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Allgemeinmedizin 17. November 2005

Arbeitsmedizin im Umbruch

In vielen Betrieben ist Arbeitsmedizin praktisch unbekannt. Da sie auch wichtige Beiträge zur Gesundheitsförderung liefert, müsste es zu ihren Angeboten mehr an Motivations- und Informationsarbeit geben.

„Als Arbeitsmediziner können wir mehr anbieten als die Erfüllung gesetzlicher Auflagen“, ist Dr. Franz Bichler, Präsident der Akademie für Arbeitsmedizin, überzeugt. An Betriebe und größere Institutionen tritt heute eine große Bandbreite an Anbietern heran: Experten – davon einige selbst Ernannte, ohne fundierte Ausbildung – für Ergonomie, Bewegung und Wellness, Ernährung, Mobbing bzw. allgemeine Gesundheitsförderung und anderes mehr offerieren ihre Dienste. Es wäre keine Frage der Ressourcen, denn viele Unternehmen investieren mittlerweile stark in diese Bereiche. „Arbeitsmediziner könnten aufgrund ihrer Ausbildung und Erfahrungen viele dieser Angebote sehr gut selbst abdecken“, ergänzt Bichler. Sie könnten auch die Konzeption und Umsetzung entsprechender Programme in Betrieben übernehmen.
Doch Arbeitsmediziner werden teils als lästige Notwendigkeit gesehen. Bichler appelliert an die Ärzte, selbst aktiv zu werden und sich nicht auf das Messen von Daten, Schreiben von Berichten und Reihenuntersuchungen festlegen zu lassen. So einfach ist das aus der Sicht von Dr. Arthur Wechselberger allerdings nicht. Er ist nicht nur Präsident der Tiroler Ärztekammer, sondern auch Referent für Arbeitsmedizin auf Bundesebene. „Fast die Hälfte der Betriebe mit weniger als zehn Mitarbeitern nimmt nicht einmal die kostenlose zweijährliche Begehung durch Arbeitsmediziner in Anspruch“, kritisiert Wechselberger. Hier müsste von Seite der Wirtschafts- und Arbeiterkammer sowie der Gewerkschaft viel an Bewusstseinsarbeit geleistet werden.

Kleinere Betriebe motivieren

Das sieht Dr. Reinhard Jäger, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Leiter des Instituts für Arbeitsmedizin, genauso: „Eine weitere Chance wäre, mehrere kleinere Betriebe in einer Region zu motivieren, arbeitsmedizinische Dienste gemeinsam in Anspruch zu nehmen, etwa in Form von Gesundenuntersuchungen vor Ort oder Vorträgen.“„In Betrieben mit mehr als 50 Mitarbeitern kann der Arbeitsmediziner wesentlich leichter mehr anbieten als die Erfüllung der gesetzlichen Vorgaben“, gibt Wechselberger seinem Kollegen Bichler zumindest teilweise Recht. Einige Unternehmen würden durchaus Akzente setzen, etwa zu den Themen Ernährung, Bewegung oder Suchtvorbeugung. In größeren Betrieben ließen sich auch Instrumente wie Gesundheitszirkel, Vorträge oder Gruppenschulungen wesentlich einfacher einsetzen – sowohl hinsichtlich der Mitarbeiterzahl als auch der finanziellen Möglichkeiten des Betriebs oder der Institution.
Die Ausbildung zum Arbeitsmediziner ist derzeit über zwei Institutionen möglich: Die Akademie für Arbeitsmedizin in Klosterneuburg, wo bereits etwa 2.000 Ärzte geschult wurden, und das Institut für Arbeitsmedizin in Linz, an dem es bisher etwa 300 Absolventen gibt. Beide setzen auf Praxisnähe. „Es gibt Betriebsbegehungen, bei denen die Ärzte vor reale Probleme gestellt und diese dann mit Tutoren aus den Betrieben reflektiert werden“, berichtet Jäger. In den nächsten Monaten werden die ersten Absolventen der universitären Ausbildung zum Facharzt für Arbeitsmedizin fertig. Schon jetzt gibt es an die 140 Ärzte, die mit ihrer Ausbildung unter die Übergangsbestimmungen fallen werden. Bichler sieht die künftigen Tätigkeitsfelder dieser Gruppe der Arbeitsmediziner eher im wissenschaftlichen Bereich bzw. in größeren Betrieben. Ein neuer Trend ist die „Wirtschaftsmedizin“, für die es künftig ein Fortbildungsangebot geben wird. Dabei geht es schwerpunktmäßig um betriebswirtschaftliches Wissen – ein Ansatz, der nicht nur Zustimmung findet. „Natürlich ist wichtig, dass Arbeitsmediziner für den Dialog mit Arbeitgebern Vokabular und Fachwissen haben“, meint Jäger. Bei der Wirtschaftsmedizin stehe aber zu sehr der mögliche betriebliche Erfolg des Unternehmens im Vordergrund statt der individuellen Gesundheitsförderung.

 

„Viel Bewusstseinsbildung notwendig“

Standpunkt von Dr. Artur Wechselberger, Referent für Arbeitsmedizin der Österreichischen Ärztekammer

Auch wenn es seit dem Jahr 2000 de jure eine arbeitsmedizinische und sicherheitstechnische Vollversorgung gibt, bedeutet das noch lange nichts für den Alltag in den Betrieben. Die Mehrzahl der Arbeitnehmer in Österreich ist in Betrieben mit weniger als zehn Mitarbeitern tätig. Doch sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber – so ist oft der Eindruck – wissen wenig oder nichts über das vielfältige und unterstützende Angebot, das ihnen die Arbeitsmedizin bieten kann. Kaum bekannt ist nach wie vor auch das Recht der Arbeitnehmer auf eine Evaluierung jedes einzelnen Arbeitsplatzes.
So gesehen, ist noch viel Bewusstseinsbildung notwendig. Dabei geht es insbesondere um den Abbau von Vorurteilen. Manchmal werden Arbeitsmediziner sowohl von Arbeitnehmer- als auch Arbeitgeberseite als Bedrohung oder als lästig empfunden. Doch es geht um gemeinsame Interessen: Dass die Mitarbeiter im Betrieb möglichst gesund und motiviert sind. Zunehmend wichtiger wird angesichts der demographischen Entwicklung auch die Arbeitssituation von Dienstnehmern jenseits des 50. Lebensjahres. Eine wichtige Botschaft ist: Viele Maßnahmen zur Gesundheitsförderung lassen sich relativ einfach und ohne große Kosten umsetzen, bringen aber positive Impulse für das Betriebsklima und den Erfolg eines Unternehmens.

 

„Raus aus der Rolle des reinen Gesetzeserfüllers“

Standpunkt von Dr. Franz Bichler, Präsident der Akademie für Arbeitsmedizin

Ein weiterer Bereich, in dem Arbeitsmediziner aus der Rolle des Erfüllers der Gesetzespflicht heraustreten können, ist die Arbeitspsychologie. Die Akademie bot und bietet Fortbildungen zu diesem Themenfeld an bzw. haben einige Betriebsärzte entsprechende Qualifikationen. Wir werden unsere Ausbildungsangebote jedenfalls weiter differenzieren und die Aneignung von Fachwissen in verschiedenen Spezialgebieten fördern. Die Ausbildung an der Akademie wurde bereits insofern verändert, als jetzt ein Teil im Selbststudium und mittels E-Learning absolvierbar ist, was die nötigen Anwesenheitszeiten vor Ort reduziert.

 

„Umgang mit Stress hat an Bedeutung gewonnen“

Standpunkt von Dr. Reinhard Jäger, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin

Veränderungen ergeben sich in der Tätigkeit des Arbeitsmediziners nicht nur durch neue Stoffe, die in verschiedenen Arbeitsprozessen zum Einsatz kommen und eine Gesundheitsgefährdung bringen können. Stark an Bedeutung gewonnen hat der Bereich der Arbeitspsychologie. Ebenso wichtig sind der Umgang mit Stress sowie die Auswirkungen verschiedener Arbeitsabläufe, was zum Teil in den wirtschaftlichen Bereich hineinspielt. Ein aktuelles und wichtiges Thema ist auch die Work-Life-Balance. Deutlich mehr an Bedeutung müsste die betriebliche Gesundheitsförderung bekommen. Damit können viele angesprochen und motiviert werden, die sonst gar nicht zum Arzt gehen.
Es ist wichtig, sowohl Arbeitgebern als auch Arbeitnehmern die Vorteile der Arbeitsmedizin zu vermitteln. Ein Betriebsarzt kann sich auch Zeit für persönliche Gespräche nehmen und viel zur Arbeitsmotivation beitragen. Ich meine jedenfalls, die Arbeitsmedizin müsste sich durch stärkere Informationsarbeit in der Öffentlichkeit besser präsentieren.

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