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Allgemeinmedizin 17. November 2005

Ärzte wollen ihren Forschungshunger stillen

„Fortschritt oder Stillstand?“ lautet die Frage. Die Universitätskliniken hoffen, dass die Neuordnung der Universitäten auch der biomedizinischen Forschung Aufwind gibt. Bislang werden hierzulande engagierte Ärzte wie auch junge Forschertalente nicht gerade verwöhnt.

In den letzten Jahren hat sich in Österreich ein neuer Schwerpunkt der biomedizinischen Forschung gebildet, dessen Kernpunkt das ursprünglich auf Privatinitiative gegründete und mit 15 Prozent staatlicher Mittel geförderte Institut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien ist. An den Universitäten, in denen früher der Schwerpunkt dieser Forschung lag, besteht nach wie vor ein Mangel an privatwirtschaftlicher Denkweise.

Mut zum Risiko gefragt

„Einige Beispiele zeigen, dass finanzielle Mittel über die Börse lukriert werden können, um ein biotechnologisches Unternehmen aufzubauen“, resümiert Prof. Dr. Josef Schwarzmeier vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Zytokinforschung, Wien. Freilich sei dies mit Risiko und persönlichem Mut verbunden, auf den viele forschungshungrige Ärzte hoffen. Die führenden Persönlichkeiten der neuen Medizin-Universität wollen dieser Entwicklung Rechnung tragen und Strukturen entwickeln, die eine höhere Flexibilität, vor allem auf dem Personalsektor gewährleisten. Dieses Bild zeichnete eine von der Gesellschaft der Ärzte veranstaltete Diskussion zum Thema „Biomedizinische Forschung in Österreich“. Unter der Leitung von Schwarzmeier diskutierten Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät Wien, jetzt Medizin-Universität, mit Vertretern der biotechnischen Industrie. Knapp ein halbes Jahr später hat sich an der damals aufgezeigten
Situation nichts geändert. „Die größte Schwierigkeit für die Durchsetzung zukunftsorientierter Pläne, zu denen beispielsweise MD/PhD-Programme gehören, ist die von staatlicher Seite verordnete Sparwelle“, beklagt Schwarzmeier. In Österreich werden, wie in anderen europäischen Ländern auch, in wirtschaftlich weniger prosperierenden Zeiten von politischer Seite die Forschungsmittel reduziert, anstatt, wie in Japan, erhöht zu werden. In besonderem Maße verspürt dies zur Zeit der über die Grenzen hinaus angesehene und vorbildliche Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF). Der vor wenigen Jahren noch spürbare Aufschwung der biomedizinischen Forschung in Österreich scheint somit eher zum Stillstand gekommen zu sein.
Forschungshungrige Ärzte blicken deshalb sehnsüchtig über den Teich nach Amerika. Dort läuft es anders: Von ca. 1.300 Biotechfirmen sind 28 Prozent börsennotiert, in Europa hingegen von 1.500 Firmen nur 5 Prozent. Außerdem verlagern europäische Pharmafirmen ihre Forschungsaktivitäten zunehmend in die USA. Ein Grund dafür liegt darin, dass die medizinischen Hochschulen in Europa zuwenig unternehmerische Initiativen ent-wickeln, meinen Experten.

Jagd nach Impaktfaktoren

Einblick in die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit unserer Universitäten auf dem Gebiet der Biomedizin gibt eine Studie aus England im Auftrag des österreichischen Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kunst. Diese Erhebung zeigt unter anderem die Auswirkungen von Autorennamen, -adressen und finanzieller Förderung auf den Impact wissenschaftlicher Publikationen auf (s. Grafik).
Prof. Dr. Wolfgang Schütz, Rektor der neuen Medizin-Universität Wien, kann die Ergebnisse nachvollziehen: „Wissenschaftliche Arbeiten in Kooperation mit internationalen Partnern führen zu Publikationen in besseren Journalen mit höheren Impaktfaktoren.“ Dort, wo Sponsorgelder zur Verfügung stünden, ließen sich ebenfalls hochwertigere Publikationen erzielen, wogegen die Mittel aus dem regulären Budget gerade einmal für die sogenannte „Amtforschung“ mit geringer Ausbeute an Impact-Punkten reichten. Erfreulich sei aber, dass wieder so etwas wie eine Wiener Medizinische Schule entstehe, da sich viele Publikationen ausÖsterreich mit der Forschung am Patienten und mit diagnostischen Fragen beschäftigten.

Folgen der Sparwelle

Einer der Wege, aus dieser Situation herauszukommen, wären Anreize für Universitätsangehörige, die Uni zu verlassen und in die Industrie zu gehen. Dies müsste bereits in der Ausbildung, etwa durch PhD/MD-Programme, berücksichtigt werden. Voraussetzung sei allerdings die Bereitstellung entsprechender staatlicher Mittel. Darauf zu hoffen, erfordert allerdings viel Optimismus. Die vor einigen Jahren beschlossenen Budgetkürzungen durch das Bundesministerium waren nämlich nicht, wie mehrfach beteuert, vorübergehend. Mittlerweile ist durch laufende weitere Einsparungen eine Situation erreicht worden, die praktisch keine Anlage-investitionen mehr ermöglicht, beklagen mehrere Klinikleiter.
„Der ‚Bodenschatz einer Nation‘ ist seine intellektuelle Leistungsfähigkeit“, sagt Prof. Dr. Heinz Ludwig, 1. Med. Abt., Onkologie, Wilhelminenspital-Wien. „Deshalb müssen Initiativen ergriffen werden, das derzeit schlechte Forschungsklima bei uns zu verbessern.“ Österreich gebe lediglich 1,9 Prozent seines Bruttonationalproduktes für Forschung aus, das sei etwa die Hälfte dessen, was etwa skandinavische Länder investierten.

Demotivation herrscht vor

Prof. Dr. Werner Waldhäusl, Univ.-Klinik für Innere Med. III, Endokrinologie, AKH Wien, registriert Demotivation, die sich unter vielen jungen und engagierten Wissenschaftlern breit gemacht habe. Besonders beklagt er, dass es knapp vor Inkrafttreten des neuen Universitätsgesetzes neben exzellenten auch viele „billige“ Habilitationen gegeben habe und gibt. Ohne Forschung kein Fortschritt. Diese Prämisse gilt in jedem Fall, auch wenn „die praktisch medizinische Tätigkeit nicht unbedingt
parallel mit der Qualität der Forschung geht“, wie der Allgemeinmediziner Dr. Wolfgang Spiegel zu bedenken gibt. Ebenso ließen sich großartige Forschungsergebnisse oft nicht in die klinische Praxis umsetzen. Aus Sicht der Allgemeinmedizin wäre es deshalb wichtig, dass nicht nur naturwissenschaftliche, sondern auch psychosoziale und Public health-Forschung gefördert werde.

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