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© Aydin Mutlu / iStock / Thinkstock
 
Allgemeinmedizin 1. Juni 2016

Gesund bleiben auf Reisen

Nicht ohne Reise- und Impfpass, denn: „If you don’t like prophylaxis, try the disease“

Impfmüdigkeit und neue Infektionskrankheiten stellen für die Gesundheit speziell auf Reisen zunehmende Herausforderungen dar. Gut vorbereitet und mit der richtigen Beratung für den einzelnen Kunden lassen sich schwere Reisekrankheiten weitgehend vermeiden. Der Apotheker muss daher sein fachliches Hintergrundwissen möglichst aktuell halten.

Am Beispiel der Zeckenkrankheit FSME: Nur etwa 53 Prozent der Österreicher wiesen 2015 einen korrekten FSME-Impfschutz auf, vor vier Jahren waren es noch 70 Prozent. Pro Jahr erkranken zwischen 50 und 100 Österreicher an FSME. „Dabei gilt Österreich als Hochrisikoland, was Zecken anlangt. Nur wer richtig geimpft ist, also die ersten drei Teilimpfungen bekommen hat und dann die Auffrischung macht, ist geschützt,“ betont Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, Facharzt für spezielle Prophylaxe und Tropenmedizin der Medizinischen Universität Wien.

Aufgabe für Mediziner und Apotheker

Während eine Reihe von klassischen Reiseerkrankungen, wie Ebola oder Cholera, weitgehend beherrscht ist, sind neue Infektionserkrankungen aufgetreten und bis in den europäischen Raum vorgedrungen. Das erfordert sowohl vom Arzt als auch vom Apotheker, der von seinem Kunden vor Antritt einer Reise um Rat gefragt wird, großes Hintergrundwissen und neueste Informationen. „Die Aufgabe des Reisemediziners ist es daher, die Reiseroute und die epidemiologische Situation in den einzelnen Gebieten abzuwägen. Darüber hinaus sind die individuellen Reiseumstände, die Aufenthaltsdauer, Grundkrankheiten, bestehende Impfungen und deren Verlauf zu beurteilen“, fordert Kollaritsch. „Reiseimpfprogramme werden heute maßgeschneidert gemacht, individualisiert!“

Grundsätzlich werden aber, unabhängig von der Destination und den Reisebedingungen, die Basisimpfungen des österreichischen Impfplanes empfohlen. Im Rahmen der Wissenschaftlichen Fortbildungswoche für Apothekerinnen im vergangenen März in Schladming, wurde nun insbesondere vor der Reisezeit auch die Vorsorgerolle und Beratung durch den Apotheker rege diskutiert. Nur ein Beispiel: Da einige Impfungen in mehreren Teilen verabreicht werden, sollten sie rechtzeitig geplant werden.

Prophylaxe kann sehr persönlich auch an der Tara angeboten werden, wenn ein Kunde etwa ausnahmsweise Insektenspray, Schutzcremen, Insektenstifte oder vorbeugende Magentropfen verlangt. „Wohin geht die Reise – sind Sie auch geimpft“, sollte jedenfalls nachgefragt werden. Der Apotheker wird dann eine entsprechende Reiseapotheke zusammenstellen, die auch bei plötzlichen Notfällen helfen kann, oder die Kontrolle des Impfpasses empfehlen.

Häufigste Infektionen

„Die häufigste, schwerwiegende Infektionskrankheit bei nicht geimpften Reisenden ist Hepatitis A. Einer von 8000 Urlaubern erkrankt daran. Die Infektion erfolgt vielfach bei der Nahrungsaufnahme durch den Mund. Das Virus kommt vor allem in subtropischen und tropischen Gebieten vor. Hat man die vollständige Impfung erhalten, schützt sie lebenslang – das steht sich doch dafür“, so Kollaritsch.

„Die Impfung gegen Tollwut zählt zu den wichtigsten reisemedizinischen Maßnahmen, weil der Kontakt mit einem tollwutkranken Tier nicht kontrollierbar ist“, warnt der Tropenmediziner. Das Virus vermehrt sich an der lokalen Eintrittsstelle und wandert dann bis in das Gehirn. Die Inkubationszeit beträgt zwischen drei bis acht Wochen, wobei im ersten Stadium meist nur unspezifische Beschwerden auftreten. Von den ersten Symptomen bis zum Eintritt des Todes dauert es dann meist nur ein bis drei Wochen. Länder mit einem hohen Infektionsrisiko sind vor allem Indien, Thailand, Sri Lanka und Mittelamerika. Die Schutzdauer der dreiteiligen Impfung beträgt fünf bis zehn Jahre, das Immungedächtnis hält allerdings länger an.

Ein Stich mit Folgen

Der Wissenschaftsfonds FWF hat in einem Forschungsprogramm das Vorkommen von 46 Stechmücken in Österreich registriert, davon sind vier nicht heimisch, im Zuge dessen wurde auch ihr Erregerpotential überprüft. Große Sorge bereitet der Weltgesundheitsorganisation WHO derzeit die rasche Verbreitung des Zika-Virus durch die Tigermücke. Tropenmediziner Kollaritsch rechnet allerdings, dass die Ausbreitung innerhalb eines Jahres zurückgehen wird, sobald nämlich die Herdenimmunität erreicht ist. In Österreich gibt es laut Untersuchungen der Veterinärmedizinischen Universität Wien keinen etablierten Stand der Tigermücke. Inwieweit die Zika-Infektion nur für Schwangere gefährlich ist, oder auch bei anderen Personen Infektionen auslösen kann, ist noch nicht geklärt. Eine intensive Mückenart in Österreich ist allerdings die Asiatische Buschmücke, die bereits in Kärnten und der Steiermark vorkommt. Diese Mücke kann das West-Nil-Virus übertragen, erste Fälle gab es bereits in Österreich. Mehrere Impfstoffe sind in Entwicklung.

Infektionsrisiken

In einigen Ländern Südamerikas und Afrikas ist besonders in der Regenzeit das Malariarisiko hoch. Als Prophylaxe empfiehlt Tropenmediziner Kollaritsch daher eine Infektionsverhütung durch IPM (insect protection measures), die bis zu 90 Prozent Infektionsreduktion bringt, oder die Chemoprophylaxe, d.h. die Einnahme einer vom Arzt verschriebenen Medikation, vor, während und nach der Reise. In dieser Hinsicht ist eine Beratung durch den Apotheker besonders wichtig. Bei der Lektüre des Beipackzettels sind nämlich viele Reisende aus Angst vor den Nebenwirkungen verunsichert und brechen daher die Einnahme ab, damit geht aber auch der Schutz verloren. Besonders die Malariavorbeugung muss individuell angepasst werden. Dazu noch ein praktischer Hinweis: Kleider imprägnieren und Moskitonetze verwenden, Fenster mit Schutzgittern absichern.

Für einige tropische Gebiete, wo die Mückendichte besonders hoch ist, wie im indischen Vittar, oder in Vietnam, rät Kollaritsch zu einer Impfung gegen die Japan Enzephalitis. Nach drei Teilimpfungen hält der Schutz mindestens zehn Jahre an. Eine Gelbfieberimpfung ist nur bei Reisen in endemische Gebiete erforderlich, sie hält lebenslang an.

Die Masern gelten als Kinderkrankheit, aber sie sind keineswegs ein „Kinderspiel“, sagt Kollaritsch. Vor allem durch den Flüchtlingszustrom treten sie wieder häufig auf, da die entsprechenden Impfungen nicht vorhanden sind und die Ansteckungsgefahr besonders hoch ist. In Deutschland und Frankreich sind zunehmend Fälle zu verzeichnen. Vor allem bei einer geplanten Schwangerschaft sollte der Impfstatus überprüft werden. Die Abwehrkräfte des Körpers werden im Verlauf der Krankheit stark geschwächt, dadurch besteht die Gefahr, dass weitere bakterielle Erkrankungen dazu kommen, in schweren Fällen Gehirnhautentzündung oder Lungenentzündung. Die Impfung MMR kann jederzeit nachgeholt werden, sie schützt vor Masern, Mumps und Röteln, Arzt und Apotheker können hierzu beraten. Nach der Verabreichung von zwei Impfungen besteht ein lebenslanger Schutz.

Asylwerber – keine Gefahr

Da Asylwerber meist lange Anreisen haben und aus dem Herkunftsgebiet mitgebrachte Infektionen schon am Weg auffallen würden, schätzt Kollaritsch eine Bedrohung der Volksgesundheit durch eingeschleppte Krankheitserreger eher gering ein. In Einzelfällen kann es natürlich zu Infektionen kommen.

Eines steht jedenfalls für alle Reisenden fest: Der Impfpass ist ebenso wichtig wie der Reisepass – und für Akutfälle die Reiseapotheke.

Quelle: Wissenschaftliche Fortbildungswoche für Apothekerinnen, Schladming 6. bis 10 März 2016

Gerta Niebauer, Apotheker Plus 5/2016

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