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© Armin Weigel/dpa
Ein Arzt untersucht im Juli 2015 in einem Notquartier in Passau einen Flüchtling.
© Tobias Hase/dpa

Flüchtlinge gehen über einen Bahnsteig auf dem Bahnhof in Passau. Sie mussten den Zug verlassen, um sich registrieren zu lassen.

 
Allgemeinmedizin 7. Dezember 2015

Die Rolle des Hausarztes in der Versorgung von Flüchtlingen

Expertenbericht: Der praktische Arzt bietet Migranten und Flüchtlingen einen verlässlichen niederschwelligen Zugang zu einer hochwertigen und dabei kostengünstigen Akut- und Langzeit-Versorgung.

Die gesellschaftliche privilegierte Hausarztrolle bietet Möglichkeiten zur Unterstützung von Flüchtlingen. Denn ärztliche Gutachten, Atteste und Befundberichte spielen für die Gewährung von Sozialversicherungsschutz oder Asyl oft eine entscheidende Rolle. Das hausärztliche Case-Management von Flüchtlingen umfasst daher auch zahlreiche Kontaktnahmen zu und Zusammenarbeit mit karitativen Organisationen, Dolmetschern, Psychotherapeuten, Spitälern, Rechtsanwälten oder Ämtern.

Als praktischer Arzt in dritter Generation habe ich schon in meiner Kindheit in Hannover von 1950 bis 1959 oft von Flüchtlingen, Vertriebenen, gehört und sie als Patienten meines Vaters kennengelernt. Mein Vater beklagte, sie seien nicht willkommen und auf ihrer Flucht regelmäßig von Bauern übervorteilt worden, mussten kostbaren Schmuck gegen Brot tauschen.

Sie litten ganz besonders unter dem Verlust ihrer Stellung, ihrer Heimat, ihrer Güter, ihrer Familienangehörigen, ihren Freunden und ihren Nachbarn. Viele waren auch im Krieg verletzt worden und litten unter dem Schock. Sie sollten bei der Zuteilung von Arbeit und Wohnung bevorzugt werden, da ihnen Beschäftigung die Linderung ihrer Qualen verspräche. Sie bräuchten die Arbeit viel nötiger, als die Einheimischen, die das Glück hatten, ihre Besitztümer durch den Krieg zu retten. Das waren damals durchaus gängige Ansichten.

Betreuung von Gastarbeitern

Später, in den Sechziger- und Siebzigerjahren in West-Berlin zeichnete sich mein Vater durch seine hausärztliche Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen aus vielen Ländern sowie gegenüber sehr vielen jugoslawischen und türkischen Gastarbeitern aus.

Wegen meiner Begeisterung für die psychosomatische Medizin kam ich 1973 für zunächst zwei Semester Medizin nach Wien, lernte Prof. Erwin Ringel und seine zahlreichen Mitarbeiter kennen, blieb und beendete mein Studium an der Universität Wien. 1985 konnte ich im neunten Wiener Gemeindebezirk als praktischer Arzt meine Praxis mit allen Kassen eröffnen, die ich kürzlich an meinen Nachfolger übergeben habe. Meine Patienten haben mich sofort als „guten alten Hausarzt“ akzeptiert. Diese in vielen Ländern der Welt tradierte soziale Rolle des Arztes ist für alle Beteiligten außerordentlich hilfreich, denn sie unterstützt die Vertrauensbildung und erleichtert den Zugang zu ärztlicher Hilfe. Und sie hat sich als ausbaufähig erwiesen: Die Hausärzte haben als Erste die psychosozialen und psychosomatischen Fortbildungscurricula besucht, und viele sind sogar Psychotherapeuten geworden.

Meine ersten Patienten kamen aus der unmittelbaren Nachbarschaft, auch Gastarbeiter aus Jugoslawien, darunter auch eine Roma-Familie. Sie hatten nie das Geld für den Erwerb der Staatsbürgerschaft und sind bis heute mit Kindern und Enkelkindern serbische Staatsbürger. Diese Familie habe ich jahrzehntelang hausärztlich betreut, und es war hin und wieder auch notwendig, den Wiener Bürgermeister Dr. Michale Häupl zu bitten, nach dem Rechten zu sehen, wenn sie in die Mühlen der Bürokratie gerieten. Es waren die hausärztlichen Interventionen in einem sozialpolitischen Kontext, die zweimal drohende Wohnungslosigkeit, Kindesabnahme durch das Jugendamt oder die Reise nach Belgrad zum Visaantrag für das Enkelkind abgewendet haben.

Die ersten Asylwerber, die ich in meiner Ordination kennenlernte, kamen aus dem Iran und aus dem Irak, Verfolgte und Folteropfer der schiitischen Islamisten im Iran und der Schergen des irakischen Regimes. Die gegenwärtige Massenflucht aus Syrien erinnert mich sehr stark an die Massenflucht der Kurden vor Saddam Husseins Mördertruppen 1991. Damals wurden in Europa, insbesondere in Deutschland sehr viele kurdische Flüchtlinge aufgenommen. Im Mai 1991 begann der österreichische Auslandseinsatz UNAFHIR (United Nations Austrian Field Hospital in Iran) im Rahmen der „Kurdenhilfe“.

Aktion: „Kurden in Not“

Das Österreichische Bundesheer mit seinem Sanitätsdienst hatte im Iran ein Feldspital zur Betreuung der nach dem zweiten Golfkrieg aus dem angrenzenden Irak geflohenen Kurden aufgestellt und betreute es mehrere Monate. Die Österreichischen Soldaten waren unbewaffnet – das war die Bedingung der iranischen Regierung – und retteten tausende kurdische Frauen und Kinder.

Die Aktion „Kurden in Not“ setzte sich 1992 in der ungewöhnlich großzügigen Aktion „Nachbar in Not“ fort, da es zu einer ebenfalls kriegsbedingten Massenflucht aus Bosnien kam. Weil damals behauptet wurde, das Österreich sei rechtlich nicht verpflichtet, die Kriegsflüchtlinge aufzunehmen, waren die Grenzen drei Tage lang dicht.

Doch angesichts der sich anbahnenden humanitären Katastrophe nahm Österreich hunderttausend Flüchtlinge auf, davon achtzigtausend allein in Wien, was durch die gute Zusammenarbeit des damaligen Wiener Bürgermeisters mit der Caritas, dem Evangelischen Flüchtlingsdienst und der Ärztekammer für Wien problemlos möglich war.

Die Hilfsbereitschaft der Österreicher, der Beamtenschaft und der Ärzte war einmalig groß. Die Wiener Hausärzte übernahmen die ärztliche Versorgung der Flüchtlingslager. Der damalige Bezirksärztevertreter, Dr. Richard Nitsch-Fitz, fragte mich , ob ich bereit wäre, die ärztliche Betreuung von circa 150 bosnischen Flüchtlingen in den leer stehenden Stationen der ehemaligen 2. Med. Klinik in der Garnisongasse zu übernehmen, und auf diese Weise betrat ich ein neues Feld meiner psychosomatisch orientierten Hausarzttätigkeit und habe mir durch die gemeinsame Betreuung traumatisierter Patienten mit Prof. Alexander Friedmann und Prof. Thomas Wenzel von der Flüchtlingsambulanz der Psychiatrischen Universitätsklinik auch das theoretische Rüstzeug der Belastungsstörungen bis hin zu Posttraumatischen-Belastungsstörungen erworben.

Seit 1992 habe ich einige Flüchtlingswellen miterlebt und zahlreiche Flüchtlinge aus dem Iran, Irak, Türkei, Afghanistan, Tschetschenien und Georgien ärztlich behandelt, oftmals in Kooperation mit Spezialisten im AKH, insbesondere mit der Psychiatrischen Klinik. So haben zahlreiche praktische Ärzte enorme Leistungen erbracht, um Flüchtlingen die adäquate medizinische Versorgung zu gewähren, auf die sie nicht zuletzt ein Anrecht haben.

Bedeutung der Ärzte

Bei aller Verschiedenheit der Menschen sind sie doch – gerade im Hinblick auf ihre ärztliche Betreuung – absolut gleichberechtigt. Und alle wollen auch die beste ärztliche Betreuung, auch strenggläubige Musliminnen wollen z. B. die ärztliche Auskultation ihrer Lunge bei Husten. Freundlichkeit und Höflichkeit ist Grundbedingung.

Sehr wichtig ist eine gute ärztliche Dokumentation bis hin zur Dokumentation von Spuren der Folter und der Gewalt entsprechend dem Istanbul Protokoll. Ärztliche Gutachten, Atteste und Befundberichte haben für die Gewährung von Sozialversicherungsschutz, Asyl und anderer Aufenthaltstitel ganz entscheidende Bedeutung.

Das hausärztliche Case-Management von Flüchtlingen umfasst auch zahlreiche Kontaktnahmen zu und Zusammenarbeit mit karitativen Organisationen und Betreuungspersonen, Dolmetschern, Psychotherapeuten, Psychiatern, anderen Fachärzten, Spitälern, Rechtsanwälten, Ämtern und Amtsärzten: Ich habe auch einige meiner Georgischen Patienten in Schubhaft in den Wiener Polizeianhaltezentren besucht, in Gegenwart von Amtsärzten ärztlich untersucht, nachdem ihr Dolmetscher und Betreuer, mir über ihren schlechten Zustand berichtet und im Namen der Patienten darum gebeten hatte. Dies führte zu Haftentlassungen meiner Patienten aufgrund ihrer Haftuntauglichkeit.

Einmal verhinderte mein Fax an die Innenministerin in letzter Minute die Abschiebung eines Dialysepatienten am Tag seiner geplanten Spitalsaufnahme zur Nierentransplantation. So konnte sein Leben gerettet werden.

Vertrauen herstellen

Diese Beispiele aus meiner Praxis zeigen die tatsächlich vorhandenen Möglichkeiten zur Unterstützung der Patienten, aufgrund der gesellschaftlich privilegierten Hausarztrolle, vergleichbar mit dem Ombudsmann.

Der praktische Arzt bietet der ganzen Bevölkerung und insbesondere den Migranten und Flüchtlingen einen verlässlichen niederschwelligen Zugang zu einer hochwertigen und dabei kostengünstigen allgemeinmedizinischen Akut- und Langzeit-Versorgung. Es ist dabei vielleicht die wichtigste ärztliche Aufgabe, eine gute vertrauensvolle Gesprächsbasis zu schaffen – durch Empathie, Gründlichkeit in Diagnose und Therapie, durch viel Information im Sinne von Aufklärungsgesprächen.

Dabei haben sich ressourcenorientierte Behandlungsstrategien und psychotherapeutische Kurzinterventionen mit dem Ziel der Wiederherstellung des Selbstwertgefühls, wie das „Doppeln“ aus der Psychodramatherapie oder die „positive Konnotation“ aus der systemischen Familientherapie sehr bewährt. Dadurch wird die Allgemeinpraxis zu einem Ort der psychosozialen Versorgung, der Rehabilitation von Flüchtlingen und ihrer gesellschaftlichen Integration.

MR Dr. Hans-Joachim Fuchs ist Arzt für Allgemeinmedizin, Arbeitsmedizin, psychosoziale Medizin und Psychosomatische Medizin in Wien.

Hans-Joachim Fuchs, Ärzte Woche 50/2015

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