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© Hlib Shabashnyi / iStock
 
Allgemeinmedizin 19. Oktober 2015

Stress und Schmerz

Mit Entspannung gegen den Klassiker der Spannungsdysbalance

Kopfschmerzen zählen neben anderen psychosomatischen Beschwerden zu den Klassikern der Dysbalance zwischen Belastung und Entspannung. Im Rahmen der Erholungsforschung gehen Wissenschaftler wie Carmen Binnewies, Arbeitspsychologin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, der Frage nach, welche Faktoren für eine erfolgreiche Erholung wichtig sind.

In den vergangenen Jahren haben sich vor allem vier ursächliche Faktoren herauskristallisiert: Abschalten von der Arbeit, Erfahren der selbstbestimmten Freizeitgestaltung, Erleben von Entspannung und Schaffen von „Mastery-Ereignissen“ – Herausforderungen, durch die ein Mensch seinen Horizont erweitert. Das können eine aufregende und fordernde Sportart, das Erlernen einer neuen Sprache, eine Reise in den Dschungel oder ein erfüllendes Ehrenamt sein.

Nicht die Länge der Pause ist von entscheidender Bedeutung, sondern die Regelmäßigkeit und das ausreichend verfügbare Energiepotential nach der beruflichen und familiären Arbeit, um sich aktiv erholen zu können.

Aktuelle Forschungsarbeiten zeigen, dass die Art der Freizeitaktivität vom Arbeitsstress beeinflusst wird. In einer Studie mit Polizisten gaben diese an, nach besonders stressigen Tagen die freie Zeit mit weniger anstrengenden Tätigkeiten, wie Fernsehen, zu verbringen, als Sport zu treiben – obwohl sie sich bewusst sind, dass Sport zu einer besseren Erholung führt. Binnewies erklärt dieses Verhalten damit, dass der Mensch nur über ein gewisses Maß an Selbstregulation verfügt. Das führt nach einem angespannten Tag dazu, dass die Schwelle zur aktiven Erholung massiv erhöht ist. Fatalerweise führt dies dann zu eher negativen Stressfolgen wie Kopfschmerzen, sodass ein entspannter Zustand kaum noch zu erreichen ist. „Kopfschmerzen zeigen uns oft sehr unmittelbar nach einem stressigen Ereignis, dass wir unsere eigenen Kräfte und Ressourcen überfordert haben und der Körper Erholung braucht“, so Binnewies.

Wenig Wissen über den eigenen Kopfschmerz

Eine Befragung unter Kopfschmerzpatienten, die ein bestimmtes Analgetikum anwenden, deutet darauf hin, dass das Wissen bei Mi-gränebetroffenen eher gering ist: 34 Prozent der Teilnehmer, bei denen nach der International Classification of Headache Disorders (ICHD) diese Kopfschmerzform vorlag, hatten sie nicht als Einnahmegrund angegeben. „Die Erkrankung ist noch immer unterdiagnostiziert, auf Seiten der Betroffenen fehlen grundlegende Informationen zu Kopfschmerzerkrankungen“, so Dr. Charly Gaul, Chefarzt der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein zu den Ergebnissen.

In der Befragung gaben 14 Prozent der Frauen und 19 Prozent der Männer ihre Lebenssituation als sehr belastend an. 63 Prozent machen zu viel Arbeit und Stress dafür verantwortlich. Das scheint sich in der Nacht zu rächen: Extrem Gestresste werden im Vergleich zu entspannten Patienten oder zur Gruppe der leicht Gestressten doppelt so häufig zwischen 21.00 und 5.00 Uhr von Kopfschmerzen heimgesucht. Pro Monat haben sie häufigere und intensivere Kopfschmerzattacken im Vergleich zu weniger Gestressten.

Schneegrieseln im Blickfeld

Das auch als „Augenrauschen“ bezeichnete Phänomen „Visual Snow“ betrifft etwa ein Prozent der Bevölkerung und besonders viele Migräniker. Bei der Sehstörung nehmen die Betroffenen ständig unzählige winzige Punkte im Sehfeld wahr, die ihren Farbton in Sekundenbruchteilen ändern, was zu einem Flackern führt. Das Ergebnis gleicht einem schlecht eingestellten, analogen Fernsehbild, daher der Begriff „TV Snow“ oder „Visual Snow“ (VS). Beschrieben werden unter anderem durch das Sichtfeld „flottierende Würmchen und Linien“, Nachbilder bewegter Objekte (wie verwischt) oder auch Lichtempfindlichkeit. Selbst bei geschlossen Augen und absoluter Dunkelheit sind die Objekte vorhanden. Die Suche nach der richtigen Diagnose wird für Betroffene zu einer Odyssee, an deren Ende sie oft die Empfehlung erhalten, „sich zu entspannen“. Christoph Schankin, Klinikum der Universität München, Groshadern, berichtet von einer Bildgebungsstudie, die erstmals das Augenrauschen klinisch beschreibt. Darin wurde nachgewiesen, dass es sich bei VS um eine komplexe Erkrankung der Sehverarbeitung im Gehirn handelt. Die Ergebnisse lassen die Annahme zu, dass bei Visual Snow und Migräne (mit Aura) wahrscheinlich ähnliche Ursachen und Mechanismen zugrunde liegen.

Springer Medizin

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