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Dr. Romualdo Ramos, Arbeitspsychologe (Zürich)

©  Gert Eggenber / picture alliance

Flüchtlinge nach der Ankunft am Klagenfurter Hauptbahnhof. Viele der freiwilligen Helfer waren Ärzte.

 

 

 

 

Literatur

Psychologie der Freiwilligenarbeit – Motivation, Gestaltung und Organisation

Theo Wehner, Stefan Güntert (Hrsg.)
Springer Verlag 2015, 291 S., Hardcover 35,97 €
ISBN 978-3-642-55294-6
eBook 26,99 €
ISBN 978-3-642-55295-3

Jedes Unwetter, jede Flüchtlingswelle zeigt, dass der Mensch sehr wohl auch seine altruistischen Seiten hat. Aber woher beziehen die freiwilligen Helfer ihre Motivation und was haben sie davon, ihre Arbeit in den Dienst anderer zu stellen? Das Buch gibt außerdem Antworten auf praktische Fragen, etwa wie man ehrenamtliche Arbeit organisiert und ob sie mittel- und langfristig nicht zu Burnout und körperlichen Zusammenbruch führt.

 

 
Allgemeinmedizin 18. Jänner 2016

Freiwillige vor!

Ehrenamtliches Engagement in Zeiten der Beschleunigung hat stressbefreiende Wirkung.

Jährlich setzen sich weltweit Millionen von Menschen freiwillig und unbezahlt für die Gesellschaft ein. Im deutschsprachigen Raum sind knapp 30 Prozent der Bevölkerung über 15 Jahre regelmäßig in einer Nonprofit-Organisation tätig. Dies kommt nicht nur der Gesellschaft im Allgemeinen zugute, auch die Freiwilligen profitieren gesundheitlich davon.

Lucia ist 46 Jahre alt und stammt aus Chile, lebt aber schon seit über 20 Jahren in der Schweiz. Sie hat in Zürich Pädagogik studiert und arbeitet seit einigen Jahren im Bildungswesen. Als alleinerziehende Mutter von zwei jugendlichen Kindern arbeitet sie nur Teilzeit. „Es ist im Bildungswesen aber üblich, dass man mit einem 70-Prozent Pensum de facto Vollzeit arbeitet“, erzählt sie. Trotz privater und beruflicher Belastung kann sie sich nicht vorstellen, ihre ehrenamtliche Stelle bei einem lokalen Rundfunk, noch ihr freiwilliges Engagement in einigen karitativen Projekten für Südamerika aufzugeben.

Vielen mag Lucia auf den ersten Blick als Einzelfall des hyperaktiven Persönlichkeitstyps erscheinen. Falsch, denn in der Regel sind Personen, die einer Freiwilligenarbeit nachgehen erwerbstätig. Statistiken in der Schweiz legen sogar dar, dass das freiwillige Engagement unter Männern mit dem Beschäftigungsgrad steigt; d. h. Vollzeiterwerbstätige tendieren im Vergleich zu Teilzeit- und Nichtbeschäftigen sogar eher dazu, Freiwilligenarbeit zu leisten. Wir reden hier von „formeller Freiwilligenarbeit“, also von regelmäßiger, unentgeltlichen Tätigkeit innerhalb einer Organisation.

„Tue Gutes und dir wird Gutes widerfahren“ sagt ein altes Sprichwort. Doch diesem stehen die geflügelten Worte Benjamin Franklins gegenüber, der nicht umsonst die bekannteste grüne Banknote der Welt ziert. Denn „Zeit ist Geld“ und diese läuft uns in der modernen Gesellschaft immer schneller davon.

Globale Beschleunigung

Dass Freiwilligenarbeit eine starke, solidarische Zivilgesellschaft fördert und zugleich eine enorme staatswirtschaftliche Entlastung darstellt, ist unbestritten. Welche Vorteile bringt es aber dem Einzelnen? Was bewegt Menschen dazu, unbezahlt zu arbeiten, und wie lässt sich Freiwilligenarbeit mit dem allgegenwärtigen Gefühl der Zeitknappheit vereinbaren?

Prof. Dr. Hartmut Rosa lehrt an der Universität Jena Soziologie und bezeichnet die moderne westliche Gesellschaft als eine in ständiger Beschleunigung. Dies wird auch an Beispielen aus dem Familien- und Berufsleben ersichtlich: Vor zweihundert Jahren wurde der Beruf innerhalb der Familie von Generation zu Generation weitervererbt. Später kamen Zeiten, in denen man den beruflichen Werdegang zwar frei wählen durfte, dann aber fast immer lebenslang und zumeist beim selben Arbeitgeber blieb. Heute wechselt der „Jobhopper“ das Beschäftigungsverhältnis alle paar Jahre und selbst der Umstieg auf völlig neue Karrierewege ist keineswegs selten. Diese Beschleunigung ist auch auf anderen Ebenen beobachtbar: Wir essen schneller, wir schlafen weniger und obwohl das Briefeschreiben dank der Technologie ein zeitsparender Prozess geworden ist, sind wir täglich mit einer Flut von E-Mails konfrontiert. Egal, ob wir von einer Stunde, einem Jahr oder einer Lebensspanne sprechen, in der modernen Gesellschaft steigt die Zahl an Handlungen und Erlebnissen pro Zeiteinheit rasant an. Neben der kulturellen Antriebskraft („You Only Live Once – Man lebt nur einmal“ heißt das Motto der Generation Y) wird die Beschleunigung auch durch das Wettbewerbsprinzip der Moderne vorangetrieben, so Rosa. Die Folgen zeichnen sich immer deutlicher ab: Es gibt keine sicheren Berufsnischen mehr und der Kampf um Anerkennung wird bei zeitgleicher Vernachlässigung der Sinngenerierung im Beruf tagtäglich geführt. Dies spiegelt sich wiederum in pathologischen Symptomen wie Burnout und Depressionen wider, welche im letzten Jahrzehnt den Epidemie-Status erreicht haben.

Freiwilliges Engagement als Entschleunigungsoase

Die Chilenin Lucia stellt heiter fest: „Ich sehe meine Nebentätigkeiten als Ausgleich zu meinem Beruf.“ Der Grund liegt nahe: Es handelt sich um eine meist selbstbestimmte Tätigkeit, die keine Existenzsicherung anstrebt. Der Mensch ist vom fremdbestimmten Leistungskorsett der Erwerbsarbeit befreit und agiert somit autonom. Eine Autonomie, die über die Form des Handelns hinausgeht (Wie verrichte ich meine Arbeit?) und eine freiere Inhaltsgestaltung erlaubt (Womit beschäftige ich mich?). Die oft versprochene Autonomie der Moderne, die in der vom Wettbewerb bestimmten Arbeitswelt bei schwindelerregendem Tempo oft verloren geht.

In diesem Zusammenhang mag die Freiwilligenarbeit eine Art Entschleunigungsoase darstellen. Gewiss wäre es irreführend zu behaupten, dass der Wettbewerb gar keine Rolle im Nonprofit-Bereich spielt. Schließlich kämpfen viele Organisationen täglich ums Überleben. Für das Individuum ist diese Tätigkeit aber kaum mit Existenzsicherung verbunden, sondern vielmehr mit einer Sinngenerierung. Das Sinnerleben ist ein ausschlaggebender Motor der Freiwilligkeit.

Wenn man diese Argumentation verfolgt, liegen die gesundheitsförderlichen Merkmale der Freiwilligenarbeit auf der Hand. Die Forschungsergebnisse sind in dieser Hinsicht sehr breit und bunt. Im Gegensatz zu Menschen, die keiner Freiwilligenarbeit nachgehen, sind freiwillig Engagierte laut Untersuchungen weniger anfällig für Depressionen und leiden seltener unter Stress- und Burnoutsymptomen. Sie besitzen zudem bessere Blutdruckwerte und haben weniger Spitalsaufenthalte. Ganz allgemein weisen freiwillig Tätige meist ein gesundheitsbewusstes Verhalten und eine höhere Lebenserwartung auf.

In einer unserer Studien wurden 800 Erwerbstätige aller Alters- und Beschäftigungsgruppen befragt, von denen ein Drittel Freiwillige in einem Verein oder einer Organisation waren. Trotz des zusätzlichen Zeitaufwands, berichtete diese Subgruppe von einer besseren Work-Life-Balance im Vergleich zu jenen, die keine Freiwilligenarbeit leisteten.

Relativität der Zeit

Studien aus den USA (Mogilner et al, 2012) zeigen, dass dieses Hilfsverhalten unsere Zeitwahrnehmung positiv verzerrt. Probanden in einer experimentellen Gruppe, die anderen Menschen in ihrer Freizeit geholfen haben (z. B. Pflege älterer Personen, Betreuung von Jugendlichen in schwierigen Lebenssituationen) berichteten darüber, im Allgemeinen mehr Zeit verfügbar zu haben als Probanden in den Kontrollgruppen. Diese Daten stellen die verbreitete Annahme, dass mehr arbeitsfreie Zeit eine bessere Balance von Arbeits- und Privatleben ermöglichen würde, auf den Kopf. Denn es geht nicht um die Quantität, sondern um die Qualität der arbeitsfreien Zeit. Wenn man Spaß an einer Tätigkeit hat, Sinn erlebt und die eigenen Kompetenzen erfolgreich einsetzt, kann auch unbezahlte Arbeit der Ausgleich zur Erwerbstätigkeit sein. Wie Prof. Cassie Mogilner, University of Pennsylvania, in einem Artikel kurz und prägnant postuliert: Zeit zu geben, gibt uns Zeit.

Dabei ist allerdings wichtig, dass die Motivation dahinter aufrichtig ist: Wenn Menschen Freiwilligenarbeit leisten um dem sozialen Druck gerecht zu werden, oder um ihre Karrierechancen zu steigern, also aus fremdbestimmten Motiven heraus, dann flachen sich die positiven Auswirkungen auf die Gesundheit deutlich ab, denn das selbstbestimmte Agieren ist hierbei der Schlüssel.

Freiwilligenarbeit: Eine Tätigkeit der Elite?

Einem wissenschaftlich geübten Auge wird die Frage der Kausalität sofort auffallen. Neben den vielen Querschnittsdaten, existieren mittlerweile viele Längsschnitt- und Tagebuchstudien, die eine kausale Aussage ermöglichen: Freiwilligenarbeit kann als psychosoziale Ressource fungieren und dadurch gesundheitsfördernd wirken. Kann es aber auch umgekehrt sein? Sind es gerade gesunde Leute, die dazu neigen, Freiwilligenarbeit zu leisten? Die Empirie und die Statistiken belegen ein klares Ja. Dies stellt aber keinen Widerspruch dar, denn Menschen die über diese psychosozialen Ressourcen nicht verfügen, könnten sie durch die Freiwilligenarbeit kompensieren. Dabei ist die WHO-Definition zu beachten, die Gesundheit nicht nur als das Fehlen von Krankheit und Gebrechen definiert, sondern als Zustand des vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens.

Freiwilligenarbeit und Integration

In vielerlei Hinsicht vertritt Lucia die typische Freiwillige: erwerbstätig, zwischen 35 und 50 Jahre alt, gut ausgebildet und vernetzt – gute Voraussetzungen für die soziale Gesundheit. Dass sie aber aus Chile kommt, macht sie eher zu einer Ausnahme in der Freiwilligenlandschaft. Statistiken belegen, dass die Partizipation bei Migranten niedriger ist.

Das Gleiche gilt für Invalidenrentner, Arbeitslose und – obwohl die Freiwilligkeitsforschung sich vor allem mit ihnen auseinandergesetzt hat – Menschen im Rentenalter. Die Hürden für diese Gruppen sind oft unausgesprochen und sowohl bei den Individuen als auch bei den strukturellen Bedingungen zu verorten. Es liegt aber nahe, dass gerade diese Gruppen am stärksten von den gesundheitsförderlichen Effekten der Freiwilligenarbeit profitieren könnten. Für sie steht weniger Kompensation und Ausgleich zum Berufsleben im Vordergrund, sondern die Ausübung einer sinnstiftenden Tätigkeit die Ihnen die (Wieder-)Eingliederung ins gesellschaftliche Leben ermöglicht. In dieser Konstellation stellt sich die Frage, ob dieser implizite Selektionsprozess beseitigt werden kann, und ob der Nonprofit Bereich stärkere Integrationsbemühungen anstreben soll. Im Dialog mit NPOs und mit den unterrepräsentierten Gruppen kann man feststellen: die Bereitschaft ist beiderseitig da, es müssen nur Strategien entwickelt werden, um die damit verbundenen Herausforderungen zu bewältigen.

Auch Lucia beginnt langsam an ihren Ruhestand zu denken. „Ich schätze mich eigentlich glücklich mit meinem Beruf; ich fühle mich erfüllt. Das ist heutzutage nicht selbstverständlich. Aber ich freue mich auch auf den Tag, an dem ich aufhöre, eine Leistungsmaschine zu sein, und tun kann, was mir am Herzen liegt. Und so wie ich mich kenne, wird das etwas Karitatives sein“. Die kalten Winter ihres Lebensabends will sie auf Kuba verbringen. „Ich habe dort Familie und bin mir sicher, dass ich auch im Alter dort noch nützlich sein kann.“

Und wenn sie nicht freiwillig am Arbeiten ist, dann hat sie dort auch die Sonne und das Meer direkt vor der Haustür, eine ganz buchstäbliche Form einer Entschleunigungsoase.

Dr. Romualdo Ramos ist Arbeitspsychologe in Zürich und war bis vor Kurzem am Department für Management, Technologie und Ökonomie der ETH Zürich, sowie am Institut für Epidemiologie, Biostatistik & Prävention der Universität Zürich tätig.

Dr. Romualdo Ramo, Ärzte Woche 3/2016

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