zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 17. November 2005

Wie innovativ sind innovative Medikamente?

Aktionäre wollen hohe Gewinne, Patienten, Mediziner und Sozialversicherungen gute und kostengünstige Medikamente. Ein Spagat zwischen unterschiedlichen Interessen und objektiver Information? Eine Veranstaltung im Hauptverband der Sozialversicherungsträger stellte vergangene Woche den Stellenwert von Fortschritt in der Entwicklung von Arzneien zur Diskussion.

„Meine Werte haben sich mit einem neuen Humaninsulin sehr verbessert – für mich ist das ein innovatives Medikament. Ist das für andere Patienten genauso? Wie sieht das die Wissenschaft? Und wirken nicht seit Jahren gut eingeführte Insuline bei vielen Patienten genauso gut wie das neue Medikament bei mir, bei oft viel geringeren Kosten?“ Mit diesen Fragen umriss zu Beginn der Veranstaltung Peter P. Hopfinger, Journalist und Pressesprecher des Diabetes Forum Austria, das Dilemma rund um neu eingeführte Medikamente, egal ob tatsächliche Innovationen oder Analoga.

Ablehnung von Analoga wäre der falsche Weg

Nur etwa die Hälfte der in den vergangenen zehn Jahren eingeführten Arzneimittel beruht tatsächlich auf einem neuen Wirkprinzip. „Deshalb zu sagen, wir lehnen Analogpräparate ab, wäre aber der falsche Weg“, sagte Prof. DDr. Ernst Mutschler, emeritierter Pharmakologe an der Universität Frankfurt. Als Beispiel nannte er Antibiotika. „Das Innovatorprodukt Penicillin war sicher eine Sprunginnovation, der Weg hin zum oral einzunehmenden Breitbandantibiotikum ist durch viele kleine Schritte erfolgt – ein Analogon nach dem nächsten“, führte Mutschler weiter aus.
Den Stellenwert von Analoga bezweifelte auch Dr. Stefanie Stock, Gesundheitsökonomin aus Köln, nicht. Sie forderte allerdings eine strenge Prüfung solcher Präparate, auch unter dem Einsatz gesundheitsökonomischer Instrumente, wie etwa der ASMR-Beurteilung in Frankreich: „Dadurch kann die Einführung von Medikamenten ohne Zusatznutzen zurückgedrängt und die Pharmaindustrie dazu angeregt werden, möglichst innovative Produkte auf den Markt zu bringen.“ ASMR steht für „Amélioration du Service Médical Rendu“, übersetzbar etwa mit „Verbesserung der medizinischen Leistungen“.

Hoher Gewinndruck für Pharmaindustrie

Für Prof. Dr. Hans Winkler, Vorstand des Institutes für Pharmakologie an der Universität Innsbruck, steht die Pharmaindustrie unter einem enormen Druck, was zunehmend zu einer Ausdehnung von Indikationen führen würde. Er nannte als Beispiel den Reizdarm, an dem laut Presseberichten inzwischen mehr als 12 Mio. Deutsche leiden sollen. „Nicht jeder Flatus incaceratus ist gleich ein Reizdarm; hier sucht sich die Industrie Indikationen, um ihre Medikamente umfassender einsetzen zu können.“
Winkler erklärte das auch mit dem zunehmenden Druck, unter dem Pharmaunternehmen stünden: „Einerseits fordern die Aktionäre immer höhere Gewinne, sodass immer schneller mit Neuentwicklungen auf den Markt gegangen werden muss. Anderseits verlangen die Kostenträger, dass auch die Pharmaunternehmen an der Einsparung der Kosten im Gesundheitswesen mitarbeiten und die Preise senken.“

Objektiv informieren

Winkler plädierte in diesem Zusammenhang für den gut und objektiv informierten Arzt und Apotheker, der seine Informationen auch von unabhängiger Stelle beziehen solle und damit seine Informationspflicht gegenüber dem Patienten erfüllen könne. Dem stimmte auch Dr. Eberhard Pirich von der Sanochemia Pharmazeutika AG durchaus zu: „Die Pharmaindustrie hat nichts gegen neutrale Information über Medikamente.“ Er schränkte dann aber ein: „Ein Ersatz für Infos aus der Pharmaindustrie kann das allerdings nicht sein.“ Denn auch der mündige Patient würde sich heute – neben den Auskünften seines Arztes – zunehmend aus populären Gesundheitsmedien und dem Internet informieren.
Einen Schritt weiter ging Dr. Barbara Valenta, Medical Director von Pfizer Austria, als sie sagte, dass letztlich der Patient als Parameter für die Bewertung der Kosten-Nutzen-Relation von medikamentösen Therapien herangezogen werden müsse. Sie plädierte dabei auch für ein verstärktes Kostenbewusstsein beim Patienten: „Man fordert den mündigen Patienten. Sollte dieser dann nicht auch das Recht haben, den Nutzen seiner Therapie selbst zu bewerten? Dazu sollte ihm aber klar gemacht werden, dass sein individueller Nutzen vom System nicht automatisch getragen werden kann, dass er auch selbst materiell etwas beitragen muss.“

Fazit der Veranstaltung:

Der Kostendruck im Gesundheitswesen und auf die Pharmaindustrie wird in den kommenden Jahren zunehmen. Nur Produkt- und Prozessinnovation, also die Überprüfung neuer Medikamente unter dem Gesichtspunkt der Kosten-/Nutzenrelation, können zu Einsparungen im Gesundheitswesen beitragen. Echte Innovationen wird es – wie schon bisher – relativ selten geben, und Analoga mit Zusatznutzen haben, bei vernünftiger Kostenstruktur, Nutzen für den Patienten.

Stefanie Melicharek, Ärzte Woche 2/2004

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben