zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 14. November 2005

"Mit einfachen Mitteln helfen" (Folge 9)

Vom Entfernen eines Fremdkörpers aus einer Kindernase über das Einsetzen eines Cochlea-Implantates bis hin zur Krebstherapie reicht das Spektrum des Sonderfaches HNO-Heilkunde in Österreich.

„Jemanden, der dauernd auf die Uhr schaut und bemüht ist, seine Arbeitszeiten genau einzuhalten, können wir hier nicht gut gebrauchen“, stellt Prim. Dr. Josef Meindl, Vorstand der Abteilung für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern, in Linz gleich zu Beginn des Gesprächs mit der ÄRZTE WOCHE klar. „Die jungen Ärzte müssen belastbar sein und flexibel.“ Auch die Bereitschaft, einen Teil der Ausbildung an einem anderen Krankenhaus zu absolvieren, werde vorausgesetzt.
Meindl wollte eigentlich Allgemeinmediziner werden, durch den Turnus im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz ist er aber bei seinem Fach „gelandet“. Am Beginn seiner Ausbildung war er vor allem von der Möglichkeit angetan, dass „man den Leuten mit einfachen Mitteln sehr effizient helfen kann, etwa wenn es darum geht, einen Fremdkörper aus Nase oder Luftröhre zu entfernen“. Im Laufe der Ausbildung wendete sich Meindl vor allem der Onkologie zu. Diese bildet heute auch einen Schwerpunkt an der von ihm geleiteten Abteilung. „Rund 64 Prozent unserer Patienten sind Tumorpatienten“, berichtet Meindl. Krebserkrankungen des Rachens und des Kehlkopfs gehören immer noch zu den vielfach nur ungenügend therapierbaren Erkrankungen im Bereich der HNO-Heilkunde. „Die Leute kommen oft einfach zu spät, und eine Früherkennung existiert in diesem Bereich kaum“, beklagt Meindl.

 detail

HNO-Tumore nehmen zu

Dabei sind HNO-Tumoren stark im Vormarsch. Sie nehmen bei Männern bereits die vierte Stelle in der Krebsstatistik ein. „Hier sollten die Praktiker stärker geschult werden“, regt Meindl an, „damit sie Verdachtsfälle rascher an den HNO-Facharzt überweisen.“ Aber auch im Bereich der Krebsbehandlung sieht er noch ein weites Forschungsfeld: „Trotz Laser-, Radio- und Chemotherapie hat sich die Fünfjahres-Überlebensrate bei HNO-Tumoren in den vergangenen 20 Jahren nur um rund fünf Prozent verbessert. Hier ist noch viel Forschungsarbeit erforderlich.“ Einen großen Fortschritt verzeichnen allerdings operative Verfahren, vor allem beim Kehlkopfkrebs: „Hier sind heute nur noch in den schwersten Fällen verstümmelnde Operationen nötig“, erläutert Meindl. „In vielen Fällen können wir mit Hilfe der induktiven Chemotherapie den Kehlkopf erhalten.“ Deutlich verbessert hat sich auch die Situation von gehörlosen Patienten. „Weltweit wurde das Cochlea-Implantat bereits 70.000 Mal eingesetzt“, berichtet Meindl. Auch an seiner Abteilung wird dieser Eingriff durchgeführt. „Heute setzen wir die Implantate bereits Kindern unter zwei Jahren ein, weil die Ergebnisse umso besser sind, je früher die Implantation erfolgt“, betont Meindl. Kinder, bei denen der Eingriff so früh erfolgt, lernen problemlos sprechen und können fast immer eine Regelschule besuchen. „Die Nachsorge bei Patienten mit Cochlea-Implantat gehört zu einem besonders interessanten Bereich in der Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde“, schwärmt Meindl. „Das ist durchaus auch etwas, in dem sich Nachwuchskräfte profilieren können.“

Gute Ausbildungssituation

Die Ausbildung zum Hals-, Nasen-, Ohrenarzt dauert sechs Jahre, wobei vier Jahre im Fach und zwei Jahre Gegenfächer zu absolvieren sind. „Einziges Pflichtfach ist die Chirurgie“, erklärt Meindl. „Innerhalb dieses Fachs besteht aber die Möglichkeit, Neurochi­rurgie, plastische, Unfall- oder Kieferchirurgie zu absolvieren.“ Bei einer Wartezeit auf den Ausbildungsplatz rät Meindl dringend dazu, auf einer chirurgischen Station tätig zu werden: „Die Leute, die zu uns kommen, waren meist viel zu lange auf einer internen Station. Die wissen zwar alles über jede Nebenwirkung jedes Medikaments, aber nicht, was sie bei heftigem Nasenbluten tun müssen.“ Auch handwerkliche Fähigkeiten sollten vorhanden sein, vor allem aber sollte der Umgang mit den Patienten beherrscht werden: „Ich frage immer die Schwestern: Wie geht der mit den Patienten um?“ plaudert Meindl aus dem Nähkästchen.

Engagement gefordert

Die Ausbildungssituation beurteilt Meindl derzeit als „nicht allzu schlecht“: „An meiner Abteilung gibt es drei Ausbildungsstellen.“ Allerdings werden, so der Facharzt weiter, generell zu viele HNO-Fachärzte ausgebildet, denn „es gibt ja keine neuen Kassenstellen mehr“. Wer Neigung zur Spezialisierung zeige, habe nach seiner Ausbildung sicher eher Chancen auf eine Stelle im Krankenhaus. „Wer sich ein Spezialgebiet herauspickt und sich an der Station damit unentbehrlich macht, der hat eine Chance, einfach weil er gebraucht wird“, sagt der HNO-Primarius. Für Meindl ist seine Arbeit zur Berufung geworden. Das will er auch neuen Kollegen ans Herz legen, denn: „Wenn sie einen Beruf ausüben, der sie erfüllt, wo sie mit dem Herzen dabei sind, dann werden sie auch Super-Fachärzte werden und beste Medizin bieten.“

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden, vor allem wegen des Textflusses, nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 28/2005

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben