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Allgemeinmedizin 1. Juni 2016

Reiseübelkeit

Widersprüchliche Informationen über die Sinnesorgane

Sie befiel schon Admiral Horatio Nelson während der Seeschlacht von Kopenhagen – die Kinetose bzw. Reise- oder Bewegungskrankheit. Astronauten leiden unter dem „Space Adaptation Syndrom“, Skifahrer bei Abfahrten mit schlechter Sicht unter „ski sickness“, auch Computerspieler und Zuschauer von 3D-Filmen können betroffen sein – sie alle erhalten bei ihren Tätigkeiten widersprüchliche Signale der verschiedenen Sinnesorgane, die dem Organismus eine räumliche Orientierung ermöglichen.

Datenchaos. Rezeptoren in den Augen, im Nacken, im Magen und in den Nieren, aber auch auf der Hautoberfläche und an den Fußsohlen, übermitteln Bewegungsdaten an die Area postrema im Hirnstamm. Eine Hauptrolle bei der Informationsübermittlung übernimmt das Gleichgewichtsorgan des Innenohrs. Bewegen wir uns nicht selbst fort, sondern werden von einem Transportmittel (egal ob schaukelndes Kamel, schwankendes Schiff, kurvenfahrendes Auto) befördert, geraten die Sinnesorgane in Konflikt. Meldet auf einem Schiff z. B. das Auge „Stillstand“, das Innenohr aber durch den Empfang von Achsenverschiebungssignalen „Bewegung“, so reagiert der Körper zunächst mit Müdigkeit, Gähnzwang, sympathischen Symptomen wie Hyperventilation, Schweißausbrüchen, Herzklopfen und schließlich mit Übelkeit und Erbrechen. Das Brechzentrum, lokalisiert in der Area postrema des Hirnstammes, bekommt dabei Impulse aus bestimmten Hirnbereichen sowie über den Nervus vagus aus dem Magen-Darm-Trakt. Über sehr komplexe und noch nicht restlos aufgeklärte neuronale Verschaltungen wird dann der Brechreflex ausgelöst. Maßgeblich daran beteiligt sind – so viel ist bekannt – Neurotransmitter wie Dopamin, Serotonin, vor allem aber Histamin, das u.a. die Kontraktion glatter Muskelzellen und die Magensaftsekretion beeinflusst.

Mit gezielten Fragen lässt sich die Therapieempfehlung eingrenzen, darunter: „Wie häufig ist Ihnen schon während Autofahrten schlecht geworden?“, „Wo sitzen Sie im Auto?“, „Essen Sie etwas vor der Autofahrt, oder lassen Sie den Magen bewusst leer?“, „Was tun Sie, um vorzusorgen bzw. was unternehmen Sie, wenn Ihnen bereits übel ist?“ Außerdem muss abgeklärt werden, ob auf Grunderkrankungen oder auf Dauermedikamente geachtet werden muss. Vorsicht ist etwa angebracht, wenn zentral wirksame Arzneimittel wie Antiepileptika oder Psychopharmaka eingenommen werden. Schmerzmittel wie ASS oder Diclofenac erhöhen den Histamin-Blutspiegel und können eine Kinetose verstärken.

Therapiemöglichkeiten

Gängige Reisemedikamente enthalten häufig das zentral wirksame Antihistaminikum Dimenhydrinat. Studien belegen einen Nutzen bei Übelkeit und Erbrechen, aber auch eine Dämpfung des zentralen Nervensystems. Daher muss dem Kunden erklärt werden, dass der Wirkstoff häufig müde macht, was sich im Bedarfsfall ausnutzen lässt. So können beispielsweise die ersten Stunden auf dem Schiff verschlafen werden. Denn dann schläft auch das Gleichgewichtsorgan, das hauptsächlich für die Beschwerden verantwortlich ist. Entsprechende Präparate gibt es als Tabletten oder alternativ für Kinder als Saft oder Zäpfchen. Wichtig bei der Empfehlung: Sie sollten vor dem Einsetzen der Symptome oder spätestens bei den ersten Vorboten eingenommen werden – oft ist es häufiges Gähnen. Kaugummis sind eine Option, wenn eine Wirkung schnell nötig ist.

Natürliche Alternativen

Eine „natürliche“ Ergänzung sind Vitamine der B-Gruppe, die sich auch bei Schwangerschaftsübelkeit bewährt haben. Ebenfalls gegen Übelkeit wird in der chinesischen Medizin der Extrakt der Ingwerwurzel eingesetzt. Er ist in verschiedenen Darreichungsformen erhältlich. Beruhigend auf den Magen wirken außerdem Pflanzenextrakte aus schwarzem Tee (nur kurz ziehen lassen), Kamille, Fenchel oder Melisse. Ein Therapieversuch kann mit homöopathischen Mitteln unternommen werden, ebenso mit einem hoch dosierten Vitamin-C-Präparat, das den Histamin-Blutspiegel senkt und, frühzeitig als Lutschtablette zugeführt, gegen die Seekrankheit helfen kann. Einen Versuch wert sind darüber hinaus Reisearmbänder, die am Handgelenk getragen werden. Sie üben mithilfe eines Kunststoffknopfes Druck auf den Nei-Kuan-Punkt aus und sollen so die Übelkeit mildern.

Im Notfall. Im Falle einer manifesten Seekrankheit können schließlich Schiffsärzte auf die Wirkstoffe Scopolamin, Cinnarizin, Metoclopramid oder Promethazin zurückgreifen.

SpringerMedizin

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