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Allgemeinmedizin 17. November 2005

Ärzte mit Visionen für die Gesundheitspolitik

Bei einer Enquete der Wiener Ärztekammer entwickelten Experten Szenarien für das Jahr 2020 und stellten sie Politikern und Ärzten zur Diskussion. „Es rächt sich, bei der Gesundheit zu sparen“, wurde unter anderem proklamiert.

Der Wiener Ex-Bürgermeister Helmut Zilk hatte es dazumal auf den Punkt gebracht: „Spitzenversorgung auch für die Jetti-Tant.“ Schöner kann es nicht einmal die Ärztekammer sagen. „Dieses Ziel können wir nur unterschreiben“, bekräftigte Dr. Melitta Bohn-Rieder, Organisatorin der Enquete „Visionen für die Gesundheitspolitik – Medizin Weltstadt Wien 2020“, die vergangene Woche im Wiener Museumsquartier stattfand. Ihr Resümee: „Ich bin froh, dass die Stadt Wien und die Ärztekammer das dringende Problem der Wiener Spitzenmedizin mit vielen Denkern und neuen Visionen angegangen sind.“

Vier maßgebliche Bereiche

In vier Wokshops hatten sich namhafte Experten aus dem In- und Ausland Gedanken über die zukünftige gesundheitspolitische Entwicklung gemacht. Die thematischen Schwerpunkte lagen dabei auf den Bereichen Demografie, alternative Finanzierungsmöglichkeiten, innovative Forschung und verbesserte Schnittstellen. Am Abend wurden die Ergebnisse mit Gesundheitspolitikern, Ärzten und Meinungsbildnern diskutiert. „Die Finanzierung des Gesundheitswesens ist in Österreich keine Frage des Könnens, sondern des Wollens“, betonte dabei die Wiener Gesundheitsstadträtin Prim. Dr. Elisabeth Pittermann-Höcker. Österreich sei das viertreichste Land in der EU und könnte sich daher auch ein sozial gerechtes System leisten, sofern es das wolle. Den derzeitigen Sparkurs hält Pittermann für kurzsichtig: „Es rächt sich, bei der Gesundheit zu sparen. Die Ersten, die das zu spüren bekommen, sind die, die im Schatten stehen.“ Ihre Forderung: Die Risken der Krankheit dürften niemals privatisiert werden. So werde es auch immer stärker zu einer sozialen Aufgabe werden, sich um die Alten zu kümmern und sie bestmöglich zu versorgen.

Doppelgleisigkeit vermeiden

Doch auch Pittermann sieht Effizienzpotenzial im Gesundheitswesen: „Ich habe in Wien sechs Mammazentren eröffnet, die schon vor meiner Amtszeit geplant wurden. Drei würden es auch tun.“ Die verschiedenen Stränge im Gesundheitswesen zu bündeln, sei „ein dorniger Weg“. Es gebe Doppelgleisigkeiten und in manchen Bereichen schon eine Zwei-Klassen-Medizin, räumte die Stadträtin ein. Ihr Ziel: „Ich will versuchen, diese so weit wie möglich zu minimieren.“

„Ein aufgelegter Elfer ...“

„Eine Weltstadt wie Wien hat andere Probleme als die Bevölkerung am Land, bestätigte Gesundheits-Staatssekretär Prof. Dr. Reinhart Waneck. Die Krankenkassen, die schon jetzt bundesweit agieren - wie die BVA und die gewerbliche SVA - hätten diesen Faktor bereits durch einen internen Ausgleich berücksichtigt. „Es ist ein aufgelegter Elfer, dass auch die Gebietskrankenkassen diesen internen Strukturausgleich machen müssen“, betonte Waneck. Man müsse der Tatsache ins Auge sehen, dass Gesundheit in Zukunft nicht weniger kosten werde. „Der Fehler in der Vergangenheit war jedoch, dass immer wieder in irgendeiner Weise Selbstbehalte eingeführt wurden, um Budgetlöcher zu kitten, und nicht das System reformiert wurde“, so Waneck. Notwendig sei eine bessere Allokation der Mittel und eine Zusammenlegung der Ressourcen. Waneck: „Ein bisschen darf man auch die Gesundheit wirtschaftlich sehen.“
„Das Gesundheitswesen der Zukunft wird mehr kosten, und die Menschen sollten das auch wissen“, sagte der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Europa, Marc Danzon, der auf einen Blitzbesuch vorbeikam. In Europa, so kritisierte er, werde das nicht sehr transparent vermittelt. Es gehe darum, trotz steigenden Kostendrucks Gerechtigkeit und Solidarität im Gesundheitssystem zu erhalten. „Daneben wird sich aber auch der private Markt rundherum weiter entwickeln und künftig wahrscheinlich einen größeren Anteil am Bruttosozialprodukt einnehmen“, meinte Danzon. Den Ärzten komme die wichtige Aufgabe zu, die Patienten in einem marktorientierteren System gezielt zu leiten. Dabei dürfe die internationale Dimension nicht vernachlässigt werden. „Wir müssen auch eine globale Vision entwickeln. Auch in den ärmeren Länder muss es einen fairen Zugang zu medizinischer Betreuung geben“, verwies der WHO-Direktor auf eine weltweite Herausforderung. „Aber Globalisierung hat eben auch eine ethische Komponente. Es ist unsere Verpflichtung, die Welt gerechter zu machen.“

Ökonomie oder Qualität?

„Ich bin froh, dass wir in Österreich einen Konsens haben: Wir wollen Effizienzverbesserungen, aber keine Rationierung“, sagte ÖVP-Gesundheitssprecher Dr. Erwin Rasinger. Das Motto: „Runter mit den Kosten“, greife zu kurz. Die Politik müsse wenigstens Mindeststandards vorgeben. Es werde sich auch zunehmend die Frage stellen, ob man Ökonomie oder Qualität will. „Wenn man immer von Evidenc-based Medicine redet, dann müsste man fast jedem Patienten ein Statin geben. Das würde dann aber eine halbe Milliarde Euro kosten“, meinte der Politiker, der nach wie vor als Allgemeinmediziner praktiziert. Dann würde den Ärzten jedoch vorgeworfen werden, dass sie unökonomisch verschreiben. „Deshalb sind wir Ärzte gut beraten, heute in die Diskussion einzusteigen“, betonte Rasinger.

Verhältnisse ändern

„Gesundheitspolitik wird heute nur noch in Zusammenhang mit Kosten diskutiert“, kritisierte der Gesundheitssprecher der Grünen, Prof. Dr. Kurt Grünewald. „Das ist falsch, denn mehr Gesundheit bedeutet zum Beispiel auch weniger Krankenstände, und das bringt Vorteile für die Wirtschaft.“ Die Medizin sollte aber auch nicht überschätzt werden.„Bildung, Einkommen und Umweltfaktoren sind ebenfalls ganz entscheidende Faktoren für den Gesundheitszustand einer Bevölkerung. Die Medizin kann da nur 15 bis 20 Prozent beeinflussen“, so Grünewald. Darum sei es auch besonders wichtig, die Verhältnisse zu ändern, die die Menschen krank machen. Auch an den bestehenden Strukturen müsste einiges geändert werden: „Ich bin für eine Harmonisierung der Leistung und der Beiträge in der sozialen Krankenversicherung. Damit könnte man auch die Zahl der Kassen reduzieren. Das würde zu einheitlichem Recht und mehr Chancengleichheit führen“, betonte Grünewald.

Mehr Ärzte in die Politik

„In das Gesundheitswesen muss mehr Geld fließen, sonst werden wir die Herausforderungen der Zukunft nicht meistern können“, sagte der Präsident der Ärztekammer für Wien, Prim. MR Dr. Walter Dorner. Das gelte vor allem für die Bundeshauptstadt, die mit ihrem Weltstadtniveau in der medizinischen Versorgung mit keiner anderen heimischen Stadt vergleichbar sei. Er plädierte auch für eine stärkere Einbindung der Ärzte in die Politik: „Wir als Ärzte sind eine moralische Großmacht und die besten Anwälte unserer jetzigen und künftigen Patienten. Deshalb ist meine Vision für 2020: Es soll so viele Ärztinnen und Ärzte in der Bundesregierung geben, wie heute Vertreter von Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung dort tätig sind - also sieben. Dann würde das Gesundheitswesen viel besser aussehen“, meinte der Ärztechef.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 23/2004

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