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Die Rinde des afrikanischen Yohimbe-Baums enthält den am besten untersuchten natürlichen Wirkstoff gegen Erektionsprobleme – Yohimbin.
 
Allgemeinmedizin 18. Jänner 2016

Erektionshilfen: Gefährlicher Griff in die Schatzkiste der Natur

Dosierung und Inhaltsstoffe natürlicher Erektionshilfen werden kaum kontrolliert. Dabei ist die Evidenzlage über die Wirksamkeit der meisten Inhaltsstoffe dünn. Im schlimmsten Fall kann es zum Nierenversagen kommen.

Viele Männer setzen bei Erektionsproblemen auf natürliche Mittel. Doch viele davon sorgen nicht unbedingt für mehr Zufriedenheit im Bett – sondern für teils gefährliche Nebenwirkungen.

Eigentlich sollte man denken, mit der Einführung der PDE-5-Hemmer als erste überzeugend wirksame Potenzmittel, hätte es sich mit dem Gebrauch von Nashorn- oder Tigerpenispulver erledigt. Tatsächlich konnten einige bedrohte Tierarten seit Beginn dieses Jahrhunderts etwas aufatmen. Doch aus Scham oder anderen Gründen scheuen noch immer viele Männer den Besuch beim Facharzt, wenn sie sexuelle Probleme haben. Sie greifen dann lieber zu freiverkäuflichen, oft als natürlich angepriesenen Präparaten und Nahrungsergänzungsmitteln, schreiben Urologen um Dr. Tao Cui von der Wake Forest School of Medicine in Winston Salem ( Tao Cui et al.; J Sex Med 2015, online 3. November ).

Ob sie sich damit etwas Gutes tun, ist jedoch fraglich, da Dosierung und Inhaltsstoffe solcher Präparate praktisch nicht kontrolliert werden. Es obliegt den Herstellern, dafür zu sorgen, dass die Präparate keine Verunreinigungen enthalten und sicher sind.

Sexualhormone werden beeinflusst

Doch gerade mit der Sicherheit ist es so eine Sache: Nicht wenige der freiverkäuflichen Präparate enthalten Substanzen, die Sexualhormone beeinflussen oder mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln interagieren. Ärzte sollten daher die wichtigsten Bestandteile und deren Effekte kennen, schreiben die Ärzte um Cui.

Vor allem müssen sie damit rechnen, dass solche Präparate – zumindest in den USA – auch nicht deklarierte PDE-5-Hemmer enthalten. So fand eine Analyse bei 80 Prozent der in den USA und Asien verkauften OTC-Präparate zur Potenzsteigerung Wirkstoffe dieser Substanzklasse. Bei 20 Prozent der mit PDE-5-Hemmern gepanschten Präparate lagen die Dosierungen deutlich über der zulässigen Maximaldosis.

In einer anderen Studie fanden Forscher in 70 Prozent der Produkte Sildenafil, und in einigen Fällen wurden auch nicht zugelassene PDE-5-Hemmer-Analoga wie Aminotadalafil verwendet. „Die Marktpenetration solcher gepanschter Produkte ist beträchtlich. Einer der Hersteller produziert mehr als eine Million Kapseln mit PDE-5-Hemmern pro Monat“, schreiben die US-Urologen.

Da viele dieser Präparate weltweit vertrieben werden und per Internet bestellt werden können, dürfte das Problem nicht nur die USA betreffen. Die Ärzte um Cui interessierten sich in ihrer Übersichtsarbeit aber primär für die deklarierten Inhaltsstoffe und deren Auswirkungen auf die Männergesundheit.

Zu diesem Zweck schauten sie, was die 30 am häufigsten in den USA verkauften Produkte laut Herstellerangaben enthalten und was über die Auswirkungen der Inhaltsstoffe bekannt ist. Zum Teil wurden bei den einzelnen Präparaten über 30 Inhaltsstoffe genannt.

Die wichtigsten natürlichen Potenzmittel im Überblick:

Ginseng (Panax ginseng), auch roter oder koreanischer Ginseng genannt, war mit am häufigsten anzutreffen. 13 der 30 Produkte enthielten Dosierungen von 10 bis 150 mg pro Kapsel oder Tablette. In Deutschland sind Produkte mit bis zu 500 mg Wurzelpulver erhältlich. Immerhin gibt es eine Reihe klinischer Studien mit Ginseng in Dosierungen von bis zu 2.000 mg/d. In einer Metaanalyse aus dem Jahr 2008 zeigten sich in sieben randomisiert-kontrollierten Studien positive Effekte auf die sexuelle Funktion, ähnliches war ins sechs koreanischen Studien zu beobachten.

In zwei weiteren Studien wurde eine Verbesserung auf dem International Index of Erectile Function (IIEF) um 60 Prozent beobachtet. Allerdings sei die Studienqualität in der Regel sehr schlecht gewesen. Immerhin gab es kaum Berichte über Nebenwirkungen, jedoch Befürchtungen, wonach Ginseng Hypoglykämien begünstigen könnte. Diabetiker sollten daher vorsichtig sein.

Ginseng scheint die Produktion von Stickoxid (NO) zu steigern, indem es die NO-Synthase stimuliert. Allerdings variiert die Konzentration solcher Synthase-Stimulanzien in den einzelnen Produkten sehr stark, berichten Cui und Mitarbeiter.

Der Erd-Burzeldorn (Tribulus terrestris), auch Erdsternchen genannt, wird als Tonikum verwendet und erfreut sich in der Body-Builder-Szene als Steroidersatz einer gewissen Beliebtheit. Das Kraut ließ sich ebenfalls in 13 der meistverkauften Präparate nachweisen, und zwar in Dosierungen von 100 bis 1.000 mg. Es soll die Testosteronproduktion ankurbeln.

Im Tierversuch scheint das zu klappen, bei Menschen ließen sich in Studien mit Tribulus aber weder die Testosteronwerte steigern noch die Potenz verbessern.

Nierenversagen möglich

Dagegen liegen Berichte über eine Hepatonephrotoxizität bei hohen Dosierungen vor. So werden eine Hyperbilirubinämie und Nierenversagen mit dem Konsum von Tribulus-Präparaten in Verbindung gebracht, in einem anderen Fall waren es Krampfanfälle und erhöhte Leberenzymwerte. Kein belegter Nutzen, Hinweise auf beträchtliche Nebenwirkungen – Männer sollten nach Ansicht der US-Urologen eher die Finger davon lassen.

Extrakt von Elfenblumen (Epimedium) enthält Icariin – ein Flavonglykosid mit Eigenschaften von PDE-5-Hemmern. Elf der Präparate gaben Epimedium-Bestandteile an. In Studien ließen sich damit zumindest Rattenpenisse erigieren, auch neuroprotektive und antientzündliche Eigenschaften wurden in präklinischen Untersuchungen nachgewiesen, klinische Studien fehlen jedoch völlig. Dagegen gibt es auch hier Anhaltspunkte für toxische Eigenschaften, beschrieben wurden Fälle von Tachyarrhythmie und Hypomanie.

Bestandteile von Bockshornklee (Trigonella foenum-graecum) wurden bei einem Drittel der Präparate aufgeführt. Die beliebte Futterpflanze ist auch Hauptbestandteil von vielen Currymischungen, enthält zahlreiche Aminosäuren wie Arginin und Histidin, Vitamin D und Alkaloide.

In einer placebokontrollierten Studie mit 60 gesunden Probanden berichteten die Männer in der Verumgruppe mit 600 mg/d über Vorteile beim sexuellen Arousal und bei den Orgasmen. Unerwünschte Wirkungen wurden nicht beobachtet. Für eine Empfehlung bei Sexualfunktionsstörungen sei es aber noch zu früh, berichten die US-Urologen.

Maca-Wurzeln (Lepidium meyenii) werden in Peru sowohl als Nahrungsmittel als auch zu medizinischen Zwecken verwendet. Tierversuche deuten auf eine Steigerung der Kopulationsfrequenz, einige wenige kleine klinische Studien seien jedoch nicht überzeugend, so das Team um Cui.

Immerhin scheint von den Wurzeln auch in höheren Dosierungen kaum eine Gefahr auszugehen. Neun der am häufigsten verkauften Präparate enthalten Maca-Bestandteile.

Yohimbin ist der wohl am besten untersuchte pflanzliche Wirkstoff gegen ED, wird aber nur in fünf der Präparate aufgelistet. Das Indol-Alkaloid aus der Rinde des in Afrika wachsenden Yohimbe-Baums wirkt vor allem zentralnervös, indem es alpha-adrenerge Rezeptoren blockiert und somit das sexuelle Arousal verbessert.

In einer Metaanalyse von sieben kontrollierten Studien zeigten sich deutliche Vorteile gegenüber Placebo bei ED-Patienten. Recht selten wurden Nebenwirkungen wie Schwitzen, Kopfweh, Schlaflosigkeit und Panikattacken beobachtet. Bei Patienten mit Antidepressiva oder ZNS-Stimulanzien ist Yohimbin kontraindiziert, so Cui und Mitarbeiter.

Spurenelemente enthielten 13 der 30 untersuchten Produkte, am häufigsten Zink, Magnesium und Selen. Ein Zinkmangel begünstigt offenbar einen Hypogonadismus, allerdings gibt es bislang keine Hinweise, dass eine Zinksupplementierung die Libido verbessert, schon gar nicht bei normal ernährten Männern ohne Zinkdefizit, berichten die US-Urologen.

Noch schlechter sieht es für Magnesium und Selen aus – hier gibt es nicht einmal Anhaltspunkte, wonach ein Mangel mit sexuellen Funktionsstörungen einhergeht. Selen wurde in der Urologie lediglich zur Prostatakrebsprävention geprüft.

Dünne Evidenz für Wirksamkeit

Insgesamt, so die Autoren, sei die Evidenz für eine Wirksamkeit gegen sexuelle Probleme bei den meisten Inhaltsstoffen der freiverkäuflichen Präparate recht dünn, diese seien daher nicht zu empfehlen, mit Ausnahme vielleicht von Yohimbin. Da Vergleiche mit PDE-5-Hemmern fehlten, seien pflanzliche Präparate eher nicht zur First-line-Therapie bei ED geeignet.

Für Ärzte sei es aber wichtig zu wissen, ob und welche freiverkäuflichen Präparate Männer zur Verbesserung ihrer Sexualfunktion noch zusätzlich einnehmen, wenn sie ihnen einen PDE-5-Hemmer verordnen. Schließlich könnten solche Präparate bereits die maximal zulässige PDE-5-Hemmer-Dosis überschreiten – mit entsprechenden Nebenwirkungen wäre dann zu rechnen. Das Problem wird in den USA inzwischen ernstgenommen. So haben Staatsanwälte Ermittlungen gegen den Vertrieb von falsch deklarierten Potenzmitteln eingeleitet.ÄZ

Thomas Müller, Ärzte Woche 3/2016

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