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Allgemeinmedizin 17. November 2005

Ärzte unter Generika-Druck

Dass Generika ein Einsparpotenzial im Gesundheitswesen sind, bezweifelt so gut wie niemand. Uneinigkeit besteht jedoch über die Methoden, mit denen Ärzte und Patienten zum Umstieg auf Nachfolge-Präparate motiviert werden sollen. Die Wiener Gebietskrankenkasse probiert es nun mit verstärktem Druck auf die Ärzte und der Androhung von intensiven Kontrollen. Der Zorn der Kollegen ist groß.

Die Wiener Gebietskrankenkasse ist bekannt für ihren Hang zu scharfen Formulierungen. Allzu erinnerlich ist noch der „Brief der Grauslichkeiten“ (copyright: Walter Dorner) zu Beginn der Honorarverhandlungen in diesem Frühherbst. Nachdem nun mit Müh und Not ein Vertrag zustande gekommen ist, flatterte Mitte Jänner ein Schreiben der Behandlungsökonomen vom Wienerberg in die Ordinationen. Darin werden die Ärzte über eine Zusatzvereinbarung des neuen Gesamtvertrages informiert. Wörtlich heißt es: „Primäres Ziel dieser Vereinbarung ist es, bis Ende 2005 einen Anteil der Nachfolgepräparate an den generikafähigen Heilmitteln von insgesamt 62% zu erreichen, wobei arztbezogen ein individueller Generikaanteil von 45% für das Jahr 2004 anzustreben ist.“ Für Ärzte, die dies nicht erreichten, sollten „unverzüglich“ – einvernehmlich mit der Ärztekammer – entsprechende Maßnahmen, wie „kollegiale Aussprachen, gutachterliche Stellungnahme zur Frage der ökonomischen Verschreibweise des betroffenen Arztes, Anrufen des Schlichtungsausschusses etc.“ eingeleitet werden.

Zornige Ärztinnen und Ärzte

Der Zorn der Kolleginnen und Kollegen war groß: „Ich habe derzeit einen Generika-Anteil bei meinen Verschreibungen von etwa 30 Prozent. Wenn ich das verdoppeln soll, sollen sie mir zeigen, wie wir das können. Erst gestern habe ich so mit einem Patienten gestritten, weil er unbedingt ein Originalpräparat haben wollte. Er ist richtig aggressiv geworden, hat gesagt, er geht zum Chefarzt. Das stünde ihm zu, er habe jahrelang Kassenbeiträge eingezahlt. Wie komme ich dazu? Dabei hat es sich um ein einfaches Schmerzmittel gehandelt“, klagte eine Wiener Allgemeinärztin gegenüber der Austria Presse Agentur.

Vorurteile der Patienten

Eine deutsche Studie (siehe Beitrag unten) zeigt, dass Ärzte die Vorurteile der Patienten als den wesentlichsten Störfaktor bei der Umstellung auf Generika sehen. Als Motivation für die Patienten, lieber zu Generika zu greifen, hat Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat angekündigt, im Laufe des Jahres die Rezeptgebühr für Nachfolgepräparate zu senken. Ob das den gewünschten Effekt bringen wird, bleibt abzuwarten.
„Vermutlich wird es einen fördernden Effekt geben, wenngleich ich das etwas zwiespältig sehe. Weil etwas ‚Teures’ oft als gut bzw. als viel besser erachtet wird als etwas ‚Billiges’ und jeder für seinen Krankenkassenbeitrag das Beste bekommen will“, meint dazu die Gesundheitsökonomin Mag. Ingrid Rosian vom Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG). Die Ärzte müssten daher den Patienten erklären, dass Generika gleichwertige Medikamente sind, was manchmal mühsam sein könnte. Daher wäre auch eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit, z.B. der Krankenkassen, zur Aufklärung der Patienten zum Thema Generika sehr sinnvoll, legt Rosian nahe.

Erfolgreicher „Arznei-Dialog“

Dass Einsparungen mit Generika möglich sind, zeigen die Erfahrungen aus anderen Bundesländern. In der Steiermark wurden im Jahr 2001 durch den „Arznei-Dialog“ zwischen Ärzten und Kasse mehr als 8 Millionen Euro frei, die für neue Leistungen ins System zurückflossen. Ein Teil des Erfolges lag dabei sicher an dem vergleichsweise guten Gesprächsklima zwischen Ärzten und Kasse in der Steiermark sowie an der gezielten Vorgangsweise.
„Wir haben den Ärzten geraten, es ja nicht allzu rasch anzugehen und gleich alle Verordnungen umzustellen“, sagt Dr. med. Harald Klier von der steiermärkischen GKK. Konzentriert habe man sich auf Neueinstellungen und Umstellungen, die aus anderen Gründen notwendig waren, sowie auf bestimmte Wirkstoffgruppen. Durch die Einbindung der Apotheker wurde sichergestellt, dass die Generika auch lagernd waren. „So haben wir es geschafft, in manchen Arzneimittelgruppen einen Generikaanteil von 45 bis 50 Prozent zu erzielen“, sagt Klier. In vielen anderen Gruppen läge er aber nach wie vor darunter.

Unrealistische Forderung

Aufgrund der Erfahrung stellt sich die Frage, wie realistisch die – gemeinsam von Kasse und Ärztekammer beschlossene – Forderung nach einer Erhöhung des Anteils der Nachfolgepräparate von 45 bzw. 62 Prozent an den generikafähigen Heilmitteln eigentlich ist. Mit honorierten Medikamentenzirkeln für Ärzte und Patientenbroschüren wird die Kasse das Vorhaben unterstützen. Es wird aber auch davon abhängen, mit welcher Härte sie gegen „Verschreibungssünder“ vor-gehen wird.
Dazu der Sprecher der WGKK, Mag. Jan Pazourek: „Jeder Vertragsarzt hatte sich schon bisher an die Richtlinie zur ökonomischen Verschreibweise zu halten. Dazu gab es immer schon ein Verfahren vor der Paritätischen Schiedskommission. Genau dieses Verfahren gibt es jetzt auch im Einzelfall. Es wurde also keine neue Sanktion erfunden.“ Bei Ärzten, die sich offensichtlich bemühten und das Ziel nur knapp verfehlten, werde die Kasse „sicher nicht ungut“ sein, betont er. Man werde sich aber genau ansehen, welche Vertragsärzte sich der Generikaverschreibung „ostentativ verweigern“.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 4/2004

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