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© W. Fiala
Dr. Walter Fiala Arzt für Allgemeinmedizin und Kongresssekretär
 
Allgemeinmedizin 26. Oktober 2015

„Die Medizin ist ein weites Feld“

Ein Kongress, ein Motto: „Der Mensch zwischen Naturwissenschaft und Heilkunst“.

Vertreter der Schulmedizin und Komplementärmedizin scheuen sich nach wie vor nicht, auch die abgedroschensten Vorwürfe aus der untersten Schublade zu holen, um sie sich gegenseitig auf den Kopf zu werfen. Schafft es die Steirische Akademie für Allgemeinmedizin, Frieden zu stiften? Präsidiumsmitglied Walter Fiala wünscht sich im Interview ein „friedvolles Miteinander zum Wohle der Patienten“.

Zu den wichtigsten Ereignissen im Jahr zählt für den praktischen Arzt der Kongress für Allgemeinmedizin, der regelmäßig in Graz von der Steirischen Akademie für Allgemeinmedizin (Stafam) organisiert wird. In den vergangenen zwei Jahren wanderte man thematisch zwischen den Polen, also vom älteren zum jungen Patient. Heuer spielt erneut ein Gegensatz eine Rolle, denn die Veranstalter suchten sich ein Thema aus, in dem oft unversöhnliche Standpunkte eingenommen werden. Das muss nicht sein, sagt Cheforganisator Dr. Walter Fiala im Gespräch mit der Ärzte Woche.

 

„Der Mensch zwischen Naturwissenschaft und Heilkunst“. Das impliziert einen Konflikt. Gibt es den zwischen Heil-Kunst und hehrer Wissenschaft?

Fiala: Dieser Konflikt besteht sicher, aber geht einseitig von der „ Schulmedizin“ oder wissenschaftlichen Medizin aus. So hat sich eine Initiative für Wissenschaftliche Medizin gegründet, die fordert, dass ausschließlich „wissenschaftlich erprobte Methoden“ durchgeführt werden dürfen. Zahlreiche Mitglieder dieses Vereins haben zumeist einen theoretischen Hintergrund, also Labormediziner, Röntgenologen, emeritierte Professoren und Primarii sowie Naturwissenschaftler. Alles Menschen, die noch nie einen Menschen unter den Gegebenheiten einer Allgemeinpraxis gesehen haben. Eine Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften, die GWUP, verlieh der Österreichischen Ärztekammer 2012 den Preis: „Das Goldene Brett vorm Kopf“, da die Kammer „Para-oder Scheinwissenschaften mit einem ÖÄK-Diplom für komplementäre Medizin unterstützt“. Die Initiatoren forderten von den Standesvertretern Kurse für Scheinmedizin einzustellen. Zu den derart kritisierten Diplomen zählen Akupunktur, Anthroposophische Medizin, Applied Kinesiologie, begleitende Krebsbehandlungen, Chinesische Diagnostik und Arzneimitteltherapie, Diagnostik und Therapie nach F.X. Mayr, Homöopathie, Kneippmedizin, Komplementärverfahren in der Zahnheilkunde, Manuelle Medizin, Neuraltherapie, Orthomolekulare Medizin sowie Phytotherapie. Ich selbst war als jahrelanger Referent für komplementäre Medizin der ÖÄK an der Einführung einiger Diplome beteiligt. Sie wurden geschaffen, um die Zulassung von Heilpraktikern in Österreich zu verhindern, die damals vehement von der Kammer für freie Berufe gefordert wurden. Diese Diplome garantieren eine genormte Ausbildung von etwa sechs Wochen und dass komplementärmedizinische Methoden auf der Basis schulmedizinischen Wissens durchgeführt werden.

Wenn trotzdem jemand eine enge Grenze einfordern würde, auf welcher Seite würden Sie stehen?

Fiala: Sicher auf der Seite der Komplementärmediziner, welche die Schulmedizin als Basis ihres Tuns betrachten. Die Medizin ist ein unendlich weites Feld und besteht nicht nur aus Naturwissenschaft.

Wie universell gilt der Satz „Wer heilt, hat Recht“?

Fiala: Das ist nicht zu beantworten. Sicherlich hat jener Recht, der mit seiner Methode eine Heilung erzielt. Das gilt für den Einzelfall, kann aber nicht dann auf alle Erkrankten angewendet werden. Selbst die EBM erzielt unter wissenschaftlich kontrollierten Bedingungen nur eine überzufällige Zahl von Besserungen oder Heilungen.

Bewegt man sich in der Alternativ- und Komplementärzone nicht einem juristischen Graubereich?

Fiala: Nicht, wenn man alle Methoden der Schulmedizin in Betracht gezogen hat und aufgrund dessen ein abwendbar gefährlichen Verlauf ausgeschlossen werden konnte.

Die Komplementärmedizin ist „natürlich“ und „ganzheitlich“. Was heißt das in der täglichen Praxis konkret?

Fiala: „Natürlich“ heißt mit Stoffen aus der Natur zu arbeiten, wobei aber diese Stoffe verändert werden, also nicht mehr ganz so natürlich sind, wie etwa Phytopharmaka, Homöopathika und Ähnliches. Auch der Stich mit einer Akupunkturnadel ist nicht natürlich. „Ganzheitlich“ heißt, im Patienten nicht nur die Hypertonie oder das schmerzende Kreuz zu sehen, sondern als ganzen Menschen mit seinem Umfeld. Es gilt auch, an alle Heilverfahren zu denken und sie auszuschöpfen. Wenn man bei der Behandlung einer Migräne nicht Akupunktur oder Homöopathie in Betracht zieht, hat man zwei wertvolle Therapieoptionen verschenkt, die imstande sind, die Schmerzen auf Dauer zu heilen. Kostengünstig sind die meisten komplementärmedizinischen Methoden.

Kann etwas wirken und keine Nebenwirkungen haben?

Fiala: Paracelsus sagte, dass alles Medizin oder Gift sei, es käme nur auf die Dosis an. Alle Methoden können Nebenwirkungen haben, nur dass diese bei den komplementärmedizinischen sehr gering sind.

Welche Rolle spielt die Alternativmedizin in Zeiten der Ökonomisierung der Gesundheitslandschaft?

Fiala: Wie ich unermüdlich betone, gibt es keine Alternativmedizin. Auch wenn jemand ausschließlich homöopathisch behandelt, tut er dies, in Kenntnis und Abwägung aller schulmedizinischen Optionen. Billiger ist diese Medizin wahrscheinlich nicht, denn sie ist zeitaufwändig. Allerdings können komplementärmedizinische Methoden manchmal Krankheiten ausheilen und nicht nur behandeln.

Warum gibt es keine EBM-Untersuchungen für die komplementäre Medizin?

Fiala: EBM benötigt möglichst ähnliche Patienten in Reihenbeobachtung, randomisiert, prospektiv und doppelblind untersucht. Das ist besonders bei älteren Patienten eingeschränkt, da diese infolge von Multimorbidität und Polypharmazie keine aussagekräftigen Daten auf Basis der EBM liefern. Komplementärmediziner können in der Regel keine Reihenuntersuchungen anstellen, da sie personotrop behandeln, das heißt auf die Individualität jedes Patienten Rücksicht nehmen und die Therapie individuell ausrichten. Der Begriff Schulmedizin ist in Verruf gekommen. Man suggeriert, dass hier die technikgläubigen Apparatschiks sitzen, die jegliches Gespür für die Patienten verloren haben. Das ist doch unfair gegenüber naturwissenschaftlichen Methoden, die uns die moderne Medizin ermöglicht haben? Wer Schulmedizin abschätzig betrachtet, vergisst deren zahllose Erfolge. Ein Beispiel: Noch vor 60 Jahren wurde ein Ulcus ventriculi zwei bis drei Wochen im Spital mit Rollkuren behandelt, bei Therapieresistenz gab es den Billroth I und II als operative Endlösung. Heute ist ein Ulcus in wenigen Tagen mit Protonenpumpenhemmern geheilt. Schulmedizin und Komplementärmedizin sollen zum Wohle der Patienten aufeinander zugehen und auf Patienten hören, wenn diese über Wirkung oder Nichtwirkung von Medizin berichten.

Das Gespräch führte Raoul Mazhar

www.stafam.at/46-kongress

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