zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 18. November 2005

Das operative Rückgrat des Spitals (Folge 2)

Die Anästhesie und Intensivmedizin bietet ein breites Wirkspektrum – und sie umfasst heute weit mehr als die reine Tätigkeit als Narkosearzt. Neben dem Arbeitsbereich im Operationssaal stellt vor allem die Intensivmedizin, aber auch die Schmerztherapie die MedizinerInnen heute vor eine Fülle neuer und spannender Herausforderungen.

Für den Mediziner, der sich für eine Ausbildung zum Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin entscheidet, muss allerdings klar sein, dass „man selten der erste Mann oder die erste Frau für die Patientinnen ist“, wie es Prof. Dr. Peter Germann, Anästhesist, Intensivmediziner und bereichsleitender Oberarzt an der Universitätsklinik für Anästhesie und Allgemeine Intensivmedizin am AKH Wien, im Interview mit der ÄRZTE WOCHE beschreibt.

Warum haben Sie sich ursprünglich dafür entschieden, das Fach Anästhesiologie und Intensivmedizin zu wählen?
Germann: Ich war zuerst praktischer Arzt, habe also die Turnusausbildung absolviert und die Ausbildung zum Anästhesisten und Intensivmediziner als logische Fortsetzung der gesamtheitlichen Betrachtungsweise des Patienten gesehen. Der Praktiker sieht den ganzen Menschen und nicht nur das erkrankte Organ – das ist auch in der Anästhesie so. Außerdem wollte ich meine Tätigkeit im Spital erweitern. Als Anästhesisten sind wir eine Minderheit in der Medizinerzunft, die dies tut – den ganzen Menschen sehen. Wir haben eine interessante Tätigkeit im OP, auf der Intensivstation und in der Schmerztherapie. Und die Patienten umfassen das gesamte Spektrum: Vom Frühgeborenen bis zum Greis. Eines muss in unserer Profession aber klar sein: Der Patient kommt nicht ins Spital, weil er eine Narkose will, sondern weil er operiert werden muss.

Was begeistert Sie an Ihrem Fach?
Germann: In meinem Fall die Intensivmedizin. Das hat damit zu tun, dass der Anästhesist auf der Intensivstation eine fixe Verortung hat, ein gewisses Heimatgefühl entwickeln kann, während er in den OPs quasi „vagabundierend“ ist. In der Intensivstation kann ich den Patienten von A bis Z behandeln, zusammen mit den anderen Fachkollegen natürlich. Die Narkose ist eine andere Sache, die dauert eine Zeit, und dann ist der Patient wieder weg. Die Arbeit auf der Intensivstation ist dagegen komplexer. Wichtig ist auch, die Behandlungsdurchgängigkeit zu betonen, das heißt, dass ein Anästhesieteam den Patienten sowohl auf der Intensivstation als auch im OP betreut.

Wie gehen Sie mit der Belastung um, ständig mit schwerkranken Menschen zu tun zu haben?
Germann: Neben sehr vielen höchst erfreulichen Momenten muss man als Intensivmediziner auch dramatische und manchmal desaströse Krankheitsverläufe zur Kenntnis nehmen, trotz aller Möglichkeiten, die die moderne Medizin bietet. Dazu kommen aufwändige Gespräche mit den Angehörigen. Durch die intensive Aufarbeitung im gesamten Team, welche manchmal Tage bis Wochen dauert, ist es möglich, diese belastenden Ereignisse zu verarbeiten. Fraglos ist bei aller Involvierung in das Geschehen auch eine gewisse „gesunde“ Distanz notwendig. Jeder Intensivmediziner sollte unbedingt eine private Rückzugsmöglichkeit haben. Für mich ist das meine Familie.

Welches werden in den kommenden Jahren die großen Herausforderungen für die Anästhesiologie/Intensivmedizin sein?
Germann: Die Herausforderungen werden darin bestehen, dass wir den Beginn gewisser Krankheiten und Krankheitsverläufe noch früher erkennen werden. Das wird bereits am Unfallort anfangen oder unmittelbar bei der Einlieferung ins Krankenhaus. Zurzeit ist es leider noch so, dass wir häufig den Krankheitsverläufen, wie beispielsweise der Sepsis, hinterherlaufen und versuchen, durch die Bereitstellung einer komplexen technischen und personellen Infrastruktur den Organen eine Möglichkeit zur Selbstheilung zu geben. In der Zukunft wird es darum gehen, noch rascher, noch präziser und zielorientierter zu arbeiten. Auch das Monitoring wird besser werden.

Welche Voraussetzungen sollte ein potenzieller Anästhesist unbedingt für dieses Fachgebiet mitbringen?
Germann: Wichtig ist auf jeden Fall, dass er sich selbst nicht zu sehr in den Vordergrund stellt. Er sollte Interesse an der ganzheitlichen Betrachtung der Medizin haben und in hohem Maße stresstolerant sein. Die Anästhesie und Intensivmedizin stellt das operative Rückgrat des Spitals dar, ist also ein sehr wichtiges Fach, obwohl das vielleicht nach außen nicht immer ganz durchdringt. Es ist auch so, dass man durchaus nicht immer die Wertschätzung erhält, die man gerne hätte. Ein potenzieller Anästhesist und Intensivmediziner muss jemand sein, der in der Lage ist, diese Anforderungen zu integrieren, jemand, der sich nicht unbedingt auf einen Bereich einengen will, sondern gerne im gesamten Medizinbereich tätig ist. Und es sollte jemand sein, der eine hohe soziale Intelligenz hat und teamfähig ist.

Wie lange dauert die Ausbildung, und wie ist sie aufgebaut?
Germann: Die Ausbildung zum Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin dauert sechs Jahre, davon sind vier Jahre Ausbildung im Fach und zwei Jahre lang Gegenfächer zu absolvieren. Zu diesen gehören verpflichtend internistische und chirurgische Rotationen mit einem Jahr freier Wahl. Man kann empfehlen, z.B. ein halbes Jahr Unfallchirurgie zu machen, ein halbes Jahr Chirurgie und ein Jahr internistisch zu arbeiten, zum Beispiel in der Kardiologie.

Wie gestaltet sich die Ausbildungssituation?
Germann: Die Ausbildungsplätze werden weniger. Die Ausbildung ist ja auch kategorischer geworden. Es gibt einen genauen Rasterplan, in dem genau vorgeschrieben wird, welche Teile der Ausbildung zu machen sind und ob dieses Ziel erreicht wird. Nach Abschluss der praktischen Ausbildung muss eine Facharztprüfung abgelegt werden. Das bedeutet natürlich nicht nur für den Auszubildenden, sondern auch für die Ausbildner eine höhere Anforderung als früher. Daher wird die Zahl der Auszubildenden auch geringer. Die Krankenhäuser zielen heute immer mehr darauf, fertig ausgebildete Fachärzte anzustellen.

Wo sind die Chancen auf einen Ausbildungsplatz am besten?
Germann: Die Uniklinik bietet sicherlich das breiteste Spektrum der Facharztausbildung, da hier viele Techniken erlernt und angewendet werden und das Patientengut die gesamte Bandbreite des Faches umfasst. Ich würde daher jedem raten wollen, zumindest einen Teil der Ausbildung an einer Uniklinik zu absolvieren. Dies ermöglicht den Erwerb von Spezialkenntnissen, die einem später das gesamte Berufsleben hindurch von Nutzen sein können.

Was erwarten Sie sich von der Reform der Ausbildungsordnung, die noch heuer beschlossen werden soll?
Germann: Ich halte es für wichtig, die Ausbildungsdauer im Fach Anästhesie und Intensivmedizin nicht zu kürzen. Die Gegenfächer sind ebenfalls unbedingt notwendig, da wir die Fachwelt der anderen Kollegen gut verstehen müssen, speziell die der Chirurgen.

Wie beurteilen Sie die beruflichen Chancen fertig ausgebildeter Anästhesiogie-/IntensivmedizinerInnen?
Germann: Momentan sind die Chancen für junge Kollegen nicht so schlecht. Durch die Einführung des neuen Arbeitszeitgesetzes werden viele Spitäler neue Ärzte anstellen müssen. Dieser Trend wird für die nächste Zeit sicherlich noch anhalten und erst enden, wenn in allen Spitälern nach dem neuen Arbeitszeitgesetz gearbeitet werden kann.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 20/2005

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben