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Allgemeinmedizin 14. November 2005

"Wer keinen Teamgeist hat, ist verloren!" (Folge 6)

Facharzt für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin: Das klingt erst einmal weniger spannend als Internist oder Chirurg. Hinter dem sperrigen Titel verbirgt sich allerdings ein herausforderndes und vor allem ständigen Veränderungen unterliegendes Fachgebiet, das sowohl für den Wissenschaftler als auch für den praktisch veranlagten Mediziner ein interessantes Tätigkeitsfeld bietet.

Eigentlich wollte er Internist werden, „aber da war 1968 in Innsbruck gerade kein Ausbildungsplatz frei“, erzählt der Leiter des Zentralinstitutes für Bluttransfusion und der immunologischen Abteilung an der Mediz. Universität Innsbruck, Prof. Dr. Diether Schönitzer, im Interview mit der ÄRZTE WOCHE. Bereut hat er seinen Entschluss, das Fachgebiet Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin zu wählen, trotzdem nicht.

Was begeistert Sie an Ihrem Fachgebiet?
Schönitzer: Als ich 1968 mit der Ausbildung anfing, fand ich ein weitgehend unbearbeitetes Feld vor. Mein Chef hat mir damals ein Buch über Blutgruppenbestimmung in die Hand gedrückt und gesagt: „Lies dich mal ein.“ Das habe ich getan und war fasziniert. Damals sind gerade Blut- und Gewebefaktoren beschrieben worden. Durch die Fortschritte in der Chirurgie ist der Bedarf an verträglichen Blutkonserven angestiegen. Die Blutbank in Innsbruck war damals auf der Chirurgie angesiedelt, da konnte ich jeden Tag sehen, wie dringend wir gebraucht werden.

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Welche großen Veränderungen hat das Fach in den vergangenen 25 Jahren erlebt?
Schönitzer: Zum einen wurden Blutprodukte gesetzlich als Arzneimittel geregelt. Als ich begonnen habe, gab es dafür noch keine gesetzlichen Regelungen. Daraus hat sich ein ganzer Wissenschaftszweig zur Entwicklung und Herstellung neuer Blutprodukte entwickelt. Dann gab es natürlich Meilensteine, wie etwa die Beschreibung monoklonaler Antikörper im Jahr 1976, was zu einer völligen Veränderung in der Blutgruppenserologie geführt hat. Im Jahr 1968, als ich angefangen habe, wurde in Tirol erstmals die Rhesusprophylaxe eingeführt. Dadurch haben deutlich weniger Neugeborene an der hämolytischen Krankheit gelitten. Gegen Ende der 80-er Jahre ist mit dem Geltest ein neues System zur Bestimmung der Blutgruppen eingeführt worden, mit dem heute mehr als 80 Prozent der transfusionsmedizinischen Einrichtungen arbeiten. Und besonders viel hat sich natürlich auf dem Gebiet der Infektionstestung ereignet. Der Anlasspunkt dafür war natürlich – von 1983 bis 1985 – das HI-Virus. Damit wurde man weltweit auf die Gefahr, die Bluttransfusionen mit sich bringen können, aufmerksam. Die zweite große Gefahr ist natürlich die Hepatitis. Aber mit den aufgrund dieser Gefahren eingeführten, heute praktizierten Testsystemen ist eine Bluttransfusion extrem sicher geworden. Bei HIV gehen Schätzungen davon aus, dass auf drei bis fünf Millionen Blutübertragungen theoretisch eine unentdeckte HIV-Infektion vom Spender auf den Empfänger übertragen werden kann. Bei Hepatitis B ist das Risiko größer: Hier liegt das Verhältnis, je nach Studie, zwischen 1 zu 100.000 bis zu 1 zu 300.000.

Mit welchen großen Herausforderungen rechnen Sie in den kommenden Jahren in Ihrem Fachgebiet?
Schönitzer: Im Bereich der Infektionsübertragung bei Transfusionen möchten wir ein Nullrisiko erreichen. Das wird schon aufgrund des Auftretens neuer Viren nicht zur Gänze erreichbar sein. Ein Schritt in diese Richtung ist allerdings die österreichweite Einführung eines Testsystems, das Blut mittels eines unspezifischen Infektionsparameters auf frische Infektionen testen kann. Dieser Test ist mittlerweile gesetzlich vorgeschrieben. Wir haben mit dem unspezifischen Infektionsmarker Neopterin einen solchen Test in Innsbruck entwickelt.

Welche Voraussetzungen sollte ein fertig ausgebildeter Mediziner für das Fach Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin mitbringen?
Schönitzer: Prinzipiell sollte sie oder er ein Interesse an Immunhämatologie, Blut und Immunsystem haben. Auch für Laboratoriumsmedizin sollte ein Interesse vorhanden sein, weil wir naturgemäß viel im Labor arbeiten. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Beschäftigung mit Gewebetypisierungen, die vor allem im Bereich der Transplantationsmedizin immer wichtiger werden. Nicht zuletzt spielen auch die Molekulargenetik und –biologie eine immer bedeutendere Rolle. Abseits dieser fachlichen Qualitäten sind vor allem zwei Aspekte wichtig: Team- und Kommunikationsfähigkeit. Zur Ausbildung gehört beispielsweise auch die Auseinandersetzung mit Blutspendern, da ist Kontaktfreudigkeit wichtig. Im Bereich der Laboratoriums- medizin gehört die Teamfähigkeit zum Um und Auf. Einzelakteure sind da nicht gefragt. Es ist immer eine größere Gruppe, die hier zusammenarbeitet, bei uns im Institut sind es 74 Mitarbeiter. Wer da keinen Teamgeist hat, ist hoffnungslos verloren.

Wie ist die derzeitige Ausbildungssituation in Österreich?
Schönitzer: Offiziell gibt es 35 Ausbildungsplätze. Frei ist derzeit aber nur ein Platz. Alle anderen Stellen sind besetzt und nur wenige von Auszubildenden. Auf vielen dieser Plätze „sitzen“ fertige Fachärzte, weil man diese als Systemerhalter braucht. Niemand gibt schließlich gerne einen gut ausgebildeten Facharzt her. Momentan stagniert die Situation in Bezug auf die Ausbildung leider ein wenig.

Wo sind die Chancen auf einen Ausbildungsplatz am besten?
Schönitzer: Soweit das angesichts der gegenwärtigen Situation zu sagen ist, würde ich meinen, dass die Chancen dort am besten sind, wo es die meisten Ausbildungsstellen gibt, das sind in Österreich Wien und Graz mit jeweils acht Stellen. Wir in Innsbruck haben drei Stellen. Inhaltlich glaube ich, dass Interessenten dort die beste Ausbildung erhalten, wo die gesamte Transfusionskette gelehrt wird. Das ist überall dort der Fall, wo eine Blutspendeeinrichtung mit einer klinischen Abteilung verknüpft ist, also in Innsbruck, Graz und Wien, das mit Prof. Wolfgang Mayer natürlich die Hochburg der Transfusionsmedizin ist.

Welche Zusatzausbildungen erweisen sich für das Fach als günstig?
Schönitzer: Ich fände eigentlich zwei Facharztausbildungen in Kombination ideal: den Facharzt für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin kombiniert mit jenem für medizinisch-chemische Labordiagnostik. Das wäre deshalb so wichtig, weil es zum einen in Österreich schon jetzt 183 Blutdepots gibt, die mit adäquaten Fachleuten zu besetzen wären. Zum anderen könnten damit die Labors in den Bezirkskrankenhäusern optimal besetzt werden. Derzeit wird in diesen Häusern das Labor häufig von Kollegen anderer Fachrichtungen „mitbetreut“.Dieser Zustand muss aufhören, dafür ist die doppelte Ausbildung eine ideale Voraussetzung. Eine solche Ausbildung bedeutet allerdings auch einen langen Atem, denn für den Doppelfacharzt sind neun Jahre Ausbildung notwendig. Kollegen, die das schaffen, hätten die optimalen Voraussetzungen, um in größeren Krankenanstalten das Labor und die Transfusionsmedizin gleichzeitig zu betreuen.

Wie beurteilen Sie die Chancen fertig ausgebildeter Fachärzte für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin?
Schönitzer: Bis dato haben alle, die einen Ausbildungsplatz erhalten haben, auch eine Stelle gefunden.

Was erwarten Sie sich von der Reform der Ausbildungsordnung, die noch heuer beschlossen werden soll?
Schönitzer: Unsere Fachgesellschaft hat bereits 2002 ihre Vorstellungen bei der Österreichischen Ärztekammer deponiert. Gegenüber der Ausbildungsordnung von 1994 sind die Herstellung von Stammzellen und Zellen aus peripherem Blut dazugekommen sowie die therapeutischen und präparativen Hämapharesen. Ich hoffe, dass der Text so in die neue Ausbildungsordnung übernommen wird. Teilweise wird es natürlich Überschneidungen mit der Labormedizin geben. Deshalb plädiere ich auch für eine möglichst enge Zusammenarbeit mit diesem Fachgebiet.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden, vor allem wegen des Textflusses, nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 24/2005

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