 http://1.usa.gov/1PyghUn

Info-Paket

Das Forum Mobilkommunikation hat WHO-Informationen zum Thema „Mobilfunk und Gesundheit“ zusammengestellt: Bestellung bitte per Mail:

(Betreff: WHO-Info-Paket)

Fragen zum Thema Mobilfunk werden im BürgerInnenforum auf buergerforum.fmk.atbeantwortet.

Lydia Unger-Hunt, Ärzte Woche 27/2016

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