zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 14. November 2005

Die Ausbildungsinhalte radikal ändern (Folge 7)

Facharzt für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin: Das klingt erst einmal weniger spannend als Internist oder Chirurg. Hinter dem sperrigen Titel verbirgt sich allerdings ein herausforderndes und vor allem ständigen Veränderungen unterliegendes Fachgebiet, das sowohl für den Wissenschaftler als auch für den praktisch veranlagten Mediziner ein interessantes Tätigkeitsfeld bietet.

„Das breite Tätigkeitsspektrum sollte sich auch im Curriculum niederschlagen“, fordert der Leiter der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Frauenklinik im Wiener AKH, Prof. Dr. Sepp Leodolter, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. „Wer sich niederlassen will, sollte in der Ausbildung einen anderen Fokus haben als jemand, der in erster Linie operativ tätig ist, Reproduktionsmedizin oder Endokrinologie machen will.“

Welche Änderungen halten Sie in der Ausbildung zum Gynäkologen für wichtig?
Leodolter: Beispielsweise ist immer noch für jeden Auszubildenden vorgeschrieben, 35 Hysterektomien durchzuführen. Das halte ich für völligen Nonsens. Jemand, der in die Praxis geht, braucht andere Schwerpunkte. So jemand sollte natürlich bei Operationen assis-tieren, um zu wissen, wie das geht. Aber mit der Forderung, selbst eine operative Ausbildung durchzumachen, behindert er letztlich jemanden, der sich auf operative Gynäkologie spezialisieren will. Jemand, der Endokrinologie machen will, soll sich frühzeitig darauf spezialisieren, jemand, der in die Reproduktionsmedizin gehen will, sollte hier einen Schwerpunkt setzen können. Der niedergelassene Gynäkologe braucht vor allem hohe Kompetenz in der Routine-Beratung, insbesondere sollte der Vorsorgemedizin ein hoher Stellenwert zukommen. Das wird in der Ausbildung derzeit viel zu wenig berücksichtigt.

In welcher Form sollten sich Ihre Vorschläge in der Ausbildungspraxis niederschlagen?
Leodolter: Der zeitliche Rahmen sollte natürlich die vorgeschriebenen sechs Ausbildungsjahre umfassen, allerdings mit anderen Inhalten als derzeit. Hier sollte der Fokus einerseits auf Prävention und andererseits auf diagnostischen und konservativen Therapiemethoden liegen, die der niedergelassene Gynäkologe für seine Praxistätigkeit braucht. International wird heute in der weiteren Ausbildung von drei Säulen ausgegangen: der operativen Gynäkologie und der gynäkologischen Onkologie; der Geburtshilfe und Perinatalmedizin und der Endokrinologie und Sterilitätsbehandlung.

Wurden diese Forderungen auch in der neuen Ausbildungsordnung berücksichtigt?
Leodolter: In der Ärztekammer liegt bereits ein Curriculum für die Weiterbildung in gynäkologischer Onkologie. Wir erwarten nun, dass ergänzend zum „Gesamtfrauenarzt“ die Weiterbildung für die oben genannten Subspezialitäten institutionalisiert wird.

Was begeistert Sie an Ihrem Fachgebiet?
Leodolter: Die Arbeit als Gynäkologe und Geburtshelfer ist gesamtheitlich, sie geht weit über eine punktuelle Sichtweise hinaus. Bei uns gibt es nicht die Frau Meier, der wir die Gallenblase entfernen, und dann geht sie wieder nach Hause. Viele Frauen begleiten wir ein Leben lang – von der Menarche bis ins hohe Alter. Das verschafft im Vergleich zu anderen Fächern und ärztlichen Tätigkeiten einen ganz anderen Zugang zu den Patientinnen und zu deren Familien.

Was hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten in der Frauenheilkunde maßgeblich verändert?
Leodolter: Es hat, wie bereits erwähnt, eine starke Spezialisierung stattgefunden. Während ein Frauenarzt vor 30 Jahren eigentlich recht gut die Gynäkologie und die Geburtshilfe in gleicher Weise abdecken konnte wie die Endokrinologie, ist heute für gewisse Fragestellungen doch der Spezialist zuständig. Einen besonderen Stellenwert innerhalb der Spezialisierungen hat die Reproduktionsmedizin, die der Allgemeingynäkologie heute nicht mehr in vollem Ausmaß abdecken kann.

Ist der Allgemeingynäkologe out?
Leodolter: Nein, auf keinen Fall. Der Allgemeingynäkologe hat eine sehr wichtige Gate-Keeper-Funktion. Er ist derjenige, der die Triage durchführt, der sagt, 70 bis 80 Prozent der Fragestellungen kann ich selbst kompetent abdecken, für die übrigen 20 bis 30 Prozent brauche ich einen Spezialisten.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden, vor allem wegen des Textflusses, nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 25/2005

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben