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Allgemeinmedizin 9. Februar 2016

„Medienberichte können wichtigen Beitrag leisten“

Zwischen Werther und Papageno“, Ärzte Woche Nr. 49 vom 3. 12. 2015.

Wir haben den Artikel „Zwischen Werther und Papageno“ von Sebastian Scherr und Anna Steinleitner in der Ausgabe der Ärzte Woche vom 3. Dezember 2015 mit großem Interesse gelesen und freuen uns, dass Suizidprävention durch Medienarbeit in der Ärzte Woche wieder thematisiert wird. Als Erstbeschreiber des Papageno-Effekts ist es uns aber wichtig, auf einige neue Erkenntnisse hinsichtlich dieses Effekts hinzuweisen, die im Artikel nicht vorkommen. Auch glauben wir dass einige Schlussfolgerungen, wie „dass sich Effekte die Waage hielten“ zu Missverständnissen in der Präventionsarbeit führen, was eine Replik notwendig macht. (Anmerkung: Die beanstandete Textstelle wurde redaktionell formuliert und stammt nicht von den Autoren.)

Zunächst möchten wir betonen, dass mittlerweile in zahlreichen Studien dokumentiert wurde, dass nach Veröffentlichung sensationsträchtiger Suizidberichte Suizide in der Bevölkerung ansteigen, der sogenannte „Werther-Effekt“. Die Wirkung von Medienberichten über Suizid unterscheidet sich je nach Inhalt, Fokus und Sprache des Medieninputs. Im Artikel von Scherr und Steinleitner wird noch keine klare Differenzierung hinsichtlich Unterschiede in der Wirkung unterschiedlicher Medieninputs vorgenommen. Die Autoren weisen darauf hin, dass das Wirkungsspektrum von Suizidberichten breit ist – eine Feststellung, die bereits in der wissenschaftlichen Literatur der 1990-er Jahre (z. B. bei Peter Vitouch) zu finden ist, und die in der internationalen Literatur mehrfach belegt ist. Jedoch arbeiten die Autoren nicht heraus, welche Medieninhalte am wahrscheinlichsten welchen Effekt nach sich ziehen – gerade diese Frage ist aber für die Suizidverhütung von größter Bedeutung. In der wissenschaftlichen Arbeit der vergangenen Jahre international wie auch hier am Zentrum für Public Health der MedUni Wien, wo der Papageno Effekt erstbeschrieben wurde, zeigt sich deutlich, dass Inhalte getrennt betrachtet werden müssen: Wie bei pharmakologischen Behandlungen kommt es bei Mediendarstellungen auf die Wirkungsstoffe, die spezifischen Inhalte an, wie diverse Medienberichte wirken!

Bereits in unserer ersten Untersuchung zum Papageno-Effekt konnte gezeigt werden, dass es verschiedene Arten von Berichterstattungen über Suizid in den österreichischen Tageszeitungen gibt, die sehr unterschiedlich mit Suizide assoziiert waren. Kurze und simpel gehaltene Artikel über Suizid, die mit 72 Prozent am häufigsten vorkamen, waren nicht mit Suiziden assoziiert. Nach sensationsträchtigen Artikeln, die mit ca. 19 Prozent am zweithäufigsten vorkamen, kam es hingegen zu einem Anstieg der Suizidrate (ein Hinweis auf einen eventuellen Werther-Effekt). Wurde im jeweiligen Artikel auf die Bewältigung von Suizidalität fokussiert (9 %), dann sank die Suizidrate (ein Hinweis auf einen eventuellen Papageno-Effekt). Mittlerweile konnte der Papageno-Effekt nach Berichten über Bewältigung von Krisensituationen in mehreren randomisierten kontrollierten Studien gezeigt werden. Hierbei zeigte sich, dass eine Reduktion von Suizidalität nicht auf Berichte über Bewältigung von Suizidgedanken in Zeitungen beschränkt ist, sondern dass auch die Darstellung von Krisenbewältigungen in Filmen oder auf Webseiten Risikofaktoren für Suizid bei Rezipienten senken können.

Weiters konnten wir zeigen, dass nicht nur die Medieninhalte, sondern auch individuelle Eigenschaften der MedienkonsumentInnen eine wichtige Rolle spielen: So ergab eine kürzlich am Zentrum für Public Health durchgeführte randomisierte kontrollierte Studie, dass der positive Effekt von Medieninputs bezüglich Krisenbewältigung stärker ist, wenn die Vulnerabilität der Konsumenten hinsichtlich Suizid größer ist. Auf der anderen Seite war der negative Effekt von Medieninputs, in denen Suizid als einziger Ausweg dargestellt wurde, besonders stark wenn die Konsumenten höhere Krisenanfälligkeit hatten und sich mit dem dargestellten Suizidfall identifizierten. Der Stand der Forschung hinsichtlich relevanter Einflüsse oder „Drittvariablen“ ist mittlerweile also schon etwas weiter ist als im Artikel angedeutet, wenn auch noch viele offene Forschungsfragen vorliegen.

Es uns wichtig für die Präventionsarbeit fest zu halten:

  1. Medienberichte können einen wichtigen Beitrag zur Prävention liefern. Sensationsträchtige Berichte, und Ereignisse die wiederholt berichtet werden, können weitere Suizide auslösen – der Werther Effekt. Durch Einhaltung von Medienempfehlungen zur Berichterstattung können solche Effekte erfolgreich verhütet werden, wie u. a. auch Studien aus Österreich belegen (www.bit.ly/1OOlwEa).
  2. Auf der anderen Seite kann durch Berichterstattung die primär Lösungswege aufzeigt Suizidalität verringert werden, der sogenannte Papageno Effekt.
  3. Wie bei anderen medizinischen Fragestellungen kommt es sowohl auf die Inhalte (Wirkstoffe), als auch auf die Zielgruppe an, welchen Effekt man mit hoher Wahrscheinlichkeit erzielen wird.   

 Leserbrief-Aewo-1-2

Prof. Dr. Thomas Niederkrotenthaler und Prof. Dr. Benedikt Till,
Medizinische Universität Wien,
Zentrum für Public Health,
Institut für Sozialmedizin,
Unit Suizidforschung.

Prof. Dr. Thomas Niederkrotenthaler und Prof. Dr. Benedikt Till, Ärzte Woche 1/2/2016

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