zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 13. Jänner 2016

Mein Körper weiß es schon

Dr. Kimmel und der Sinn der Improvisation: Wie ist es möglich, im richtigen Moment den richtigen Schritt zu setzen?

Michael Kimmel von der Universität Wien untersucht, wie Interaktion und Improvisation funktionieren. Der Kognitionswissenschafter möchte mehr über die komplexen Mechanismen des Zusammenspiels von Körper und Kompetenz herausfinden.

Eins, zwei, Wiegeschritt. Und nun? Valentino? Oder doch Ganchos (Kicks)? Oder einfach eine Linksdrehung? Der Mann soll führen. Zögert er im falschen Moment wird aus dem fließenden, weichen Tango Argentino, der für Leidenschaft und Sinnlichkeit, für Zweisamkeit und ausdrucksvolle Improvisation steht, ein peinliches Gestolper. Erstaunlich oft gelingt es selbst Anfängern die richtigen Schrittfolgen zu finden.

Beim Tango geht es um Führen und Folgen, um das Spüren und um Körperbewusstsein. Doch was genau passiert im Körper bei dieser Art der Interaktion und wie funktioniert es? Wie ist es beispielsweise möglich, im richtigen Moment improvisatorisch den richtigen Schritt zu setzen und folglich eine gute Entscheidung zu treffen?

Diesen Fragen stellt sich der Kognitionswissenschafter Michael Kimmel. Mit Unterstützung des Wissenschaftsfonds FWF entwirft er mit der Methode der empirischen Phänomenologie eine Theorie von Fertigkeiten zur Interaktion und Improvisation und leistet damit Pionierarbeit für die Grundlagenforschung. Konkret untersucht Kimmel die Fähigkeiten der Interaktion von Experten ebenso wie Lernenden in den Disziplinen Tango Argentino und Contact Improvisation, in Aikido, Shiatsu und Feldenkrais. Denn in Paartanz, Kampfsport und in der Körperarbeit treffen die Anforderungen des kontinuierlichen Kontakts und der Mikrokoordination mit Anforderungen des Improvisierens zusammen. Das sind wichtige Aspekte für das Zusammenspiel von Körper und kognitiver Kompetenz. Kimmels Untersuchungen sind u. a. in den Springer Tracts in Advanced Robotics erschienen ( http://bit.ly/1JrlNul ).

Nachschau im Hirnscanner

Seit einigen Jahren wächst dementsprechend auch das Forschungsinteresse an dieser Art der zwischenmenschlichen Koordination. Im Hirnscanner kann etwa beobachtet werden, wie sich Gehirne synchronisieren, während sie interagieren. Wissen über Interaktion wird unter anderem in der Mensch-Computer-Beziehung eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Im beruflichen Kontext nimmt es bereits heute einen großen Stellenwert ein, wenn es zum Beispiel um Situationsbewusstsein in herausfordernden Tätigkeiten wie bei der Katastrophenhilfe oder in der Chirurgie geht. Doch Messungen alleine reichen nicht aus, um solche hochkomplexen Vorgänge zu beschreiben. „Es gibt bis heute wenige subjektive Zugänge“, erklärt der Kognitionslinguist Kimmel, „aber das Interesse für sozialwissenschaftliche Methoden in der Kognitionswissenschaft wächst.“

Laut gedacht

Um den vielschichtigen Mechanismen impliziten Wissens auf die Spur zu kommen, hat Kimmel ein Team von Forschern zusammengestellt. Dabei legte das Team einen Fokus auf aktives Spüren des eigenen und anderen Körpers, auf situativ angepasste Handlungsstrategien in Echtzeit und die für beides nötige Selbststrukturierung. In Interviews und mit Methoden des „Laut-Denkens“ haben sie ganz gezielt erhoben, was die Personen im Körper spüren, wo sie es spüren, wie sowohl die Selbst- als auch Außenwahrnehmung ist und was an Folgehandlungen geplant wird, beziehungsweise welche Optionen wahrgenommen werden. „Wir haben die Erfahrung der Personen in ‚mikrogenetische‘ Stückchen zerkleinert. Die Herausforderung dabei ist, Fragen zu formulieren, die uns etwas über das körperliche Wissen sagen und wobei man nicht ins Denken kommt, sondern gezielt in sich hinein fühlt“, erklärt Kimmel. Dabei würden sich Strukturen des impliziten Wissens offenbaren, die bei Experten „im Körper verschwunden“ sind. „Wir gehen davon aus, dass es kognitive Grundlagen dieser halb- oder unterbewussten Strukturen gibt. Diesen Baukasten an Basisfertigkeiten wollen wir hervorholen und beschreiben.“

Fundamental für Reaktionen in Echtzeit, wie auch für flüssiges Handeln – und damit für soziales Verhalten –, seien eine geschulte Aufmerksamkeit und sogenannte Mechanismen der „schlauen Wahrnehmung“, erklärt Kimmel. Letzteres bedeutet die Fähigkeit zu besitzen, sehr rasch, auf einen Blick, oder durch ein kurzes Greifen, die Logik einer Disziplin zu erfassen.

Zudem würde ein Repertoire an Techniken wie zum Beispiel Schritte, Rotationen oder Griffe das Material bilden, aus dem sich improvisiertes Handeln speist, so die Ergebnisse des Forschungsprojekts. Und wie in jeder komplexen Körperfertigkeit beeinflusst auch die Präsenz einer Person ihr Gegenüber.

Faktoren für eine gelungene Interaktion sind daher auch das „Vorkalibrieren“ von Blick, Haltung oder Muskelspannung. „Personen, die sich um ihren Part kümmern, zum Beispiel durch eine gute Aufrichtung, beeinflussen unmittelbar auch ihr Gegenüber positiv, seine Handlungsbereitschaft und die Kommunikation insgesamt“, meint Kimmel.

Neben der Entschlüsselung des Körperwissens liefert das Forschungsprojekt einen zusätzlichen Nutzen. So lassen sich die Frage-Methoden, bei denen sich die Forscher der Imagination bedienen, auch auf andere Bereiche übertragen, wie den Wissenstransfer bei sportlichen, handwerklichen oder therapeutischen Fertigkeiten. Denn Wissen wird in vielen Bereichen nicht explizit weiter- gegeben.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben