zur Navigation zum Inhalt
© Arteria Photography
Das diabetische Fußulkus findet sich häufig auf der Fußsohle.
 
Allgemeinmedizin 26. April 2016

Chronisch wund

Wundmanagement und richtige Produktauswahl unterstützen die Heilung.

Schlecht heilende Wunden benötigen ein Wundmanagement. Mit Wissen über die Wundbehandlung und guten Kenntnissen der auf dem Markt verfügbaren Wundauflagen kann der Kunde gezielt unterstützt werden.

Die Therapie einer chronischen Wunde ist komplex. Doch es gibt ein einfaches Schema, wie Wunden prinzipiell behandelt werden: „Fünf Schlüssel der Wundbehandlung fassen die Erkenntnisse der vergangenen Jahre sehr eingängig zusammen“, stellt Dr. Wiltrud Probst, Klinikapothekerin der Kliniken Landkreis Hildesheim GmbH, fest.

Die Durchblutung stottert

Wenn eine Wunde innerhalb von acht Wochen noch nicht abgeheilt ist, spricht die Deutsche Gesellschaft für Wundheilung und Wundbehandlung von einer chronischen Wunde. Ursachen für den verzögerten Heilungsverlauf sind überwiegend Durchblutungs- und Stoffwechselstörungen. Menschen mit einer nachlassenden Venenleistung (chronisch venöse Insuffizienz, CVI), einer fortschreitenden Verengung der Arm- oder Beinarterien (periphere arterielle Verschlusskrankheit, PAVK) aber auch Diabetes mellitus, sind daher besonders gefährdet.

Die fünf Schlüssel

1. Wunden beurteilen. Der erste Schlüssel moderner Wundbehandlung ist die Wundbeurteilung. Handelt es sich um eine akute oder chronische Wunde? In welcher Heilungsphase befindet sie sich? Ist sie sehr tief? Gibt es viel Exsudat? Zeigen sich Anzeichen einer Infektion wie Schwellung, Schmerzen oder ein unangenehmer Geruch?

2. Kausal Therapieren. Die Behandlung von Grunderkrankungen ist fester Bestandteil der Therapie.

3. Störfaktoren ausschalten. Viele Faktoren können die Wundheilung stören. Dazu gehören systemische Arzneimittel wie Glukokortikoide. Aber auch austrocknende Wundauflagen, da eine zu trockene Wunde nicht heilt. Wenn möglich, sollten solche Faktoren ausgeschaltet werden. Besonders wichtig ist auch ein Blick auf den Ernährungsstatus, denn zur Heilung braucht der Organismus Proteine, Vitamine und Zink.

4. Reinigen. Nur eine saubere Wunde kann heilen. Die Behandlung beginnt daher, wenn nötig, mit einer Wundreinigung.

5. Ideal feucht behandeln. Für die Heilung ist ein feuchtes Milieu in der Wunde ideal, denn neue Zellen müssen in die Wunde einwandern können. „Eine trockene Wunde ist eine tote Wunde“, erklärt Probst. Zu viel Feuchtigkeit kann dagegen das Gewebe aufweichen und zur Mazeration führen. Bei der Auswahl einer geeigneten Wundauflage ist die Exsudatmenge daher ein wichtiges Kriterium.

Moderne Wundversorgung

„Wundbeläge – der Verbund aus zerfallenen Zellen, Exsudat, Blut oder Eiter – und abgestorbenes Gewebe werden am schnellsten vom Chirurgen entfernt“, führt Probst zu Schlüssel 4 weiter aus. Für ein chirurgisches Abtragen, das Debridement, sprechen laut der Leitlinie „Lokaltherapie chronischer Wunden bei Patienten mit den Risiken PAVK, Diabetes mellitus, CVI“ vor allem lokale Entzündungszeichen, systemische Infektionen und großflächige Nekrosen. Zum Entfernen kleinerer Nekrosen, von Belägen und/oder Fremdkörpern empfehlen die Autoren bei den Verbandswechseln eine wiederkehrende mechanische Wundreinigung beispielsweise mit sterilen Kompressen.

Lösen, ausschwemmen und verdauen

Eine Wundspülung kann den Reinigungseffekt verstärken. Bei Verdacht auf eine erregerbedingte Entzündung können dazu die Antiseptika Polihexanid, Octenidin oder Povidon-Jod in Form von Lösungen eingesetzt werden. Zur Spülung von nicht infizierten Wunden sind sterile isotone Kochsalzlösungen, Ringerlösung und Leitungswasser geeignet. Auch zwischen den Verbandswechseln ist eine Wundreinigung möglich: Hydrogele können zum Lösen von Belägen genutzt werden, Fliegenlarven der Gattung Lucilia sericata verflüssigen abgestorbenes Gewebe mit Hilfe von Enzymen, um sich davon zu ernähren. In einem Gazebeutel oder als Freiläufer werden die Larven auf die Wunde aufgelegt.

Wundauflagen

Moderne hydroaktive Wundauflagen fördern die Wundheilung, indem sie ein optimal feuchtes Wundmilieu schaffen und aufrecht halten. Sie kleben nicht am Wundgrund und können teilweise bis zu sieben Tagen auf der Wunde verbleiben. „Mehr als 1000 Produkte sind auf dem Markt“, führt Probst aus. Vereinfacht lassen sich jedoch sechs Typen von Grundauflagen unterscheiden.

Alginate. Durch ihre watteähnliche Struktur haben Alginate eine hohe Exsudataufnahmekapazität. Bei nässenden, aber auch bei infizierten Wunden können sie verwendet werden. Alginate bilden ein Gel, das selbst tiefe Wunden ausfüllen kann. Damit die Wundränder nicht aufquellen, sollte die Größe des Alginats der Wunde angepasst und durch einen Sekundärverband abgedeckt werden.

Hydrogele. Zum Feuchthalten trockener Wunden eignen sich Hy-drogele. Je nach Produkt enthalten die inerten Gele bis zu 70 Prozent Wasser. Sie haben einen kühlenden und damit schmerzlindernden Effekt.

Hydrokolloide. Bei leicht bis mäßig nässenden Wunden bilden Hydrokolloide ein Gel, das für ein feucht-warmes Wundmilieu sorgt. Besonders häufig werden sie bei Druckgeschwüren verwendet, bei infizierten Wunden sind sie kontraindiziert. Die gummiartige, selbstklebende Masse enthält quellende Stoffe wie Carboxymethylcellulose, Pektin und/oder Gelatine und haftet nur auf trockenem Grund.

Schaumstoffe. Noch mehr Exsudat können Schaumstoffe aufnehmen. Unter ihnen gibt es Superabsorber (Polyacrylatverbände) für extrem große Flüssigkeitsmengen. Außerdem ermöglichen Schaumstoffe eine Kompression. „Besonders bei offenen Beinen ist diese angezeigt“, erklärt Probst. Aber auch bei diabetischen Fußgeschwüren seien Schaumstoffe sehr gut einsetzbar. Schaumstoffe sind für oberflächliche, aber auch tiefe Wunden geeignet.

Semipermeable Folien. Die dünnen Membranen aus Polyurethan ermöglichen den Austausch von Sauerstoff und Wasserdampf, verhindern aber das Eindringen von Mikroorganismen und Nässe. Bei chronischen Wunden dienen sie speziell zum Fixieren der Wundauflagen.

Silber. Wundauflagen werden mit vielen verschiedenen Substanzen kombiniert. Ein Beispiel sind antimikrobielle, silberhaltige Wundauflagen. Bevorzugt werden sie bei infizierten und infektionsgefährdeten Wunden eingesetzt.

SpringerMedizin.de

Fakten

1. In den westlichen Industrienationen sind bis zu zwei Prozent der Bevölkerung von chronischen Wunden betroffen.

2. Die häufigsten schwer heilenden Verletzungen sind Ulcus cruris, Dekubitus und diabetisches Fußgeschwür.

3.Kleinste Verletzungen reichen bei alten, kranken oder mangelernährten Personen aus, schwer heilende Wunden zu verursachen.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben