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Allgemeinmedizin 14. November 2005

"Man muss die Toten mögen" (Folge 10)

Obduktionen von natürlichen oder gewaltsamen Todesfällen, rechtsmedizinische Gutachten, Lehre und Forschung an der Universität: Das Sonderfach Gerichtsmedizin ist breit und bietet viele interessante Spezialisierungsmöglichkeiten.

Das österreichische gerichtsmedizinische Institut zählt zu den ältesten diesbezüglichen Einrichtungen weltweit. Es wurde 1804 von Kaiser Franz I. ins Leben gerufen. 201 Jahre später wurde mit Prof. Dr. Andrea Berzlanovich die erste Frau zur Professorin für Gerichtsmedizin in Österreich berufen. Im Interview mit der ÄRZTE WOCHE berichtet Berzlanovich, die zurzeit ein Jahr lang am Münchener rechtsmedizinischen Institut lehrt und forscht, über die spannende Arbeit in ihrem Fach, aber auch über Hürden und Schwierigkeiten, die sie auf ihrem Weg zu überwinden hatte.

Warum haben Sie sich ursprünglich dafür entschieden, das Fach Gerichtsmedizin zu wählen?
Berzlanovich: Dieser Wunsch bestand bereits in meiner Kindheit. Das Fach hat mich schon immer fasziniert, und ich habe Medizin studiert, um Gerichtsmedizinerin zu werden. Es interessiert mich, warum und wie jemand ums Leben gekommen ist, welche pathologischen Veränderungen ursächlich für den natürlichen Tod waren. Das will ich aufklären.

Was ist an Ihrem Fach besonders spannend?
Berzlanovich: Die Gerichtsmedizin ist sehr heterogen. Es sind nicht nur Obduktionen durchzuführen, sondern auch Untersuchungen an lebenden Menschen, wie Beurteilungen und Rekonstruktionen von rechtlich relevanten Körperverletzungen, von Gesundheitsschädigungen sowie Analysen von medizinischen Behandlungsfehlern. Dazu kommen Untersuchungen von Vergiftungen, Auswirkungen von Alkohol, Medikamenten und Drogen. Außerdem sind spurenkundliche und DNA-Gutachten zu erstellen. Nicht zuletzt spielt für mich die Lehre eine wichtige Rolle, weil ich sehr gerne mit jungen Leuten zusammenarbeite.

Welche waren die größten Veränderungen in der Gerichtsmedizin in den vergangenen zwei Jahrzehnten?
Berzlanovich: 1984 ist die Grundlage für die forensische DNA-Analyse gelegt worden, so dass schließlich Anfang der 90-er Jahre die PCR-gestützte DNA-Technik an allen Instituten etabliert wurde. In der Toxikologie waren es Haarunter-suchungen auf Drogen und Gifte, die unsere Arbeit verändert haben.

Was werden in den kommenden Jahren die großen Herausforderungen sein?
Berzlanovich: Gearbeitet wird vor allem an einem verstärkten Einsatz von bildgebenden Verfahren vor der Obduktion. Röntgen wird bereits seit Jahrzehnten eingesetzt, derzeit laufen Forschungsprojekte, welche die Computertomographie in der Gerichtsmedizin implementieren sollen. Diese bildgebenden Verfahren können sehr hilfreich eingesetzt werden. Man kann Verletzungen nachverfolgen, ohne Gewebe zusätzlich zu beschädigen. Bisher kann man beispielsweise Einschuss und Ausschuss an der Leiche zwar gut beurteilen, man sieht aber ohne Obduktion nicht in den Körper hinein. Wenn man jedoch den Schusskanal im CT darstellt, kann bei der Obduktion gezielter danach gesucht und entsprechend präpariert werden. Die bildgebenden Verfahren werden die Obduktionen nicht ersetzen können, aber eine wertvolle Unterstützung bieten.

Wie sieht denn einer Ihrer typischen Arbeitstage aus?
Berzlanovich: In Österreich steht man als Anfängerin sehr viel im Seziersaal, macht bei Obduktionen mit, führt diese nach einiger Zeit auch selbst durch, diktiert Obduktionsprotokolle, befundet histologische Präparate und erstellt aufgrund der gesammelten Befunde Gutachten. Das ist ein starkes Standbein. Das zweite ist die Untersuchung an lebenden Menschen. In Wien habe ich viele Verletzungsgutachten erstellt und auch Haft- und Verhandlungsfähigkeiten beurteilt. In München untersuche ich sowohl Opfer als auch Beschuldigte. Dabei geht es in erster Linie um die Rekonstruktion der Geschehnisse und die etwaige Lebensgefährlichkeit von Verletzungen. Die Betroffenen werden zu mir ans Institut gebracht oder ich besuche sie im Krankenhaus und schau mir ihre Verletzungen an. Das gilt auch für Frauen und Kinder, die vergewaltigt wurden oder andere Formen von Gewalt erlebt haben. Ich nehme auch Blut- oder Harn- oder Haarproben ab, beispielsweise bei Leuten, die im Straßenverkehr auffällig geworden sind. In Deutschland muss der Gerichtsmediziner auch hirntote Menschen vor einer Organentnahme untersuchen. Dazu kommt dann noch die Lehre, die mir viel Freude macht. Auch in Österreich habe ich gerne Schulungen gemacht, unter anderem von Kriminalbeamten, Polizeijuristen, Pflegepersonal, Bestattern usw. Da ist ein 24-Stunden-Tag fast zu wenig. Die Forschung (forensische Geriatrie) findet vorwiegend am Wochenende und im Urlaub statt.

Welche Voraussetzungen sollte ein Arzt für dieses Fachgebiet mitbringen?
Berzlanovich: Die Technik ist erlernbar. Ich selbst bin nicht sehr groß und stark, deshalb sind gewisse Techniken nützlich. Wichtiger ist aber die Liebe zum Fach: Wer keine Toten mag oder mit dem Tod nicht umgehen kann, wird bald verzagen. Es gibt in unserem Fach auch kein Feedback von den Patienten. Niemand sagt „danke“, weil man einen erfolgreichen Eingriff oder eine Therapie vorgenommen hat und der Patient wieder gesund geworden ist. Auch damit muss man umgehen können.

Wie stellt sich die Ausbildungssituation für Frauen dar?
Berzlanovich: Ich würde sagen, es gibt auch in unserem Fach jene Hürden, die jede Frau auf der Uni zu bewältigen hat. Es geht auch einem Mann nicht gut in der Ausbildung, aber besser als Frauen. Ich bin eher gutwillig und gutmütig, kann schlecht nein sagen und bin deshalb immer wieder zu Arbeiten eingeteilt worden, die nicht zu meinem ureigensten Fachgebiet gehörten, wie Arbeitsberichte schreiben, Vorlesungsverzeichnisse erstellen und so weiter. Ich bin dadurch härter geworden, vor allem zu mir selbst.

Wie ist die Ausbildungssituation derzeit?
Berzlanovich: Sehr schlecht. Zurzeit gibt es in Wien einige Kollegen in Karenz. Meine Stelle ist für ein Jahr besetzt, weil ich nur für ein Jahr freigestellt bin. Und zwei weitere Kollegen sind für fünf Jahre karenziert. Ich habe gehört, dass die eine Stelle für vier Jahre ausgeschrieben ist. Aber eine freie Ausbildungsstelle ist nicht vorhanden. Auch österreichweit sieht es schlecht aus. Stellen gibt es nur dann, wenn jemand berufen wird, in Pension geht oder sich karenzieren lässt. Das gilt genauso für Deutschland. Dort werden Institute zusammengelegt oder geschlossen und Stellen nicht nachbesetzt. Es ist halt alles eine Frage des Geldes.

Würden Sie Interessierten derzeit von der Gerichtsmedizin abraten?
Berzlanovich: Abraten würde ich niemandem. Wenn jemand überzeugt ist und das möchte, würde ich das jedenfalls unterstützen. Ich würde aber jedem raten, erst einmal an der Gerichtsmedizin zu famulieren und sich die Arbeit und das Umfeld hier genau anzuschauen. Es wird einem nichts geschenkt, man muss es sich erarbeiten. Eiserner Wille gehört dazu – und ein bisschen Glück. Man muss es einfach versuchen.

Wie beurteilen Sie die beruflichen Chancen fertig ausgebildeter Fachärzte für Gerichtsmedizin?
Berzlanovich: Gleichfalls schlecht. Als Gerichtsmediziner ist man auf die Uni beschränkt. Eine Stelle zu bekommen, ist sehr schwierig. In Deutschland gibt es einige private Institute, aber Stellenangebote sind rar.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden, vor allem wegen des Textflusses, nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 28/2005

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