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Allgemeinmedizin 14. November 2005

Medizin für die Arbeitswelt (Folge 4)

Bereits im 17. Jahrhundert wurde mit Bernardo Ramazinis (1631–1724) Standardwerk zu den Ursachen für Berufskrankheiten der Grundstein zum Sonderfach Arbeitsmedizin gelegt. Aber erst in den 80-er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde in Österreich erstmals eine zwölfwöchige Ausbildung zum Arbeits- und Betriebsmediziner ins Leben gerufen. Mit der neuen Ausbildungsordnung soll nunmehr auch eine sechsjährige Facharztausbildung geschaffen werden.

Interesse an arbeitsbedingten Erkrankungen, hohe Kommunikationsfähigkeit und derzeit noch viel Geduld brauchen künftige Arbeitsmediziner in Österreich. Denn es sieht mit der Anzahl der Ausbildungsstellen zum Facharzt für Arbeits- und Betriebsmedizin noch ziemlich schlecht aus. „Insgesamt gibt es derzeit nur 22 Ausbildungsstellen in ganz Österreich“, informiert der Arbeitsmediziner Dr. Erich Pospischil im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. „Erst die neue Ausbildungsordnung wird hier Abhilfe schaffen können.“ Mit dieser soll dann erstmals die Möglichkeit bestehen, in einer sechsjährigen Ausbildung den Titel Facharzt für Arbeits- und Betriebsmedizin erwerben zu können. Aber auch ohne Facharzttitel besteht schon jetzt die Möglichkeit, sich die Berechtigung zur Berufsausübung als Arbeitsmediziner zu erwerben. Wer das ius practicandi hat, kann einen zwölfwöchigen Kurs an einer der beiden österreichischen Akademien für Arbeitsmedizin in Klosterneuburg bzw. Linz absolvieren. „Nach Abschluss dieser Ausbildung darf man als Arbeitsmediziner praktizieren“, erläutert Pospischil. Seit 1996 und noch bis Ende 2006 besteht als Übergangsregelung die Möglichkeit, nach mindestens acht Jahren nachgewiesener Tätigkeit als Arbeitsmediziner den Facharzttitel von der Ärztekammer zuerkannt zu bekommen. Voraussetzung dafür ist, dass die Facharztprüfung bestanden wurde. Derzeit haben rund 75 Arbeits- und Betriebsmediziner in Österreich ihren Facharzttitel auf diese Weise erworben. Wer jetzt mit dem Studium fertig ist und in dieses Fach gehen möchte, dem rät Arbeitsmediziner Pospischil auf alle Fälle den Zwölfwochenkurs an, denn „der wird zukünftig auch Teil der Facharztausbildung sein, also in jedem Fall zu absolvieren“. Zudem berechtigt dieser Kurs zur sofortigen Aufnahme der betriebsärztlichen Tätigkeit.

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Statistik für Österreich: Auswertungszeitpunkt Mitte Juni 2004
(Kriterium ist Ende der Ausbildung und NICHT Ausstellungsdatum).
Durch nachträgliche Ausstellung ist somit noch eine Erhöhung der
Vorjahreswerte zu erwarten.

Gesundheit ist kein Luxus

Arbeitsbedingte Erkrankungen stehen im Mittelpunkt der arbeitsmedizinischen Tätigkeit. Im Vergleich zu anderen medizinischen Disziplinen hat der Arbeits- und Betriebsmediziner allerdings vor allem beratende und präventive Aufgaben. „Im Mittelpunkt unserer Bemühungen steht die Entwicklung von Gesundheit im Betrieb“, sagt Pospischil. Dies umfasst die Einzelberatung von Arbeitnehmern. Dazu gehört aber auch die Umsetzung von gesundheitsfördernden Maßnahmen für ganze Unternehmen. „Auch die enge Zusammenarbeit mit dem Management wird immer wichtiger“, weiß Pospischil. Denn „es ist ganz wesentlich für eine moderne Betriebsführung, dass gesunde Mitarbeiter auch leistungsbereiter sind.“ Schließlich seien nur gesunde Arbeitnehmer auch imstande, die ihnen gestellten Aufgaben adäquat zu erfüllen.

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Kommunikativ und belastbar

Mit „Kommunikationsfähigkeit und EDV-Kenntnisse“, fasst Pospischil die beiden wichtigsten „Spezialkenntnisse“, die ein Arbeits- und Betriebsmediziner mitbringen sollte, zusammen. „Da sitzt man ja nicht irgendwo und wartet, dass die Leute kommen, sondern der Arbeitsmediziner muss auf die Menschen zugehen, ob das jetzt die Arbeitnehmer sind oder auch das Firmenmanagement.“ Und EDV-Kenntnisse gehören heute zu den Grundvoraussetzungen für Arbeits- und Betriebsmediziner. Aber auch ein gewisses Verständnis für technische Zusammenhänge, Kenntnisse in Ergonomie, Arbeitspsychologie, Projektmanagement und nicht zuletzt ein hohes Maß an Flexibilität sind Grundvoraussetzungen für die erfolgreiche Arbeit als Arbeitsmediziner. „Eine gewisse Mobilität ist unbedingt nötig, weil die Firmenstruktur in Österreich wenige Großbetriebe aufweist, die einen Arbeitsmediziner in Vollzeit beschäftigen können“, erklärt Pospischil. Aufgrund der kleinteiligen Struktur ist es vielmehr so, dass ein Arbeits- und Betriebsmediziner meist mehrere Betriebe versorgt.

Großes Konfliktpotenzial

Auch eine gewisse Belastbarkeit hält Pospischil für absolut notwendig, weil ein Arbeitsmediziner nicht selten im Spannungsfeld zwischen Mitarbeitern und Management steht: „Hier besteht ein großes Konfliktpotenzial. Derartigen Konfliktsituationen muss man begegnen und sie auch entsprechend moderieren können.“ Übrigens: Auch für den Arbeitsmediziner gilt absolute ärztliche Schweigepflicht. Der Firmenchef darf nicht danach fragen, wer den Arbeitsmediziner aufsucht und aus welchem Grund. Die beruflichen Chancen für angehende Arbeitsmediziner beurteilt der erfahrene Arbeitsmediziner Pospischil derzeit wörtlich als „gar nicht schlecht“. Zum einen käme es in den kommenden Jahren in vielen Betrieben zu einem Generationswechsel, weil Kollegen in Pension gingen. „Zum anderen bestehen neben der betriebsärztlichen Tätigkeit auch noch andere Möglichkeiten, diesem Beruf nachzugehen, wie etwa bei der Unfallversicherung und den Arbeitsinspektoraten.“ Auch in ländlichen Gebieten besteht derzeit noch Nachholbedarf für arbeitsmedizinische Versorgung.

Es bleibt immer interessant

Routine gibt es laut Pospischil in der Arbeits- und Betriebsmedizin nur wenig: „Die Arbeitsmedizin bietet eben von der Konzeption von Gesundheitsförderungsprogrammen über die Zusammenarbeit mit anderen Fachdisziplinen bis hin zur Beratung einzelner Mitarbeiter praktisch täglich neue Herausforderungen.“ Mit Kollegen anderer Fächer tauschen möchte Pospischil auch nach rund zehnjähriger Tätigkeit als Arbeits- und Betriebsmediziner nicht: „Für mich persönlich ist es immer noch reizvoll, täglich vor neue Herausforderungen gestellt zu sein, neue Inhalte zu definieren und viele verschiedene Wissenskomponenten in meine Arbeit einbringen zu können.“ Pospischil ist Facharzt für Innere Medizin und für Arbeits- und Betriebsmedizin sowie ärztlicher Leiter des Arbeits- und Sozialmedizinischen Zentrums Mödling GmbH. Er ist Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden, vor allem wegen des Textflusses, nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 22/2005

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