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© Bernd Juergens / istockphoto
 
Allgemeinmedizin 26. April 2016

Nach Zeckenstich Fleischallergie

Warum der Speichel des „Lone Star Tick“ sensibilisierend wirkt.

Zwei US-amerikanische Mediziner haben beschrieben, wie allergische Reaktionen gegen Cetuximab mit einer Überempfindlichkeit gegen rotes Fleisch zusammenhängen.

Ursprünglich waren Scott Commins und Thomas Platts-Mills auf der Suche nach den Ursachen von anaphylaktischen Reaktionen, die nach der Anwendung des gegen den epidermalen Wachstumsfaktor- Rezeptor EGFR gerichteten monoklonalen Antikörpers Cetuximab auftraten. Solche Reaktionen waren regional gehäuft in den Südstaaten der USA zu beobachten. Die beiden Mediziner entdeckten, dass sich die IgE-vermittelten allergischen Prozesse nicht gegen ein Protein-, sondern gegen ein Kohlenhydratepitop richteten, und zwar gegen Galaktose-alpha-1,3-Galaktose (alpha- Gal). Ein solches Epitop sitzt auf der schweren Kette von Cetuximab. Interessanterweise trat die Anaphylaxie schon bei der ersten Anwendung von Cetuximab auf. Die Sensibilisierung musste also eine andere Ursache haben als den monoklonalen Antikörper selbst.

Symptome nach Fleischmahlzeit

Etwa um die gleiche Zeit, in den Jahren 2006 bis 2008, stießen Commins und Platts-Mills auf eine Gruppe von Patienten, die aus ungeklärter Ursache Episoden von generalisierter Urtikaria, Angioödemen und Anaphylaxie durchgemacht hatten – und zwar im selben geografischen Gebiet, in dem die Reaktionen auf Cetuximab beobachtet worden waren. Ein unmittelbarer Auslöser war nicht zu eruieren. Die Patienten vermuteten aber, ihre Symptome könnten mit einer Fleischmahlzeit zusammenhängen, die sie einige Stunden zuvor zu sich genommen hatten. Entsprechende kommerzielle Pricktests erbrachten keine eindeutigen Ergebnisse. Intradermale Tests beziehungsweise Pricktests mit frischem Extrakt aus rotem Fleisch zeigten aber stark positive Resultate. In Blutuntersuchungen waren spezifische IgE-Antikörper gegen Rind-, Schweine- und Lammfleisch, aber auch gegen Alpha-Gal nachweisbar, was die Ergebnisse der Hauttests bestätigte. Alle Säugetiere, außer Menschen und Altweltaffen, exprimieren alpha- Gal. Doch zwei Rätsel blieben einstweilen ungelöst: Zum einen die geografische Häufung; und zum anderen der Umstand, dass die Reaktionen auf rotes Fleisch erst mit stundenlanger Verzögerung auftraten (im Gegensatz zu der sofortigen Reaktion auf Cetuximab und dem unmittelbaren Ansprechen im Hauttest).

Von „Lone Star Tick“ gestochen

Was die Geografie betraf, löste sich das Rätsel, als einer der Forscher, Platts-Mills, bei sich selbst einen erheblichen Anstieg der Spiegel von alpha- Gal-IgE diagnostizierte. Zuvor war er wiederholt von Schildzecken der Gattung Amblyomma gestochen worden, „Lone Star Tick“ (Amblyomma americanum) genannt. Deren Verbreitungsgebiet deckt sich mit den Regionen, in denen die Cetuximab- und die Fleischallergien aufgetreten waren (Allergo J Int 2016; 25: 44–8). Auf Nachfrage gaben auch mindestens 90 Prozent der betroffenen Patienten an, von Zecken gestochen worden zu sein, bevor sie ihre Fleischallergie entwickelten. Sensibilisierend wirkt vermutlich der Zeckenspeichel. Die Verzögerung vom Fleischkonsum bis zur allergischen Reaktion erklären sich Commins und Platts-Mills mit der Zeit, die verstreichen muss, bis die allergene Form von Alpha-Gal im Blut erscheint. Ob dies in Form eines Glykolipids geschieht, wie die Forscher annehmen, oder als Glykoprotein, ist erst noch zu klären. Aus ihren Befunden leiten die Mediziner dreierlei Konsequenzen ab:

• IgE-Antwortenauf einKarbohydratkönnenerheblicheallergischeReaktionenhervorrufen.

• Zecken können hochtitrige nahrungsspezifische IgE-Reaktionen induzieren, nachdem lange Zeit eine Toleranz gegen diese Nahrungsmittel bestanden hat.

• Und letzten Endes: Bis nach dem Verzehr von diversen Nahrungsmitteln mit Alpha-Gal-Epitopen Symptome auftreten, können Stunden vergehen.

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