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Allgemeinmedizin 14. November 2005

Für fast jedes Problem eine Lösung (Folge 5)

Bereits unter Hammurabi wurden die ersten Staroperationen beschrieben. Und im Mittelalter waren es die Okulisten, die von Dorf zu Dorf zogen, um den meist unwissenden Einwohnern den Star zu stechen – mit durchaus überschaubarem Erfolg. Heute hat die Ophthalmologie für fast jedes Augenproblem eine Lösung anzubieten. Die Fortschritte auf operativem Gebiet sind groß, auch für wissenschaftliche Forschung bietet sich ein breites Betätigungsfeld.

„In der Augenheilkunde gibt es nur wenige Patienten, denen man sagen muss: ‚Leider, da kann ich überhaupt nichts machen’“, er-klärt MR Dr. Roderich Fellner, Präsident der Österreichischen Ophthalmologischen Gesellschaft (ÖOG) und Augenarzt in Graz im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE die eigene Begeisterung für sein Fachgebiet. „Wenn ich das beispielsweise mit der Onkologie oder Geriatrie vergleiche, kann ich sagen: ‚In der Augenheilkunde können wir doch den meisten Patienten helfen’.“

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Großer Gestaltungsspielraum

Als eine ideale Mischung von konservativer und operativer Tätigkeit beschreibt Fellner das Aufgabengebiet als Augenarzt: „Viele Kollegen spezialisieren sich beispielsweise auf bestimmte operative Eingriffe, wie etwa die Star- oder Glaukomoperation. Andere konzentrieren ihre Tätigkeit wiederum auf Schielkinder.“ Dies zeigt, dass auch innerhalb eines vergleichsweise „kleinen“ Faches eine weitere Spezialisierung durchaus möglich bzw. – wie im Fall der hochkom-plizierten Staroperationen – sogar erwünscht ist. Die Zeiten, als manche Menschen noch eine Starbrille tragen mussten, sind noch gar nicht so lange her. „Als ich in der Augenheilkunde anfing, bestand die Staroperation darin, die getrübte Linse zu entfernen“, plaudert Fellner aus dem Nähkästchen. Die Patienten mussten danach so genannte Starbrillen tragen, die nicht nur das Gesichtsfeld deutlich einschränkten, sondern auch nicht sehr attraktiv aussahen. „Damals dachten wir, die Entfernung der Linse in toto wäre bereits das Non plus Ultra in der Starchirurgie.“

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Kunstlinsen: hoher Standard

Heute wird mittels eines nur noch drei Millimeter langen Schnittes die getrübte Linse entfernt und eine Kunstlinse eingesetzt, die den PatientInnen fast immer ein normales Sehen ermöglicht. „Wir haben da einen Stand erreicht, mit dem wir sehr zufrieden sein können“, sagt Fellner. „Aber es gibt sicher noch weitere Steigerungen.“ Auch die Entwicklung des Operationsmikroskops vor etwa 30 Jahren und die Miniaturisierung der Instrumente gehören zu den wesentlichen Fortschritten der Augenheilkunde in den vergangenen Jahrzehnten. Neben der täglichen praktischen Auseinandersetzung im Fach zählt Fellner die wissenschaftliche Arbeit in der Ophthalmologie zu den interessantesten Herausforderungen der kommenden Jahre und verweist auf eines der ungelösten Probleme in der Augenheilkunde: „Für die feuchte Makuladegeneration haben wir zwar schon vielversprechende Therapieansätze, von einer Heilung können wir hier aber noch lange nicht sprechen.“ Völlig ungelöst scheint derzeit noch das Problem der trockenen Makuladegeneration, bei der es zu einem langsamen, aber unaufhaltsam fortschreitenden Visusverlust kommt. Neben der Liebe zum Fach und zur Wissenschaft sieht der ÖOG-Präsident viel Geduld und Ausdauer als wesentlichste Voraussetzungen für angehende Augenheilkundler: „Denn die Ausbildungssituation ist derzeit leider gar nicht gut.“ Generell gäbe es viel zu wenig Ausbildungsstellen. Aber auch als fertiger Facharzt gilt ein berufliches Auskommen noch lange nicht als gesichert. Da die Gebietskrankenkassen die Planstellen für Fachärzte festlegen, kann es mitunter zu langen Wartezeiten kommen, bis ein Facharzt für Augenheilkunde eine Kassenstelle erhält.

Beschränkungen in der Zukunft

Fellner kann sich für die Zukunft, um die Situation zu verbessern, durchaus stärkere Beschränkungen vorstellen: „In den USA wird vor Ausbildungsbeginn die Anzahl der Fachärzte, die benötigt werden, festgelegt, und etwa genauso viele werden dann auch tatsächlich ausgebildet.“ Eine ideale Lösung, meint Fellner, da es auf diese Weise nicht zu Überkapazitäten käme. Auch eine Zugangsbeschränkung zum Medizinstudium kann sich Fellner durchaus vorstellen: „Wir haben in Österreich als letztes Land in Europa keine Zulassungsbeschränkung. Wenn bei uns jemand bei der Krankenschwesternausbildung durchfällt, kann er immer noch Medizin studieren.“ Betrachtet Fellner die beruflichen Perspektiven für angehende Ärzte seines Faches in Österreich schon als ungünstig, so scheint es im benachbarten Ausland nicht viel besser um Beschäftigung, Kassenstellen und Bezahlung bestellt zu sein: „In den skandinavischen Ländern fehlen derzeit tausende von Fachärzten, weil die Bezahlung unterdurchschnittlich ist.“ In Großbritannien wird seit vielen Jahren voll auf die Versorgung im Krankenhaus gesetzt, was es den britischen Augenärzten nicht nur erschwert, sich niederzulassen, sondern auch ihre Ordinationsausstattung auf dem letzten Stand der Technik zu halten.„Auch in Deutschland“, so Fellner weiter, „sind derzeit rund 5.000 Facharztstellen nicht zu besetzen, weil die Honorierung nicht stimmt.“ Rund 1.000 Euro im Monat erhalte ein junger Facharzt in Ausbildung pro Monat. „In Österreich ist die Bezahlung übrigens nicht viel besser“, warnt Fellner die jungen Kollegen. Abraten will der Präsident der ÖOG Medizinstudenten vom Fach Augenheilkunde allerdings keineswegs: „Aber man soll den jungen Kollegen vorher genau sagen, was sie erwartet.“

Breites Ausbildungsspektrum

Insgesamt dauert die Ausbildung zum Facharzt für Augenheilkunde sechs Jahre. „Davon sind fünf Jahre im Fach zu absolvieren, ein halbes Jahr Innere Medizin und ein halbes Jahr Chirurgie“, zählt Fellner auf. Den Abschluss bildet, wie in allen anderen Sonderfächern auch, die Facharztprüfung. Zusätzliche Ausbildungen hält Fellner nur eingeschränkt für nötig: „An sich ist das Fach Augenheilkunde so sehr spezialisiert, dass eine zusätzliche Ausbildung nicht viel bringt. Interessant kann eine intensivere Beschäftigung mit Kontaktlinsen sein.“ Hier sei der Markt in Österreich noch nicht gesättigt. Trotz aller genannten Schwierigkeiten bleibt die Augenheilkunde für Fellner ein „hochinteressantes, spannendes Fach. Es ist eine Freude, darin zu arbeiten. Bis man aber soweit kommt, ist es eben ein dorniger Weg.“

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden, vor allem wegen des Textflusses, nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 23/2005

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