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Allgemeinmedizin 25. Jänner 2016

Wirkungen des Mikrobioms

Möglicherweise verstärkte Wirkung der Chemotherapie

Die Darmflora beeinflusst möglicherweise die Wirksamkeit von Chemotherapeutika. In einer Studie war die Gabe von Antibiotika bei Patienten mit chronisch lymphatischer Leukämie unter Chemotherapie ein signifikanter, von anderen Faktoren unabhängiger Risikofaktor für das Gesamtüberleben.

Zwei Publikationen wiesen 2013 darauf hin, dass die Darmflora, insbesondere grampositive Bakterien, möglicherweise einen wichtigen Beitrag zur Wirksamkeit von Chemotherapien mit Cyclophosphamid oder Platinsalzen leistet (Science 2013; 342: 971-6 und 967-70). Diesen tierexperimentellen Ergebnissen fügten Kölner Forscher jetzt erste Hinweise auch beim Menschen hinzu. Dazu untersuchten sie retrospektiv Daten von 800 Patienten mit chronisch lymphatischer Leukämie (CLL) der CLL8-Studie, die in der Erstlinie Fludarabine und Cyclophosphamid alleine (FC) oder zusammen mit Rituximab (FCR) erhalten hatten, sowie Patienten mit rezidivierten Lymphomen aus einer Kölner Kohorte, die mit zwei Zyklen von Dexamethason, Cytarabin und Cisplatin (DHAP) alleine oder mit Rituximab (R-DHAP) behandelt worden waren.

Antibiotika gegen grampositive Keime

Weil die tierexperimentellen Hinweise vor allem auf eine Rolle grampositiver Bakterien hinwiesen, untersuchten die Wissenschaftler den Einfluss primär auf diese Keime gerichteter Antibiotika wie Vancomycin, Teicoplanin, Linezolid und Daptomycin auf das Ansprechen und Überleben. Dabei zeigte sich bei den Patienten der CLL8-Studie, dass die Gabe solcher Antibiotika ein signifikanter, von anderen Faktoren unabhängiger Risikofaktor für das Gesamtüberleben zu sein scheint. Das Ansprechen war klar schlechter als ohne Antibiotika mit Wirkung gegen grampositive Bakterien (Komplettremission 22,9 versus 33,8 %, partielle Remission 51,4 versus 56,4 % und fehlendes Ansprechen 25,7 versus 9,8 %).

Die 3-Jahres-Überlebensrate (OS) lag bei den 755 Patienten, die keine oder nicht für grampositive Bakterien relevante Antibiotika erhalten hatten, bei 57,9 Prozent, bei den 45 mit relevanten Antibiotika behandelten Patienten dagegen bei 32,8 (p < 0,001). Der Vorteil blieb in einer Subgruppenanalyse auch bei verschiedenen CLL-Risikogruppen signifikant, zum Beispiel mit del17p-Mutation, hohem s-β2-Mikroglobulin-Wert oder weniger als sechs Therapiezyklen.

Vorläufig nur Assoziationen

Bei der Kölner Kohorte von Patienten mit rezidivierten Lymphomen schien die Assoziation von Antibiotikagabe mit Wirkung gegen grampositive Bakterien und einer ungünstigeren Prognose sogar noch stärker (3-Jahres-OS 15,8 versus 1,0 Prozent; p = 0,001). Wiederum fand sie sich auch bei unterschiedlichen Subgruppenanalysen, allerdings war die Kohorte mit insgesamt 122 Patienten für solche Analysen relativ klein. Maria J. G. T. Vehreschild von der Uniklinik Köln betont, dass es sich hier nur um Assoziationen handle, die keine Rückschlüsse auf kausale Zusammenhänge zuließen. Konsequenzen in der klinischen Praxis ergeben sich daraus erst einmal nicht, wohl aber Ansätze, die Rolle des Mikrobioms bei der Wirksamkeit der Chemotherapie beim Menschen weiter zu untersuchen.

Nach den 2013 publizierten tierexperimentellen Befunden führt die Beeinträchtigung der Mucosabarriere im Darm durch die Chemotherapie dazu, dass Bakterien von dort transloziert werden und einerseits in der Milz TH17-Zellen primen und andererseits myeloide Zellen konditionieren. Diese potenziell für die Tumorreduktion relevanten Kommunikationswege werden nach dieser Hypothese durch die Antibiotikagabe blockiert.

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