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Allgemeinmedizin 19. Oktober 2015

Arzneimittelsicherheit

Surfen auf der enormen Informationswelle will gelernt sein, um nicht unterzugehen.

Mehr als 150.000 Fachartikel über Arzneimittel erscheinen allein in einem Monat, in etwa 20.000 biomedizinischen Journalen wird dieses Thema behandelt. „Wie findet man sich im Dschungel dieser Studienergebnisse am besten zurecht?“ So lautete die essentielle Frage auf der Sommerakademie der Österreichischen Apothekerkammer in Pörtschach. Für eine sinnvolle Nutzung all dieser Informationsquellen sind jedenfalls sowohl pharmazeutisches Wissen als auch menschlicher Hausverstand Voraussetzung.

„Arzneimittelinformation zählt zu den substantiellen Aufgaben des Apothekers an der Tara und in der Krankenhausapotheke“, postuliert dazu Mag.pharm Dr. Gunar Stemer, Anstaltsapotheke im AKH Wien. „Man versteht darunter die Erfassung und Bearbeitung von Arzneimittelpublikationen, von Arzneimitteltherapien, Medizinprodukten und Nahrungsergänzungsmitteln mit dem Ziel einer sicheren Therapie.“ Dafür wurden in einigen Krankenhäusern bereits sogenannte Arzneimittelinformationsabteilungen „AMI“ eingerichtet, – eine Wortkonstruktion, die einem Kreuzworträtsel entnommen sein könnte – , die aber einen deutlich positiven Einfluss auf die Ergebnisqualität zeigen. Vor allem neue Informationstechnologien, etwa Internet-basierte Datenbanken, mit Ergebnissen über Evidenz-basierte Medizin und Pharmazie bringen eine bessere Patientenbetreuung. An die Arzneimittelinformationsabteilung im AKH ergingen im vergangenen Jahr 1015 Anfragen, die verschiedenste Gebiete wie Dosierung, Therapie, Wechselwirkungen, oder Ernährungsprobleme betrafen.

Die Beurteilung der verfügbaren Informationen, die Sammlung von situationsabhängigen Zusatzinformationen, die Formulierung von Rückfragen, vor allem aber die kritische Analyse von Informationen oder das Erarbeiten von Antworten auf Probleme sind einige Fähigkeiten, die beim Apotheker gefragt sind. Voraussetzungen sind unabhängige Informationen, die sorgfältig recherchiert, getreu in der Wiedergabe von Details und aktuell sind. Ebenso wichtig wie eigenes Wissen ist auch die Fähigkeit, Wissensquellen und Erfahrungen – auch bei Kollegen – zu finden und auf ihre Anwendbarkeit zu prüfen. Besonders bei der Benützung von Internet und Suchmaschinen als Recherchewerkzeug muss auswahlstreng und kritisch vorgegangen werden. Das Health-on-the-Internet, HON, als Gütesiegel ist eine Möglichkeit, seriöse Webseiten mit balancierten und qualitätsgesicherten Informationen zu erkennen.

Nutzung von Literatur und Metaanalysen

Auch bei der Auswahl der Literatur muss kritisch vorgegangen werden, besonders wenn man Zusammenfassungen verwendet, die zwar einen raschen Überblick bieten, aber so manchen Fallstrick in der Interpretation legen können. Besonders die primäre Literatur kann einen wichtigen Ausgangspunkt für weitere Informationen bilden. Kritisches Hinterfragen, die Beachtung von Interessenskonflikten, die Einbeziehung von Guidelines, Expertengutachten und Consensus-Statements sichern eine hohe Evidenz, wie z.B. Cochrane-Zusammenfassungen. Patienten-relevante Endpunkte wie Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit von Medikamenten können so zum Nutzen des Patienten eingesetzt werden.

„Es empfiehlt sich auch, mehrere elektronische Datenbanken zu benützen und auch in sogenannter ‚grauer‘ – also nicht publizierter – Literatur nachzuschauen. Denn wer suchet, der findet,“ so Stemer aus der Informationsquelle im AKH. Das alles ist natürlich sehr zeitaufwendig und der Experte empfiehlt deshalb, wenn möglich, eine speziell ausgebildete Fachkraft von Fall zu Fall mit diesen Aufgaben zu betrauen. Diese kann beispielsweise Metaanalysen heranziehen, die eine höhere Präzision und Generalisierbarkeit und weniger Zufallsergebnisse bringen. Oder sie kann eine systematische Review erstellen, die eine konkrete Fragestellung, die Durchsicht und kritische Bewertung der entsprechenden Literatur und eine Zusammenfassung der Evidenz beinhaltet. Gute systematische Reviews und Meta-Analysen fassen die beste verfügbare Evidenz inklusive einer kritischen Bewertung zusammen und haben daher auch mehr Aussagekraft als Einzelstudien.

Ein Fallbeispiel

Am Beispiel eines Patienten mit Osteoarthritis, dem die Einnahme von Chondroitin empfohlen wird, zeigte Stemer, welche Auswirkungen Desinformationen aus dem Internet bei der Entscheidungsfindung haben können. Gleichzeitig illustriert es, wie gezieltes Hinterfragen und die Anwendung von qualitativ hochwertiger Evidenz eine informative Entscheidung objektiver und besser treffen lässt. Die Fragestellung betraf u.a. an welchem Ort Chondroitin wirkt, wie es oral zugeführt wirkt, welche Informationen zu Bioverfügbarkeit, Schmerzreduktion, Sicherheit und Wechselwirkungen verfügbar sind. Als Schlussfolgerung kam The Cochrane Collaboration zu dem Ergebnis, dass vermutlich eine geringe Schmerzreduktion bei sechsmonatiger Anwendung eintritt, bei mehr als sechs Monaten jedoch keine signifikante Schmerzreduktion im Vergleich zu Placebo belegbar ist. Unklarheiten treten noch bei weiteren untersuchten Ergebnisgrößen auf, es bestehen jedoch keine Sicherheitsbedenken.

Informationsquellen

Besonders positiv wird die „Pharmainformation“, eine vierteljährliche Publikation der Universität Innsbruck und die einzige Publikation aus Österreich, bewertet. „Der ‚Arzneimittelbrief‘, eine unabhängige Zeitschrift aus Deutschland, berichtet vor allem über kritische Therapie-Updates und hat eine Österreich-Beilage zu aktuellen Themen. Ebenfalls aus Deutschland kommt das kritische Periodikum „Arzneitelegramm“, das vor allem Nebenwirkungen aktuell bewertet und Kostenvergleiche anstellt sowie aktuelle Fragen beantwortet. Weiters empfiehlt sich HON und ISDB–Health on the internet (www.hon.ch) und International Society of Drug Bulletins (www.isdbweb.org) – sowie der Arzneimittelinformationsservice AKH Wien, ( ). So finden sich jedenfalls gangbare Wege aus dem Informationsdschungel.

Quelle: Sommerakademie der Österreichischen Apothekerkammer, Portschach 26.-28. Juni 2015

Gerta Niebauer, Apotheker Plus 8/2015

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