zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 17. November 2005

Hausärzte sollen aufgewertet werden

Der Hausarzt und die Hausärztin sollen aufgewertet werden. So steht es schon im Regierungsprogramm. Über das „Wie“ diskutierten Experten und Politiker beim 14. Reformdialog im Gesundheitsministerium.

„Die Gesundheitsreform soll mehr Kundenorientierung bringen. Der gute alte Hausarzt spielt eine wichtige Rolle und soll in Zukunft eine noch wichtigere Rolle spielen“, betonte Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat bei ihrer Begrüßung zum Gesundheitsdialog „Hausarzt/Hausärztin NEU“ am 28. Mai im Ministerium. Den Vorschlägen, wie diese Rolle umzusetzen sei, lauschte sie nicht mehr. Sie eilte davon, um den von ihr ins Leben gerufenen „Gemüsetag“ in einer Wiener Volksschule zu feiern.

Hinter verschlossenen Türen

Erklärtes Ziel dieser „Dialog“-Veranstaltung ist es, interessierten Gruppen die Möglichkeit zu bieten, ihre Standpunkte zu der von der Regierung noch für dieses Jahr angekündigten Gesundheitsreform einzubringen. Wie jedoch auch bei den 13 vorangegangenen Gesundheitsdialogen – von manchen Teilnehmerinnen nur noch „Gesundheitsmonologe“ genannt – blieben aber auch beim Thema „Hausarzt“ die konkreten Pläne der Regierung im Dunkeln. Diese werden derzeit nur hinter verschlossenen Türen im Ministerium diskutiert. Dennoch war der Reformdialog einen Besuch wert. Können doch die Impuls-Statements zumindest als Indikator dafür herhalten, in welche Richtung die Reformen angedacht werden. Auf dem Podium saßen neben Dr. Erwin Rasinger, Allgemeinmediziner und Gesundheitssprecher der ÖVP, Dr. Erwin Rebhandl, ebenfalls Allgemeinmediziner und Präsident der ÖGAM (Österreichische Gesellschaft für Allgemeinmedizin), Hofrat Prof. Dr. Robert Fischer, Leiter des Zentrums für Management und Qualitätssicherung im Gesundheitswesen der Donau Universität Krems, sowie Dr. Joachim Kartte, Unternehmensberater bei Roland Berger Strategy Consultants in Deutschland.

Bonus für Patienten

„Der Hausarzt darf nicht für Rationierung missbraucht werden“, betonte Rebhandl, der als ÖGAM-Präsident bereits seit längerem zu den ministeriellen Beratern in Sachen Gesundheitsreform gehört, in seinem Impulsstatement. Es sei aber sinnvoll, seine Stellung als ersten medizinischen Kontaktpunkt in der medizinischen Primärversorgung zu stärken. Die Fachärzte sollten dabei aber nicht an Bedeutung verlieren. „Das System funktioniert ohne Fachärzte nicht. Aber ihre Aufgabe ist nicht die Basisversorgung, sondern die Spitzenmedizin“, argumentierte Rebhandl. Dieser Bereich müsse zunehmend aus den Spitälern ausgelagert werden. Seine Empfehlung an die Regierung lautet daher: Jene Patienten, die im Krankheitsfall zuerst den Hausarzt kontaktieren und nicht gleich zum Facharzt gehen, sollen mit einem Bonus belohnt werden. Der Allgemeinmediziner soll ihn oder sie dann in die „höheren Ebenen des Gesundheitswesens“ geleiten und von dort auch wieder zurückholen. Dazu braucht er jedoch mehr Zeit für seine Patienten, die auch honoriert werden müsse. Das Motto lautet: „Qualität statt Quantität.“ Dazu sei es notwendig, die Zahl der Patienten pro Arzt zu begrenzen, meinte Rebhandl. Sein Zusatz: „Ohne Reglementierungen wird das nicht gehen.“ Man werde Kompromisse finden müssen, denn die freie Arztwahl sei teuer, und auch Österreich leide unter dem Phänomen des „Arzt-Shopping“.

Lehrpraxis von 18 Monaten?

In vielen europäischen Staaten gebe es bereits unterschiedliche „Hausarztmodelle“. Ihm persönlich erscheine das dänische Modell am ehesten als Vorbild geeignet. Eine wichtige Voraussetzung sei, die Qualität der Ärzteausbildung zu heben. Er halte die derzeitige postpromotionelle Ausbildung in Österreich für zu Krankenhaus- und Technik-orientiert. Seine Empfehlung lautet: Einführung des Facharztes für Allgemeinmedizin mit anschließender Lehrpraxis von mindestens 18 Monaten. Ein Vorschlag, der heftigen Widerspruch von Rasinger erntete. „Ich glaube nicht, dass der Facharzt für Allgemeinmedizin die Qualität so erhöht. Und 18 Monate in der Arztpraxis sind zu lange, denn derzeit sind schon sechs Monate nicht finanzierbar“, konterte der Politiker.

Was ist der Hausarzt wert?

Prinzipiell hält Rasinger aber die Aufwertung des Hausarztes für sinn-voll. Hier seien in der Vergangenheit schwerste Fehler passiert, vor allem im städtischen Bereich. Doch die Reform dürfe nicht zu radikal sein. „Ich bin für kein rigides Hausarztmodell. Da ist der Patient nämlich ein armer Hund. Man darf auch nicht mit der Hacke gegen die Fachärzte vorgehen“, so Rasinger. Es gehe darum, dem Hausarzt mehr Qualität und Zeit zu geben. Dazu müsse die Politik auch bereit sein, Geld in die Hand zu nehmen. „Das österreichische System ist derzeit aufgebaut auf Masse“, kritisierte Rasinger. „Wenn der Hausarzt schlecht bezahlt ist, dann muss er viele Patienten durchschleusen. Wenn ich jedoch die Spitäler entlasten will, dann muss ich in den Hausarzt investieren.“
Als aktuelles Positivbeispiel nannte er ein neues Honorierungsmodell für General Practitioner in Großbritannien, das an Qualitätsanforderungen geknüpft ist. Bisher hätten sich die Krankenkassen immer gegen die Honorierung des Faktors Zeit gewehrt. Rasinger: „Die wollten immer nur Sachen zulassen, die messbar sind. Ständig wirft man uns Ärzten vor, dass wir nur mehr Geld wollen.“ Man müsse endlich einmal die Frage klären, mit wie vielen Patienten ein Hausarzt überleben könne und wie viel seine Arbeit wert ist: „Soll er so viel verdienen wie ein Installateur, ein Sektionschef oder ein Manager?“ Ein totale Abfuhr erteilte Rasinger jedenfalls den Managed Care-Systemen à la USA: „Hier wird der Hausarzt als Rationierer missbraucht.“
„Die Hausärzte sollten sich bewusst sein, dass Änderungen von innen kommen müssen. Ansonsten werde das System von außen verändert“, betonte Fischer. „Wir müssen uns selbst bei der Nase nehmen und notwendige Änderungen angehen.“ Qualitätssicherung sei eine unverzichtbare Voraussetzung für ein funktionierendes Schnittstellenmanagement. „Wir müssen in Zukunft mehr in Patientenkarrieren und Leitlinien denken“, betonte Fischer. Dies sei auch als Selbstschutz für die Akteure im Gesundheitswesen zu verstehen. Kartte, der auch beratend bei der deutschen Gesundheitsreform tätig ist, präsentierte eine Systematik von bereits existenten Hausarztmodellen. Um festzustellen, welches für Österreich geeignet sei, müsse man zuerst klare Ziele formulieren. „Reden wir über Kostensenkungen oder Qualitätsverbesserungen?“ stellte der Berater fragend in den Raum. Die Antwort blieb die Veranstaltung jedoch schuldig. Faktum sei, dass die Akteure im Gesundheitswesen in Zukunft besser und intensiver zusammenarbeiten müssten. Ein Hausarztsystem mit Lotsenfunktion hätte für alle Beteiligten einen Nutzen. Unerwünschte Nebenwirkungen seien für manche Gruppen aber nicht auszuschließen. „Es ist unsinnig zu behaupten, dass es dabei keine Verlierer gibt“, betonte Kartte. Vor allem die Spitäler würden Patienten verlieren und wären mit Überkapazitäten konfrontiert.
Ein integriertes Versorgungssystem bringe auch sonst veränderte Rahmenbedingungen mit sich, wie Einzelverträge zwischen Krankenkassen und Leistungserbringern, klare und einheitliche Leitlinien, neue Honorierungsformen und bundesweite Informationstechnologie-Standards. In Deutschland habe man bei den bisherigen Reformen den Fehler gemacht, immer nur einzelne Maßnahmen zu setzen und nie das ganze System zu betrachten. Diesen Fehler sollte man in Österreich nicht begehen.

Webtipp Gesundheitsdialoge: www.bmgf.gv.at
Hausarztmodelle im internationalen

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 22/2004

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben