zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 14. November 2005

Der Anatom lehrt lebenslang (Folge 3)

Geduld ist, wie in allen anderen Fachrichtungen, auch in der Anatomie gefragt, denn Ausbildungsplätze sind ausgesprochen rar. Offiziell gibt es laut Ärztekammer derzeit österreichweit keine einzige freie Ausbildungsstelle.

Nur wenige Medizinstudenten entschließen sich – nicht selten bereits nach dem Sezierkurs im zweiten Studienjahr – dazu, keines der klinischen Fächer zu wählen, sondern „in die Anatomie“ zu gehen. Dies bedeutet im Idealfall den Weg vom Demonstrator als Student über den Dr. med. hin zur sechsjährigen Ausbildung.„Wir sind heute eigentlich alle Molekularbiologen“, sagt Prof. Dr. Wilhelm Firbas, Vorstand des In­stituts für Anatomie an der Medizinuniversität Wien, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. „Egal, ob sie heute Anatom sind, Histologe oder Pharmakologe – die Fächer sind in den vergangenen Jahrzehnten deutlich enger zusammengerückt.“ Dennoch hat das Fach Anatomie einen tief greifenden Veränderungsprozess durchgemacht: Von der makroskopischen Anatomie, die heute als Forschungsgebiet als „ausgebrannt“ bezeichnet wird, hin zu anatomischen Forschungsarbeiten auf molekularer Ebene. Dies bedeutet allerdings nicht, dass die makroskopische Anatomie keinen Platz mehr im Fach hat. Den hat sie sehr wohl in der Lehre, schließlich gehört die Kenntnis des menschlichen Körpers zum unabdingbaren Rüstzeug jedes Medizinstudiums – und daran wird sich auch nichts ändern.

 detail
Statistik für Österreich: Auswertungszeitpunkt Mitte Juni 2004
(Kriterium ist Ende der Ausbildung und NICHT Ausstellungsdatum).
Durch nachträgliche Ausstellung ist somit noch eine Erhöhung
der Vorjahreswerte zu erwarten.

Der Anatom als Zwitterwesen

Deshalb „sollte ein guter Anatom auch immer Lehrer sein wollen“, bringt es Firbas auf den Punkt, „und damit eigentlich ein Zwitterwesen.“ Denn neben der Lehre stehe die Forschung in der Anatomie hoch im Kurs, konzen­triert auf die molekulare Ebene. „Heute geht es darum, möglichst hochwertig zu publizieren“, betont Firbas. „Früher konnte man Stu-dien machen über irgendwelche menschlichen Varietäten und in Monographien publizieren.“ Das sei heute nicht mehr so gefragt, vielmehr gehe es darum, für die akademische Karriere möglichst viele Impactpunkte zu sammeln. Und diese erhält nur, wer in möglichst hochwertigen Zeitschriften publiziert.„Heute muss der Anatom aktuelle Forschung, Frontline-Forschung betreiben, was in unserem Fach gar nicht so leicht ist“, meint Firbas. „Es ist nicht mehr die Form, die beschrieben wird, sondern es sind die dahinter liegenden Prozesse.“ Für „versponnene, in sich zurückgezogene Forscherpersönlichkeiten“ hat die Anatomie eher keinen Platz, dazu ist die Lehre zu prominent. „Wir haben heute neben der studentischen Lehre zumindest gleich viele postpromotionelle Weiterbildungsveranstaltungen“, erläutert Firbas. Ärzte, die mit neuen Techniken konfrontiert sind, wie etwa Neurochirurgen oder Orthopäden, erproben diese am Leichenpräparat. „Das ist die neue Kompetenz der Anatomie“, stellt Firbas fest. „Wir bieten die Möglichkeit, neue Fertigkeiten zu üben und zu testen, bevor sie am lebenden Menschen eingesetzt werden.“

 detail

Chirurgie und Anatomie

Neben der Anatomie als Grundlagenfach wird also die postpromotionelle Weiterbildung in Zukunft eine immer größere Rolle spielen. „Denken Sie nur an die Chirurgie“, kommt Firbas ins Schwärmen. „Da ging es früher um eine weite Öffnung der Körperhöhlen. Heute steht die minimal-invasive Arbeit im Vordergrund. Da müssen Ärzte ganz neue Blickwinkel lernen.“ Im Gegensatz zu den klinischen Fächern beginnt die Ausbildung zum Facharzt für Anatomie eigentlich bereits mit einer Tätigkeit als Demonstrator während der Studienzeit. „Die eigentliche Facharztausbildung beginnt dann mit der Promotion und dem direkten Einstieg in die Arbeit am Institut“, erklärt Firbas. Die Ausbildung dauert sechs Jahre. Ein Jahr ist in einem klinischen Fach freier Wahl zu absolvieren. Ausbildungsplätze sind derzeit allerdings ausgesprochen rar. Laut Ärztekammerliste ist derzeit kein einziger Platz verfügbar. Ein Einstieg ist trotzdem möglich: Gelegentlich werden Stellen frei durch Berufungen, Versetzungen und Pensionierungen. „Wer sich bewährt und die Kriterien für eine Anstellung erfüllt, kann dann mit einer Dauerstelle rechnen“, so Firbas, der seit 1964 als Anatom tätig ist und für den seine Tätigkeit immer noch Herausforderungen bietet: „Ich würde mich jederzeit wieder dafür entscheiden.“

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden, vor allem wegen des Textflusses, nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 21/2005

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben