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Allgemeinmedizin 14. November 2005

Es gibt viel zu viele Chirurgen! (Folge 8)

Die Chirurgie gilt bei vielen Jungmedizinern immer noch als „Königsdisziplin“ unter den Sonderfächern. Im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE wird dies allerdings vom Klagenfurter Chirurgen, Prof. Dr. Michael Starlinger, stark relativiert. Er setzt sich für weniger Ausbildungsplätze und eine kürzere Ausbildungszeit ein.

„Wir bilden viel zu viele Leute aus“, sagt Starlinger, Vorstand der Abteilung für Allgemeinchirurgie am Landeskrankenhaus Klagenfurt. „Bei uns in Klagenfurt ist es so, dass die Leute nach der Facharztprüfung auf der Straße stehen, weil wir nicht genügend Stellen anbieten können.“ War es bis vor einiger Zeit noch so, dass die Änderungen im Arbeitszeitgesetz ein größeres Angebot an freien Stellen bedeuteten, so ist diese Zeit laut Starlinger längst wieder vorbei.

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Fertig erst mit 40 Jahren

Auch die Ausbildungsdauer kritisiert der Viszeralchirurg: „Wenn die Leute bei uns, meist nach ihrem Turnus, mit ihrer sechsjährigen Ausbildungszeit fertig sind, haben sie nicht selten das 40. Lebensjahr erreicht. Das ist zu alt.“ Starlinger orientiert sich an der Ausbildung in den USA: „Dort dauert die so genannte Residency, bei der ein promovierter Mediziner praktisch Tag und Nacht am Krankenhaus ist, drei Jahre. Danach darf er sich surgeon nennen, also Chirurg.“ Außerdem sei die Ausbildung in den USA insgesamt viel strukturierter, die „Lehrlinge“ hätten deutlich mehr zu tun und müssten, selbstverständlich unter Anleitung, viel mehr und selbständiger operieren.

Patienten wollen den Professor

„Das ist aber auch durch eine andere Haltung der Patienten möglich, die durchaus nichts dagegen haben, wenn der Assistent sie unter Anleitung operiert“, erläutert Starlinger. „Bei uns bin ich doch häufig damit konfrontiert, dass ein Patient sagt: Aber Herr Professor, Sie operieren mich schon selber?!“ Auch die Struktur in der Ausbildung zum Chirurgen fehlt in Österreich. „Wir haben keine Tradition in der Ausbildung“, moniert der Chirurg, der sich eine Begrenzung der Ausbildungsstätten wünscht. Auch ein fixer Ausbildungskatalog sollte vorgegeben sein und eingehalten werden. Nicht zuletzt wünscht sich Starlinger regelmäßige Audits der Ausbildungsstätten: „Werden die Bedingungen nicht erfüllt, sollte dem ausbildenden Krankenhaus die Berechtigung zur Facharztausbildung entzogen werden.“ Die Österreichische Gesellschaft für Chirurgie entwickelt gerade ein Konzept, wie viele Ausbildungsstellen für Chirurgie in Österreich notwendig sind. „Dies soll uns eine Einschätzung darüber ermöglichen, wie viele Chirurgen in Österreich überhaupt notwendig sind“, erklärt Starlinger. Bei jenen Chirurgen, die eine Ausbildungsstelle ergattert haben, setzt Starlinger Entscheidungsfreudigkeit und eine „gewisse Neigung zum Krisenmanagement“ voraus. „Wir handeln ja häufig aus einer Notsituation heraus“, betont Starlinger. Nicht selten komme es auch bei geplanten Eingriffen zu Komplikationen, bei denen Ruhe und Besonnenheit am OP-Tisch besonders wichtig seien. Handwerkliches Können sei natürlich ebenfalls nicht von Nachteil, wenngleich man dieses auch durch viel Übung kompensieren könne.

Faszination der Chirurgie

Seine eigene Faszination an der Chirurgie erklärt Starlinger damit, dass „in vielen Fällen durch die Arbeit von einigen Stunden die Voraussetzung für das Gesundwerden eines Menschen geschaffen werden kann.“ Gerade die laparoskopische Chirurgie hat dazu viel beigetragen. Damit wurden Eingriffe auch bei Menschen möglich, die bereits durch andere Erkrankungen schwer belastet oder mit einem höheren Narkoserisiko behaftet sind. Als Beispiel dafür nennt Starlinger die laparoskopische Cholezystektomie. Insgesamt geht der Viszeralchi-rurg für die kommenden Jahre von einer weiteren Verfeinerung und Spezialisierung der laparoskopischen Chirurgie aus, sieht dies aber nicht als größte Herausforderung für das Fach: „Das sind viel eher strukturelle Probleme, wie etwa die Einführung von Mindestmengen für kompliziertere Operationen. Da wird es in den kommenden Jahren sicherlich zu Verteilungskämpfen kommen. Diese vernünftig und friedlich zu managen, ist eine Herausforderung für uns Chirurgen.“ Jenen Jungärzten, die trotz aller derzeit im Fach vorherrschenden Probleme eine Ausbildung zum Chirurgen absolvieren wollen, rät Starlinger, ins Ausland zu gehen: „In Deutschland gibt es, schon aufgrund des Numerus clausus, Möglichkeiten zur Ausbildung.“ Auch der immer massiver werdende Ärztemangel erhöhe die Chancen auf eine Stelle zur Chirurgenausbildung. „Allerdings ist die Arbeit sehr anstrengend und der Verdienst in Deutschland für Ärzte in Ausbildung noch geringer als in Österreich“, warnt Starlinger ambitionierte Jungmediziner. Von der Ausbildung abraten will der Chirurg letztlich aber trotz aller Schwierigkeiten niemandem: „Ich glaube, das ist wie in allen anderen Berufen: Die Guten setzen sich letztlich durch.“ Die entsprechende Mobilität und Flexibilität vorausgesetzt, werde sich auch eine Möglichkeit zur Ausbildung ergeben. Seine eigene Entscheidung, Chirurg zu werden, hat Starlinger nicht bereut, wenn er auch ursprünglich Anästhesist werden wollte. „Denn wissen Sie“, sagt der Chirurg abschließend, „das Schönste an meinem Beruf sind die dankbaren Patienten, die einem, wenn alles gut gegangen ist, die Hand schütteln und sagen: ‚Herr Doktor, das haben Sie toll gemacht.’“

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden, vor allem wegen des Textflusses, nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 26/2005

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