zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 17. November 2005

Mehr Betreuung für weniger Kinder

Seit Anfang der 60er-Jahre ist die Geburtenrate um fast 40 Prozent zurückgegangen. 2050 werden in Österreich nur mehr 60.000 Kinder pro Jahr zur Welt kommen. Kinderärzte sind dennoch voll gefordert und möchten, gemeinsam mit Allgemeinmedizinern, nach Möglichkeit eine wohnortnahe Betreuung im vertrauten Umfeld bieten.

„Unser Fach hat sich stark verändert. Krankheiten wie Scharlach waren früher mit Quarantäne und langem Spitalsaufenthalt verbunden; Antibiotika haben dies unnötig gemacht“, berichtet Dr. Dietmar Baumgartner, Fachgruppenvertreter der Kinder- und Jugendärzte in der Österreichischen Ärztekammer. „Deutlich zurückgegangen sind auch klassische Kinderkrankheiten wie Mumps, Masern oder Röteln bzw. werden auch diese oft von niedergelassenen Ärzten behandelt“, ergänzt Dr. Reinhold Kerbl, Leiter der Grazer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde.
Beide orten generell einen Rückgang in der Aufenthaltsdauer von Kindern und Jugendlichen im Spital. Zugenommen hat hingegen der Versorgungsaufwand in den österreichischen Spitälern, wie eine aktuelle Umfrage zeigt. So kam es in den letzten zehn Jahren zu einer Verdopplung der Zahl jener Eltern, die mit ihren Kindern eine Ambulanz aufsuchten. Kerbl: „Es ist also sicher nicht so, dass wir zuwenig zu tun hätten, das Gegenteil ist der Fall.“ Die Zahl des Personals sei aber gleich geblieben oder sogar verringert worden, obwohl die Umfrage eine Steigerung des Arbeits-aufwandes pro Arzt um durchschnittlich 40 Prozent ergeben habe.
Aus Kerbls Sicht gibt es mehrere Gründe für diesen Trend: „Mittlerweile ist man auch im ländlichen Bereich mobiler. Eine Fahrt in das nächste Spital erfolgt sogar in Situationen, die früher allein bewältigt wurden, wie etwa hohes Fieber. Viele Eltern fühlen sich relativ rasch überfordert. Dazu kommt, dass viele Kinder von Migranten oder Gastarbeitern keinen eigenen Arzt haben.“ Ihr Anteil in Kinderambulanzen liege bei über 35 Prozent.
Damit nicht genug. Die Fachärzte für Kinder- und Jugendheilkunde könnten noch bedeutend mehr tun, sind sich Baumgartner und Kerb einig. Nach wie vor würden viele Kinder auf Erwachsenenabteilungen betreut. Dies widerspreche nicht nur der Charta für die Kinder, sondern habe oft eine nicht optimale Betreuungs- und Pflegequalität zur Folge. Kerbl plädiert außerdem für ein besseres Schnittstellenmanagement, wozu eine patientenfreundlichere Gestaltung der „Öffnungszeiten“ von Ordinationen sowohl der Hausärzte als auch der Pädiater gehörten.
Diesen „Seitenhieb“ will Dr. Susanne Rabady, Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, so nicht gelten lassen: „Außerhalb einiger Großstädte ist die Erreichbarkeit von Hausärzten rund um die Uhr gesichert, von ein paar wenigen bedauerlichen Ausnahmen abgesehen.“ Einen Rückgang der Patientenzahlen nimmt auch sie nicht wahr, im Vergleich zu früher seien die Eltern heute aber besser informiert und aufmerksamer für verschiedene Symptome.
Eine bessere Kooperation von Hausärzten, Pädiatern und Ambulanzen liegt auch Rabady am Herzen. Dies wäre vor allem bei chronisch kranken Kindern für alle von Vorteil. Grundsätzlich misst sie ei-ner wohnortnahen Betreuung im vertrauten Umfeld schon im Kindesalter große Bedeutung bei.

„Pädiater sollten die zentralen Anlaufstellen sein“

Standpunkt von Dr. Dietmar Baumgartner, Fachgruppenvertreter der Kinder- und Jugendärzte in der Österreichischen Ärztekammer

In den letzten zehn Jahren hat der Patientenzustrom zu den niedergelassenen Kinderärzten zugenommen. Das hängt unter anderem mit dem deutlich besseren Angebot, z.B. in der Diagnostik, zusammen. So wichtig die Betreuung im niedergelassenen Bereich ist, dürfen adäquate Strukturen in den Spitälern nicht fehlen. In der Steiermark beispielsweise gibt es nur drei Zentren, im europäischen Vergleich ist dort aber auch die beste Versorgung zu finden. Kleine Spitäler haben oft nicht die nötige Spezialausrüstung bzw. den für eine qualitativ hochwertige Versorgung ebenso nötigen stetigen Patientenstrom. Eine Zusammenlegung von Kapazitäten sollte keine Verschlechterung der Versorgung bringen, sondern ist eine Chance.
Für den niedergelassenen Bereich ist wichtig, dass der Kinderarzt als erster Ansprechpartner fungiert. Zustände wie in Holland, wo Hausärzte entscheiden, wer zum Facharzt darf und wer nicht, wünsche ich mir nicht. Vor allem bei der Betreuung von Kindern mit chronischen Krankheiten ist eine Kooperation mit dem Hausarzt sinnvoll und wichtig. Bei der Überweisung sollte der Hausarzt z.B. auch bei nephrologischen oder gynäkologischen Indikationen primär an den Pädiater denken, weil dieser eben die spezialisierte Ausbildung und größte Erfahrung hat.

 

„Hausärzte kennen das Umfeld der Kinder“

Standpunkt von Dr. Susanne Rabady, Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin

Trotz niedriger Geburtenrate kommen nicht weniger Eltern mit ihren Kindern zu uns. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass im extramuralen Bereich viele Erkrankungen betreubar geworden sind und die Dauer der Spitalsaufenthalte abgenommen hat. Durch bessere Behandlungsmöglichkeiten und das Greifen der Impfpläne haben auch die Einweisungen von akuten Notfällen abgenommen, vor allem bei respiratorischen Erkrankungen.
Nach der europäischen Definition der Allgemeinmedizin ist der Hausarzt in seiner Rolle als Familienarzt als erster Ansprechpartner prädestiniert. Vielen jungen Familien ist er seit Jahren, teils seit der eigenen Kindheit vertraut. Infektionskrankheiten betreffen oft mehrere Familienmitglieder, die dann gemeinsam den für alle zuständigen Arzt aufsuchen. Durch die Kenntnis des familiären Umfeldes kann dieser auch im Sinne der Prävention wirken. Hausärzte verfügen somit über wich-tige Informationen aus dem Lebens-bereich der Kinder, die auch für Kinderärzte im intra- und extramuralen Bereich wertvoll sind. ó

 

„Auch im Spital immer mehr zu tun“

Standpunkt von Dr. Reinhold Kerbl, Leiter der Grazer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde

Ein Grund für die stärkere Arbeitsbelastung im Spitalsbereich ist, dass die Probleme mit der Gesundheit oft am Abend oder am Wochenende akut werden. In dieser Zeit haben allerdings die meisten Ordinationen geschlossen. Auch vom Ärztenotdienst am Wochenende, wie es ihn in Graz oder Linz gibt, wird sehr schnell an die Ambulanzen verwiesen. Die heute verfügbaren diagnostischen Möglichkeiten bewirken ebenfalls einen höheren Aufwand. So ist ein Ultraschall bei Bauchschmerzen mittlerweile State of the art, früher wurde einfach abgetastet. Ein weiterer Grund für den
höheren Arbeitsaufwand ist die Zunahme der Zahl an Frühgeborenen: 1990 kamen in Österreich 240 Kinder mit weniger als 1.000 Gramm auf die Welt, 2002 waren es bereits 382. Gerade diese Gruppe braucht eine besonders intensive Betreuung und Zuwendung. Für die Zukunft unseres Faches wünsche ich mir, dass bei der Ausbildung eine Spezialisierung auf bestimmte Gebiete, wie etwa Kardiologie oder Urologie, möglich ist. Gesundheitspolitischer Handlungsbedarf besteht zudem bei der Genehmigung von speziellen Medikamenten für Kinder. In Spitälern können diese zwar angefordert werden, niedergelassene Ärzte haben aber oft nur wenige kindergerechte Medikamente zur Verfügung. Schließlich ist im Spitalsbereich nach wie vor die Forderung nach Finanzierung der Elternbegleitung bzw. der Einrichtung von Eltern-Kind-Zimmern aktuell.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben