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Allgemeinmedizin 17. November 2005

Apotheker fordern "Aut idem light"

Generika sind in aller Munde. Sie gelten derzeit – auch mangels anderer Konzepte – als Einsparpotenzial Nummer 1 im Gesundheitswesen. Durch die steigende Zahl patentfreier Produkte in den Schubladen der Apotheken wird auch in Österreich die Diskussion über die Einführung einer Aut-idem-Regelung immer lauter.

In Deutschland gibt es bereits seit dem Jahr 2002 eine Substitutions-Regelung für Medikamente. Die Apotheker müssen bei Vorlage eines Rezeptes prüfen, ob der Arzt tatsächlich ein Präparat aus dem günstigsten Preissegment verordnet hat. Sollte dies nicht der Fall sein, ist der Apotheker verpflichtet, dem Patienten ein wirkungsgleiches, aber günstigeres Medikament auszuhändigen. Die Ärzte haben jedoch die Möglichkeit, die Substitution auf dem Rezept ausdrücklich zu untersagen.
Die Erfahrungen mit Aut-idem in Deutschland sind umstritten. Die erhofften Einsparungen in der Höhe von etwa 230 Millionen Euro hätten nur etwa 170 Millionen Euro erreicht, der Aufwand und Unmut der Betroffenen sei hingegen enorm, berichtete kürzlich die deutsche Ärzte Zeitung. Die ursprüngliche Regelung, wonach der Apotheker ein Präparat im unteren Preisdrittel wählen muss, hat sich bereits kurz nach Einführung durch manipulierte Preisgrenzen selbst ad absurdum geführt. Seit kurzem muss der Apotheker eines der drei billigsten Medikamente abgeben. Die Preise ändern sich dabei vierzehntägig. Manche Bobachter haben auch Zweifel, ob diese Neuregelung nicht dem Wettbewerbsrecht zuwider läuft. Nach wie vor deutlich abgelehnt wird die Aut-idem-Regelung von den Ärztevertretern mit Hinweisen auf Therapiefreiheit und Haftungsfragen: „Die therapeutische Verantwortung ist nicht delegierbar“, heißt es dazu beispielsweise in einer Resolution des Hartmannbundes.

Keine Therapieverzögerung

Ein positiver Aspekt von Aut-idem ist, dass Arzt und Patient darauf vertrauen können, dass die verordnete Therapie umgehend begonnen werden kann, auch wenn ein bestimmtes Präparat in der Apotheke nicht lagernd ist. Insgesamt bringt die Regelung vor allem Vorteile für die Apotheker: Sie müssen nicht ständig ihr Sortiment umstellen und alle Präparate lagernd haben. Ein netter Nebeneffekt: Als Therapieentscheider werden sie von den Herstellerfirmen auch mit Naturalrabatten - also zusätzlichen kostenlosen Arzneimitteln als Draufgaben - verwöhnt. Nachteil für die Kassen
Laut Ärzte Zeitung schätzte der deutsche Generikaverband, dass vor der Einführung der Aut-idem-Regelung jährlich Nachahmer-Präparate im Wert von rund 3,2 Mrd. Euro als Ärztemuster abgegeben wurden. Durch die kostenlose Abgabe an die Patienten hatte dies quasi einen Naturalrabatt für die Krankenkassen ergeben. Durch die Verlagerung der Verschreibungshoheit werden die Ärzte für das Industriemarketing uninteressanter. Das koste die Kassen viel Geld, argumentiert der Generikaverband. Die Apotheker würden nämlich die Gratis-Packungen nicht verschenken, sondern zu Lasten der Krankenkassen weiter verkaufen. In Österreich bestand lange Zeit ein Konsens gegen Aut-idem. Dieser wird nun langsam, aber nachhaltig von - wen wundert es? - der Apothekerkammer aufgeweicht. Die Ärztekammer zeigt im Hinblick auf die Hausapotheken zumindest ein partielles Verständnis. Lesen Sie mehr über die Diskussion auf dieser Standpunkte-Seite.

 

„Patient soll Medikament auswählen“

Standpunkt von Mag. pharm. Dr. Herbert Cabana, Präsident der Österreichischen Apothekerkammer

Tatsache ist, dass die Anzahl der Generika ständig steigt. Eine entsprechend große Lagerhaltung ist für Apotheker mit enormen Kosten verbunden. Wir sind durch die Sparmaßnahmen der Sozialversicherung gezwungen, betriebswirtschaftlich sehr vorsichtig zu arbeiten. Das oberste Gebot ist jedoch: Es muss sichergestellt werden, dass die vom Arzt verordnete und vom Patienten benötigte Therapie so rasch wie möglich begonnen werden kann. Damit das gewährleistet ist, ist es unbedingt notwendig, dass der
Patient unter gleichen Produkten – Generika mit gleicher Bioverfügbarkeit – selbst wählen kann, wenn ein Präparat entweder nicht lagernd ist oder er eine persönliche Präferenz hat. In Deutschland ist die Aut-idem-Regelung ausschließlich kommerziell orientiert. Wir fordern jedoch, dass die Wahl zwischen gleichwertigen Medikamenten bei den Patienten liegt. Die Apotheker beraten sie dabei, und die Ärzte sollen unbürokratisch davon verständigt werden. Ärzte und Apotheker reden ja viel miteinander, und es gibt eine sehr positive Zusammenarbeit. Es passiert aber immer häufiger, dass der Arzt etwas aufschreibt in der Meinung, dass ein Medikament verfügbar ist. In der Apotheke stellt sich dann heraus, dass es nicht lagernd ist, weil der Hersteller nicht liefern kann. Diese Situation ist untragbar. Ich hoffe daher, dass Aut-idem in Österreich im Konsens umgesetzt werden kann, damit es den Patienten möglich ist, die vom Arzt verordnete Therapie so rasch wie möglich zu beginnen.

 

„Volkswirtschaftlicher Nutzen umstritten“

Standpunkt von Dr. Wolfgang Andiel, Obmann des Österreichischen Generikaverbandes

Die Arzneimittelversorgung ist ein sehr sensibler Bereich. Bei Reformen dürfen nicht primär die Kosten, sondern muss der Nutzen für Patienten und System im Mittelpunkt der Überlegungen stehen. Der Verlust der ärztlichen Therapiehoheit kann bei Patienten große Verunsicherung auslösen. Apotheker sind zwar ausgewiesene Arzneimittelexperten, oft aber nicht in allen Einzelheiten mit der individuellen Krankengeschichte der jeweiligen Patienten vertraut.
Verunsicherung der Patienten mit Beeinträchtigung der Therapiesicherheit und der Compliance, vor allem bei Dauertherapien, ist zu erwarten. Ein stärkeres Mitspracherecht der Patienten bei der Auswahl der Präparate – wie von der Apothekerkammer vorgeschlagen – könnte eine interessante Option sein. Dazu kommt, dass der volkswirtschaftliche Gesamtnutzen einer Substitutionsregelung sehr umstritten ist. Erzielbare Einspareffekte durch Aut-idem sind geringer als konsequente Maßnahmen auf Arztseite, wie z.B. Zielvereinbarungen oder Vorgaben. Die Verlagerung der Entscheidungsmacht vom Arzt zum Apotheker würde das Wettbewerbsumfeld verändern. So steht zu befürchten, dass statt Information bzw. Ärztemuster die Konditionen verstärkt in den Mittelpunkt rücken.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 19/2004

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