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Allgemeinmedizin 14. November 2005

"Zugang zum Studium beschränken!" (Folge 1)

Mehr als 38.000 Ärzte versorgen das Heer der heimischen Patienten. Neben der Basisversorgung durch Allgemeinmediziner bieten unzählige Spezialisten ihre Dienste an. Noch immer zu wenige oder schon zu viele? Die neue ÄRZTE WOCHE- Serie beleuchtet den Status quo – und blickt in die Zukunft.

Mit der Novelle zum Ärzteausbildungsgesetz sollen die Facharztausbildungen zukünftigen Erfordernissen angepasst werden. Im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE plädiert der Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), Dr. Reiner Brettenthaler, für eine Zugangsbeschränkung zum Medizinstudium, Verbesserungen in der Ausbildung der TurnusärztInnen und strukturierte Karrieregespräche für ÄrztInnen auf dem Weg in die Facharztausbildung. „Der wichtigste Inhalt ist die Anpassung der fachärztlichen Ausbildung an die Erfordernisse und Veränderungen der Medizin in den letzten zehn Jahren“, sagt Brettenthaler. „Es werden neue Bereiche geschaffen, wie etwa der Facharzt für Kinder- und Jugendchirurgie oder das Fach Medizinische Biologie und Genetik.“ Die Novelle ist bereits in Begutachtung gegangen, die Standesvertretung erwartet, dass sie spätestens im zweiten Halbjahr 2005 erlassen wird. 42 Sonderfächer weist die neue Liste aus (siehe Kasten). Nicht dabei der seit einiger Zeit vehement geforderte Facharzt für Allgemeinmedizin. Doch er soll kommen – und würde, alphabetisch bevorzugt, auch gleich den Spitzenplatz in der Liste einnehmen.

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Die Ausbildung zum Allgemeinmediziner ist aufgrund von Qualitätsmängeln heftig in Diskussion. Was ist da zu verbessern?
Brettenthaler: Die Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin ist eines der unerfreulichsten Kapitel der österreichischen Standespolitik. Wir waren da, trotz vieler Bemühungen, nicht erfolgreich. Die Ausbildung wird nicht systematisch durchgeführt, die Turnusärzte sind überlastet mit systemerhaltenden Maßnahmen, die mit der Ausbildung im engeren Sinne nichts zu tun haben, teilweise müssen mehr als 50 Prozent der Arbeitszeit für Computerarbeit verwendet werden. Das muss sich ändern. Die Ärztekammer will auf alle Fälle eine systematischere Ausbildung der Allgemeinmediziner haben. Leider ist das Interesse der Spitalserhalter, Allgemeinmediziner gut auszubilden, in vielen österreichischen Spitälern gleich Null.

Wird sich die Qualität der Ausbildung mit dem Facharzt für Allgemeinmedizin ändern?
Brettenthaler: Das denke ich schon, weil der Facharzt für Allgemeinmedizin durch die intensivere Ausbildung auch mehr Teil des Krankenhauses ist als während eines Turnus, wo er drei Monate auf einer Abteilung verbringt und dann wieder verschwindet. Außerdem besteht durch Visitationen der Ausbildungsstätten die Möglichkeit einer besseren Überprüfung. Auch die Durchsetzung des Turnusarzt-Tätigkeitsprofils, das wir ausgearbeitet haben, wird die Ausbildung verbessern. Das ist ein wichtiges Instrumentarium, um zu sehen, ob der Turnusarzt gemäß diesem Profil ausgebildet wird. Die Visitatoren haben die Möglichkeit, die Ausbildungsstätten danach zu evaluieren und bei Nichteinhaltung die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen.

Sind Sanktionen für jene Abteilungen vorgesehen, die sich nicht an das Ausbildungsprofil halten?
Brettenthaler: Es gibt Sanktionen. Derzeit laufen zwei Verfahren in Österreich auf Aberkennung der Ausbildungserlaubnis aufgrund von Missständen, die bei Visitationen aufgedeckt wurden.

Es ist immer wieder zu hören, dass in Österreich zu viele Ärzte ausgebildet werden. Werden bei uns arbeitslose Jungmediziner „produziert“?
Brettenthaler: Wir sind derzeit dabei, eine Bedarfsprognose für die Zeit um 2010 und die Folgejahre zu erstellen. Es gibt zu viele Ärzte, das ist überhaupt keine Frage. Die Wartezeit zwischen Studium und Turnus ist einfach zu lang, sie dauert in manchen Bundesländern noch immer zwei bis drei Jahre. Dann ist das Problem, dass die Leute nicht wissen, was sie nach dem Turnus machen sollen. Manche versuchen eben, in den Spitälern zu bleiben, Fachärzte zu werden, und die an-dere müssen weg, werden dann mangels Vertragsarztstellen halt Wahlärzte und fristen irgendwo ihr Leben damit.

Gibt es während der Turnusausbildung oder bereits während des Studiums Hilfestellungen für Studenten, um sie bei der Wahl ihres Ausbildungsfaches zu unterstützen?
Brettenthaler: Strukturierte Karrieregespräche mit Turnusärzten, wie ich sie in Schweden gesehen habe, gibt es bei uns nicht. In Österreich haben wir versucht, eine solche Unterstützung mit den Rasterzeugnissen zu bieten. Allerdings haben wir die Erfahrung gemacht, dass gelegentlich doch Rasterzeugnisse unterschrieben werden, die der Ausbildung nicht oder nur teilweise entsprechen.

Gibt es genügend Stellen für die Ärzte, die jetzt in die Facharztausbildung gehen?
Brettenthaler: Klar ist: Es kann nicht jeder das Fach absolvieren, das er oder sie sich wünscht. Die Ärzte richten sich natürlich auch nach Angebot und Nachfrage, absolvieren dann häufig ein Fach, das sie zwar interessiert, das aber nicht ihr primärer Wunsch gewesen ist.

Frauen erhalten, so eine Umfrage aus dem Vorjahr, den gewünschten Ausbildungsplatz deutlich seltener als ihre männlichen Kollegen. Worauf führen Sie das zurück?
Brettenthaler: Da steckt eine Kette von Ursachen dahinter: So sind die Abteilungsleiter in den Krankenhäusern immer noch meist Männer, ebenso wie die Mehrzahl der Assistenten, die ja auch ein entsprechendes Mitspracherecht haben. Aber das ändert sich. Es wird besser, weil auch der Frauenanteil bei den Studienanfängern und unter den Absolventen immer höher wird.

Welche Bestrebungen zeigt die Ärztekammer in der Frauenförderung? Wie sieht es beispielsweise mit Quotenregelungen aus?
Brettenthaler: Man kann niemandem was anschaffen, die Österreichische Ärztekammer schon gar nicht. Wir können keinem Chef sagen, dass er Frauenquoten einrichten soll.

Welche Herausforderungen kommen auf die medizinische Ausbildung in Österreich in den nächsten Jahren zu?
Brettenthaler: Unsere Universitäten werden Schwierigkeiten bekommen, wenn die Entscheidung des Euro-päischen Gerichtshofs kommt und der Studienzugang für EU-Bürger so frei ist wie für die Österreicher selbst. Der Ansturm von EU-Bürgern wird kaum zu bewältigen sein und sicher nicht alle Bewerber einen Ausbildungsplatz bekommen. Die Ärztekammer ist noch immer dafür, im Medizinstudium nach einem Jahr eine Eignungsprüfung zu machen. Wir sind gegen den Numerus Clausus, aber für eine bedarfsgerechte Ausbildung der Ärzte. Ich habe vorgeschlagen, ein unabhängiges Gremium damit zu befassen. Das Gremium sollte den zukünftigen Bedarf feststellen, danach sollten sich die Studentenzahlen richten.
Generell gesagt ist die Ausbildung der österreichischen Ärzte sehr gut. Auch der Turnus mit allen seinen Schwächen könnte eine gute und solide Grundausbildung bieten, wenn man sich mehr darum kümmern würde, dass diese Ausbildung strukturierter erfolgt.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen der neuen ÄRZTE WOCHE-Serie werden, unter anderem wegen des Textflusses, nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 19/2005

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