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Allgemeinmedizin 17. November 2005

Vorsorgeuntersuchung: Totalreform steht bevor

Die Vorsorgeuntersuchung wird derzeit komplett überarbeitet. Bis zum Sommer soll ein neues Programm vorgestellt werden. Derzeit finden hinter den Kulissen noch reges Lobbying und heftige Diskussionen statt. Information nach außen ist derzeit von vielen nicht erwünscht.

„Im Grunde ist die inhaltliche Arbeit für die neue Vorsorgeuntersuchung abgeschlossen“, sagt Dr. Peter Wöß, zuständiger Referent der Österreichischen Ärztekammer. Nun geht es darum, die Umsetzung zu planen. Details des Konzeptes sind derzeit nur wenige bekannt, doch die grundlegende Ausrichtung stand von Anfang an fest: Das neue Vorsorgeprogramm soll sich strikt an den Grundlagen von EBM (Evidence based Medicine) orientieren. Sollte das derzeit vorliegende Konzept tatsächlich Realität werden, dann bliebe bei der Gesundenuntersuchung kein Stein auf dem anderen. „Es hat ein tiefgreifender Paradigmenwechsel stattgefunden“, bestätigt der Präsident der Österreichischen Ärztekammer, Dr. Reiner Brettenthaler.

Strenge EBM-Kriterien

Der Hauptverband hatte darauf bestanden, dass sich das neue Vorsorgeprogramm streng an die neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft halten müsse. Im Klartext: Nur jene Maßnahmen sollen aufgenommen werden, die einen Nachweis für ihre Wirksamkeit in Bezug auf die gesamte Bevölkerung erbringen können. Die Ärztekammer hatte diese Bedingungen akzeptiert und in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe mit der Sozialversicherung ein Vorsorgepaket mit einem wissenschaftlichen Programmdesign im Hintergrund erarbeitet. Als Vorbilder dienten die Screeningprogramme der Kanadischen und US-Amerikanischen Preventive Service Task Force. Anregungen holte man sich auch aus anderen europäischen Ländern, in denen es in den vergangenen Jahren ebenfalls intensive Auseinandersetzungen mit diesem Thema gab.

Revival der Vorsorge

Denn nach Jahren, in denen der medizinische Check-Up weltweit in Verruf geraten war, erlebt der Vorsorgegedanke auf einer anderen Ebene gerade ein Revival, meint Dr. med. Franz Piribauer MPH. Der Public-Health-Experte beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema und war auch bei der steirischen Landesregierung für diesen Bereich zuständig. Er ist Lehrbeauftragter der Universität Innsbruck und der Donau-Universität. Die Prävention folgt heute international prinzipiell einem neuen Paradigma: Gesucht wird nach Maßnahmen zur effektiven Steigerung der Gesundheit einer ganzen Bevölkerung. Dabei werden in einem ersten Schritt bestimmte (Volks-)Krankheiten als Vorsorgeziele identifiziert. In einem wissenschaftlich fundierten Bewertungssystem werden dann mehrere Interventionsmöglichkeiten hinsichtlich ihrer Kosten und Akzeptanz, ihres Nutzens und ihrer Risken bewertet. Wie inoffiziell aus verschiedenen Quellen zu erfahren ist, scheint das Programm für die Reform der Gesundenuntersuchung in Österreich aus wissenschaftlicher und sozialmedizinischer Sicht sehr fundiert und gelungen zu sein. Das Motto lautet: Alte Hüte raus und neue, effektive rein. Dem Vernehmen nach sieht das neue Konzept weniger Laborparameter, jedoch einige neue Untersuchungen wie beispielsweise die Darmspiegelung (siehe Kasten) vor. Ein besonderes Augenmerk soll auf die Erstellung von Risikoprofilen sowie die Lebensstil-Beratung gelegt werden. Während das Konzept an sich breite Akzeptanz zu finden scheint, gibt es jedoch - vor allem seitens der Ärzte - Zweifel an der Umsetzbarkeit. „Unserer Meinung nach ist das Programm nicht verkäuflich“, meint Brettenthaler. Er befürchtet, dass die Patienten die Umstellung nicht akzeptieren und auf die ihnen bisher vertrauten Parameter bestehen werden. „Es gibt ringsum Vorsorgeangebote, die sich nicht darum kümmern, was EBM ist. Da wird die ganze Latte an Untersuchungen durchgeführt, so überflüssig sie auch sein mag. Es ist für den Patienten nicht erkennbar, dass da vielleicht vieles nicht notwendig ist“, meint der Ärztekammer-Chef.

„Es gibt keinen Persilschein für Gesundheit“

PH-Experte Piribauer hält das für einen Irrtum: „Wenn man mit den Menschen auf der Straße redet und sich im medizinisch nicht vorbelasteten Bekanntenkreis umhört, kann man sagen: Es glaubt niemand, dass es einen Persilschein für Gesundheit gibt. Die höchste Akzeptanz haben nachweislich jene Vorsorgeprogramme, bei denen die Menschen wissen, warum sie hingehen“. Das Schlimmste sei es, wenn sich jemand nach einem „positiven“ Gesundheits-Check in Sicherheit wiegen und die Symptome einer nicht entdeckten Erkrankung ignorieren würde, meint Piribauer. Die Risikoeinschätzung ist seiner Ansicht nach daher ein wichtiger Bestandteil jedes Vorsorgeprogramms. „Es ist daher international auch üblich, die Aufklärung vor und nach dem Screening zu finanzieren“, betont der Public-Health- Experte. Noch vor dem Sommer soll das Konzept der neuen Vorsorgeuntersuchung öffentlich präsentiert werden. Der Ärztekammerpräsident erwartet jedenfalls, dass bis dahin noch einige Kompromisse gemacht werden, um „das Programm attraktiver zu machen“. „Oder man wird sich dazu bekennen müssen, dass einige Leistungen von den Ärzten auch privat angeboten werden“, so Brettenthaler.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 6/2004

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